Jewgeni Prigoschin (†62) ist tot. Am Mittwoch ist ein Privatjet des Wagner-Bosses in der russischen Region Twer abgestürzt.
Insgesamt zehn Menschen, darunter drei Besatzungsmitglieder, kamen bei dem Absturz ums Leben. Die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti berichtete unter Bezugnahme auf Einsatzkräfte vor Ort, dass an der Absturzstelle in Twer noch am Abend die Leichen von acht Menschen gefunden wurden, darunter offenbar auch Prigoschins Leichnam. Erst verkündete der staatliche TV-Sender Rossija24 den Tod des Söldnerführers, wenig später auch die russischen Behörden.
Die russische Zivilluftfahrtbehörde Rosawiazija bestätigte, dass Prigoschin auf der Liste der Passagiere des Flugzeugs stand. «Eine Untersuchung des Absturzes des Embraer-Flugzeugs, der sich heute Abend in der Region Twer ereignete, wurde eingeleitet. Laut der Liste der Passagiere sind unter ihnen der Vor- und Nachname von Jewgeni Prigoschin», wird die Behörde von der russischen Nachrichtenagentur Tass zitiert.
Rechte Hand von Prigoschin auch an Bord?
«Nach vorläufigen Informationen kamen alle an Bord ums Leben», hiess es wenig später vom russischen Notfallministerium. Derzeit würden Suchaktionen durchgeführt.
Videos auf Telegram zeigten, wie das Flugzeug in Flammen aufging, rasch an Höhe verlor und abstürzte. An der Absturzstelle entstand dichter Rauch. Die Maschine war nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Verstka von Moskau nach St. Petersburg unterwegs gewesen und stürzte im Dorf Kujenkino, nordwestlich von Moskau, ab. Der Flieger startete gegen 19 Uhr Moskauer Zeit (18 Uhr Schweizer Zeit), die Verbindung brach um 19.11 Uhr (18.11 Uhr Schweizer Zeit) ab.
Neben Prigoschin soll sich auch ein weiterer Gründer der Gruppe Wagner, Dimitri Utkin (53), an Bord der Maschine befunden haben. Der russische Fernsehsender Zargrad behauptet, dass die Leichen von Prigoschin und Utkin noch am Mittwochabend am Ort des Flugzeugabsturzes vorläufig identifiziert wurden. Eine genetische Untersuchung stehe aber noch aus. Von offizieller Seite kam bislang keine Bestätigung, dass die Leichen identifiziert werden konnten.
Auf Telegram machte schnell die Nachricht die Runde, dass die Gruppe Wagner nach der Nachricht vom Tod ihrer beiden Anführer ein ausserordentliches Treffen einberaumen würde.
Ungewöhnlicherweise wurden die Informationen zur Passagierliste äusserst schnell veröffentlicht, hebt Verstka hervor. Normalerweise dauere dies Stunden. Das russische Medium «Fontanka» schreibt unter Berufung auf eine anonyme Quelle aus Prigoschins Umfeld, dass der zwielichtige Unternehmer nicht erreichbar war.
Wie die BBC schreibt, hatten sowohl Prigoschin als auch Utkin «Zwillinge» – Bürger, die offiziell ihren Vor- und Nachnamen zu Jewgeni Prigoschin oder Dimitri Utkin änderten. Diese «Namensvettern» sollen auch geschäftlich tätig gewesen sein.
Jet von russischer Armee abgeschossen?
Die Absturzursache war zunächst unklar. Der mit Wagner verbundenen Telegram-Kanal Gray Zone berichtet, dass der Jet von Luftverteidigungskräften in der Region Twer nördlich von Moskau abgeschossen wurde. Anwohner hätten vor dem Absturz zwei Knallgeräusche gehört und zwei Kondensstreifen gesehen. Die Gray-Zone-Angaben konnten zunächst nicht unabhängig verifiziert werden. Das Flugzeug mit der Hecknummer RA-02795 stand unter US-Sanktionen.
Der Tod des Wagner-Chefs bei dem Flugzeugabsturz am Mittwoch ist nach Ansicht der US-Regierung «keine Überraschung». Das erklärte die Sprecherin des nationalen Sicherheitsrats der USA, Adrienne Watson. US-Präsident Joe Biden (80) wurde nach Angaben des Weissen Hauses nach dem Flugzeugabsturz in Russland über die Lage auf dem Laufenden gehalten.
Biden äusserte sich kurz nach Watsons Statement vor Reportern. «Ich weiss nicht genau, was passiert ist, aber ich bin nicht überrascht», so der Demokrat gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg. Auf die Frage, ob seiner Ansicht nach Russlands Präsident Wladimir Putin (70) hinter dem Absturz stecke, sagte Biden: «Es gibt nicht viel, was in Russland passiert, hinter dem Putin nicht steckt.»
Deal mit Belarus-Diktator Lukaschenko
Ein weiterer Jet Prigoschins soll unbestätigten Medienberichten zufolge auf halbem Weg nach Moskau umgekehrt sein. Prigoschin hatte im Juni einen Aufstand gegen die russischen Streitkräfte angeführt. Auffällig: Am Abend des 23. Juni, also vor genau zwei Monaten, hatte Prigoschin seinen «Marsch der Gerechtigkeit» angekündigt.
Die Söldner eroberten die russische Stadt Rostow am Don und marschierten weiter Richtung Moskau. Erst ein dubioser Deal mit Belarus-Diktator Alexander Lukaschenko (68) stoppte den Wagner-Vormarsch. Im Anschluss an die Meuterei war Prigoschin ins Exil nach Belarus verbannt worden. Berichten zufolge nutzte der Wagner-Chef das Flugzeug auch kurz nach seiner gescheiterten Meuterei, als das Flugzeug am Morgen des 27. Juni von St. Petersburg nach Belarus flog.
Es sei offensichtlich, «dass Prigoschin in dem Moment, in dem er an Lukaschenkos bizarre Garantien und Putins ebenso absurdes Ehrenwort glaubte, ein besonderes Todesurteil für sich selbst unterzeichnete», schrieb Mychajlo Podoljak (51), Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski (45), auf Twitter. Die demonstrative Eliminierung Prigoschins und des Wagner-Kommandos zwei Monate nach dem Putschversuch sei ein Signal Putins an die russischen Eliten vor den Wahlen 2024. «Vorsicht! Illoyalität ist gleichbedeutend mit dem Tod.»