Darum gehts
- Die Pont Neuf in Paris wurde von Künstler JR zur Kunsthöhle umgestaltet
- Installationsprojekt «La Caverne du Pont Neuf» bietet Sound, Duft und Höhlen-Atmosphäre
- Temporäre Installation dauert bis Ende Juni
Wer derzeit in Paris über die Pont Neuf spaziert, reibt sich erst mal die Augen. Oder verliert kurz die Orientierung. Denn die älteste Brücke der Stadt ist plötzlich keine Brücke mehr, sondern eine Höhle.
Genauer: eine Kunsthöhle. Optik wie in den Alpen, mitten im Pariser Flachland.
Der französische Künstler JR (43), oft als «Frankreichs Banksy» bezeichnet, hat das Bauwerk mitten über der Seine in eine begehbare Installation verwandelt. Stoffbahnen wölben sich über die Brücke, imitieren Stein, Fels und Dunkelheit – und machen aus dem historischen Übergang eine Art künstlichen Tunnel ins Ungewisse.
Der Name des Projekts: La Caverne du Pont Neuf. Die Höhle des Pont Neuf. «Es soll ein bisschen unangenehm sein», sagte JR dem britischen «Guardian». «Wenn wir die Höhle betreten, sehen wir den Ausgang nicht. Wir müssen eine Reise durch unsere Quellen, unseren Ursprung, unternehmen, um dann einen Blick auf das Licht zu erhaschen. Es soll einen auf gewisse Weise beunruhigen.» Mission erfüllt.
Zwischen Louvre, Notre-Dame – und Höhlengefühl
Eigentlich kennt man die Pont Neuf als Postkartenmotiv: Eiffel-Turm in der einen Richtung, Notre-Dame in der anderen. Jetzt aber geht es nicht mehr um Aussicht, sondern um Durchgang.
Statt Skyline gibt es plötzlich Schatten. Statt Seine-Blick: Soundeffekte und eine leicht feuchte Höhlen-Atmosphäre. Wer Glück hat, denkt an Kunst. Wer Pech hat, an einen sehr ambitionierten U-Bahn-Bau.
Sound, Duft – und leichte Unruhe
Damit das Ganze wirklich wie eine Höhle wirkt, hat JR nachgeholfen: mit Windgeräuschen von Daft-Punk-Hälfte Thomas Bangalter und einem eigens entwickelten «Erde und Fels»-Duft.
Das Resultat: ein bisschen wie mulmige Ferien im Untergrund, ohne Ausgangsschild.
Touristen im Ausnahmezustand
Besonders beeindruckt sind offenbar amerikanische Besuchergruppen, deren Lautstärke selbst die künstliche Höhle nicht dämpfen kann. Zwischen «Wow!» und «Is this real?» bleibt wenig Raum für Kontemplation.
Am Ende der Installation wartet dann die Realität: Souvenirshop. Direkt nach dem «Tunnel ins Unbewusste».
Kunst wie ein Zirkus
JR selbst beschreibt das Werk als vergänglich: «Wie ein Zirkus, der kommt, eine Show macht und wieder verschwindet.» Die Installation verschwindet Ende Juni wieder und die Pont Neuf wird wieder zur Pont Neuf.
Doch ganz normal wird sie wohl nie mehr wirken.
Denn wer einmal durch die «Höhle» gelaufen ist, schaut künftig über die Seine – und fragt sich kurz, ob gleich wieder Daft-Punk-Wind losgeht oder der Souvenirshop um die Ecke lauert.