Kaum waren die Stimmen der Zwischenwahlen in den USA ausgezählt, erhoben Anhänger und Medien einzelne Vertreter zu Ikonen. Der britische «Guardian» listet zehn historische Premieren auf: «Die Gewinner der US-Midterms, die Wellen schlagen», heisst es dort. Auch für das «Wall Street Journal» geht eine Auswahl der Gewinner in die Geschichte ein.
Abdul El-Sayed (42) aus Michigan wird der erste muslimische Senator sein, Gina Hinojosa (52) die erste Latina-Gouverneurin in Texas, Chris Pappas (46) aus New Hampshire der erste offen homosexuelle Mann im Senat, Amy Acton (60) die erste Gouverneurin in Ohio und erste Jüdin in dieser Position.
Inhalte zweitrangig
Sie elektrisieren wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Über Inhalte wird kaum diskutiert. Geht in dieser identitätspolitischen Debatte die Politik unter?
Vor 18 Jahren schrieben die USA Geschichte. Der Demokrat Barack Obama wurde zum ersten schwarzen Präsidenten der Weltmacht gewählt. Bisher blieb er auch der einzige. Seit dem ersten US-Präsidenten George Washington (1732–1799) bis in die Gegenwart bekleideten ausser Obama nur weisse Männer das höchste Amt.
Es ist wichtig, wer im Weissen Haus regiert. Der Präsident – und wohl einmal: die Präsidentin – repräsentiert etwas. Die US-Bevölkerung besteht, neben den indigenen Völkern, aus Migranten. Ihre Geschichte formte ein heterogenes Land: von ihrer kolonialen Gründung über die Sklaverei bis hin zu den grossen Einwanderungswellen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Was Repräsentation heisst, lässt sich laut der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Hanna F. Pitkin (1931–2023) in vier Dimensionen fassen. Die «formelle Repräsentation» setzt das Grundgerüst: Sie regelt, wie Vertreter an ihr Amt kommen und ob sie für ihr Wirken zur Verantwortung gezogen werden können. Wenn Vertreterinnen und Vertreter die Gesellschaft demografisch widerspiegeln, spricht Pitkin von «deskriptiver Repräsentation».
Die «symbolische Repräsentation» misst sich daran, dass sich die Vertretenen vertreten fühlen, während sich die «substanzielle Repräsentation» auf das politische Handeln im Sinne der Vertretenen fokussiert.
Die Medien zelebrieren mit ihren Top-Ten-Listen die deskriptive Dimension. Aussen vor bleibt hingegen die substanzielle Frage: Inwiefern setzt sich die erste Latina in ihrer Rolle als Gouverneurin von Texas für die Interessen der Latino-Community ein?
Neue Schubladen
Indem Minderheiten in dieser Art von Berichterstattung beleuchtet werden, zimmert man neue Schubladen, statt sie zu schliessen. Politikerinnen und Politiker werden auf ihre äussere Identität reduziert, ohne auf ihr politisches Programm einzugehen.
Dem versuchte Barack Obama während seiner Amtszeit entgegenzutreten. Bewusst nahm er sich vor, der Präsident aller Amerikanerinnen und Amerikaner zu sein. «There’s not a black America and white America and Latino America and Asian America; there’s the United States of America», sagte Obama 2004, damals noch Staatssenator in Illinois.
Der Fokus muss sich auf den Charakter, die politischen Forderungen und Versprechen richten. Zugleich ist die Debatte um Repräsentation weiterhin zentral. Noch immer warten die USA auf die erste Frau, symbolisch für Chancengleichheit, die eine US-Präsidentschaftswahl gewinnt. Doch auch eine amerikanische Präsidentin ist eine leere Hülse, wenn sie die Interessen der Gesellschaft nicht vertritt.