VA Drohnenangriff nahe Odesa Helena Graf
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Direkt neben Blick-Reporterin:Video zeigt Drohnenangriff nahe Odesa

Blick-Reporterin Helena Graf (28) über lebensgefährliche Situationen in der Ukraine
Eine Drohne schlägt 300 Meter vor mir ein – ich gehe nachschauen

Drohnen schlagen wenige hundert Meter entfernt ein, über den Strassen kreisen russische Flugkörper. Blick-Reporterin Helena Graf erlebt in der Ukraine immer wieder lebensgefährliche Situationen. Was ihr hilft, wenn die Angst kommt.
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Helena GrafReporterin

Normalerweise zähle ich die Sekunden. Wie bei einem Gewitter. Ein Einschlag. Eins, zwei, drei. Der Knall. Je länger es dauert, desto weiter weg. Besonders bei Raketen funktioniert das gut. Dann entscheide ich: weiterlaufen, wegrennen oder Schutz suchen.

Doch manchmal bleibt keine Zeit zum Zählen. Dann schaltet mein Gehirn auf Autopilot. So wie vor wenigen Tagen.

Wir fahren südlich von Odessa in Richtung moldauische Grenze. Hier mündet der Strom Dnjepr ins Schwarze Meer. Eine Brücke führt über den Fluss. Sie ist immer wieder Ziel russischer Angriffe. Zurzeit versperren Checkpoints den Weg. Autos und Lastwagen müssen über eine zweite Brücke ausweichen.

Drohnen abgeschossen

Ich stehe im Stau. Über einen Feldweg fahre ich an den wartenden Bussen und Lastwagen vorbei. Die Kolonne staut sich vor der zweiten Brücke. Polizei und Militär sperren die Zufahrt. Ein Krankenwagen rast vorbei.

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Drohnen treffen Häuser und Lastwagen in Mayaki, südlich von Odesa.
Foto: Helena Graf

Ich stelle den Motor ab, hole meinen Laptop hervor. Fotos bearbeiten. Nach 45 Minuten winkt ein Offizier die Autos weiter. Ich fahre los.

Der Weg führt durch Hinterhöfe. Enge, einspurige Strassen. Plötzlich höre ich ein lautes Klacken. Drohnen werden abgeschossen. Dann knallt es.

Haus in Vollbrand

Mein Gehirn schaltet auf Autopilot. Erstarren, flüchten oder kämpfen. Bei mir kommt noch eine vierte Reaktion dazu: nachschauen.

Ich springe aus dem Auto. Eine Mauer versperrt mir die Sicht. Ich steige auf einen kleinen Erdhügel.

Vor mir liegt ein verwildertes Feld. 300 Meter dahinter steht ein Gebäude in Vollbrand. Flammen und Rauch wirbeln spiralförmig um das Gerüst. Menschen sehe ich keine.

Der Brand im Rückspiegel.
Foto: Helena Graf

Ich fahre weiter. Über eine provisorische Brücke, die den Dnjepr überspannt. Auf der anderen Flussseite steigt dichter Rauch auf. Auch hier stauen sich Lastwagen und Autos. Am Brückenkopf biege ich ab. Im Rückspiegel sehe ich den Brand. Eine Drohne hat einen Lastwagen getroffen. Fünf Menschen sind verletzt.

Der gefährlichste Moment kommt danach. Wenn der Autopilot abschaltet. Wenn mir bewusst wird, was gerade passiert ist. Dann kriecht die Angst unter die Haut. Und wenn sie einmal da ist, werde ich sie so schnell nicht mehr los.

So bereiten sich unsere Reporter auf den Kriegseinsatz vor

Reporterinnen und Reporter von Blick bereisen ständig Orte auf der Welt, an denen es gefährlich werden könnte. Sie es in Afghanistan, in der Ukraine oder in Syrien. Blick-Reporterin Helena Graf bereitet sich auf solche Einsätze jeweils minutiös vor.

Sie hat einen «HEST»-Kurs absolviert. Das steht für «hostile environment safety training» – zu Deutsch: «Sicherheitstraining für Einsätze in gefährlicher Umgebung.» Hinzu kommt ein Erste-Hilfe-Kurs in gefährlicher Umgebung.

Vor jedem Einsatz erfolgt eine Sicherheitseinschätzung von der Schweiz aus. «Dann entscheiden wir, ob und was wir ins Auge fassen», sagt Helena Graf. Vor Ort gibt es eine zweite Sicherheitseinschätzung. «Erst dann entscheiden wir, ob wir gehen.»

Während des Einsatzes meldet sich die Reporterin in vorher abgesprochenen Zeiträumen bei der Chefredaktion. Helena Graf sagt: «All diese Vorkehrungen ändern natürlich nichts an der Realität, dass wir uns hier zeitweise in Lebensgefahr begeben. Das muss uns allen bewusst sein.»

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Helena Graf

Reporterinnen und Reporter von Blick bereisen ständig Orte auf der Welt, an denen es gefährlich werden könnte. Sie es in Afghanistan, in der Ukraine oder in Syrien. Blick-Reporterin Helena Graf bereitet sich auf solche Einsätze jeweils minutiös vor.

Sie hat einen «HEST»-Kurs absolviert. Das steht für «hostile environment safety training» – zu Deutsch: «Sicherheitstraining für Einsätze in gefährlicher Umgebung.» Hinzu kommt ein Erste-Hilfe-Kurs in gefährlicher Umgebung.

Vor jedem Einsatz erfolgt eine Sicherheitseinschätzung von der Schweiz aus. «Dann entscheiden wir, ob und was wir ins Auge fassen», sagt Helena Graf. Vor Ort gibt es eine zweite Sicherheitseinschätzung. «Erst dann entscheiden wir, ob wir gehen.»

Während des Einsatzes meldet sich die Reporterin in vorher abgesprochenen Zeiträumen bei der Chefredaktion. Helena Graf sagt: «All diese Vorkehrungen ändern natürlich nichts an der Realität, dass wir uns hier zeitweise in Lebensgefahr begeben. Das muss uns allen bewusst sein.»

Ich kenne nur ein Mittel dagegen: in Bewegung bleiben. Körperlich und im Kopf. Mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt. Das nächste Interview. Die nächste Reportage. Die Strasse.

«Überleben – das ist ihre Kraft»

Im Sommer 2022 interviewe ich eine ukrainische Militärpsychologin. Sie arbeitet mit Menschen aus Butscha, die die russische Besatzung überlebt haben. Sie erklärt mir, dass das Gefühl von Hilflosigkeit traumatische Belastungen verstärken kann. Ihre Aufgabe sei es, den Menschen ihre eigene Stärke bewusst zu machen. «Sie haben überlebt. Das ist ihre Kraft.»

An diesen Satz denke ich manchmal zurück.

Letzten Winter fahren wir nachts von Pokrowsk nach Kramatorsk. Über uns kreisen Drohnen. Kilometerlange Netze spannen sich über die Strasse. Sie sollen die Fahrzeuge vor Angriffen schützen.

Mein Kollege ist zu müde, um weiterzufahren. Unser Übersetzer übernimmt das Steuer. Es gibt nur ein Problem: Unser Auto hat ein Schaltgetriebe. Und er ist seit zwanzig Jahren nicht mehr mit einem gefahren.

So sehen die Strassen an der Front in Donezk aus: mit Netzen überspannt.
Foto: Service de presse de the 24 mechanized/EPA/Keystone

Wir stehen mitten in der Nacht auf einer der gefährlichsten Strassen der Region Donezk. Über uns Drohnen. Neben mir sitzt ein Mann, der wissen will, wie das mit der Kupplung noch einmal funktioniert.

Ich denke an meine ersten Fahrstunden. Wie oft ich den Motor abwürge. Wie schwierig das Anfahren ist, wenn man nervös wird. Und wie wenig es hilft, wenn jemand neben einem die Geduld verliert.

Fahrstunde in der Drohnen-Hölle

Also bleibe ich ruhig. Erkläre ihm, wie er die Kupplung kommen lassen muss. Wann er Gas geben soll. Erster Gang. Wir rollen los. Dann der zweite.

Ich lobe ihn. Rede ihm gut zu. Wieder und wieder. Neunzig Minuten lang. «Ich habe die beste Lehrerin», jubelt mein Übersetzer. Wir kommen sicher in Kramatorsk an.

Manchmal reicht es, sich auf das nächste Problem zu konzentrieren. Den nächsten Gang. Die nächsten hundert Meter. Nicht auf alles, was passieren könnte.

Und manchmal hilft schwarzer Humor.

Vor einigen Jahren treffe ich Soldaten an der russischen Grenze nahe Sumy. Auf dem Rückweg vom Frontgebiet wird ein Militärauto von einer Drohne getroffen. Der Wagen driftet von der Strasse und geht in Flammen auf.

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Blick-Reporterin half Soldaten:«Er hat seinen Kopf in den Boden gepresst und geschrien»

Ich bin mit meinem Übersetzer und einem Kommandanten unterwegs. Wir holen einen Verletzten aus dem Wrack, helfen einem zweiten auf die Strasse. Es ist dunkel. Ein Militärauto hält und nimmt die Verletzten mit. Wir hauen ab.

«Shit happens»

Am nächsten Tag kehren wir zurück. Um das Wrack herum liegen Minen. Wir sehen sie erst jetzt. Der Kommandant steht neben mir. Ich sage: «Wir hatten echt Glück.» Er antwortet: «Shit happens». Wir lachen.

Der Kommandant und ich behalten Kontakt. Bis heute. Als ich diesen Herbst nach Kramatorsk reisen will, warnt er mich. «Ich will nicht, dass du gehst.»

Ich antworte mit seinen eigenen Worten: «Shit happens». Diesmal lacht er nicht.

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«Unser Roboter vernichtet sie»:Ukrainer schicken bewaffnete Maschinen an die Front
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