Oleksander und Iryna liessen Embryonen einfrieren – dann starb er an der Front
Seine Tochter kam drei Jahre nach seinem Tod zur Welt

Saschka ist elf Monate alt. Ihr Vater Oleksander ist seit fast vier Jahren tot. Er fiel als ukrainischer Soldat an der Front, lange bevor seine Tochter geboren wurde. Möglich machte ihre Geburt ein eingefrorener Embryo – und ein unerschütterlicher Kinderwunsch.
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Iryna lebt mit ihrer Tochter Saschka in Lwiw, Westukraine.
Foto: Helena Graf
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Helena GrafReporterin

Saschka (11 Monate) wirft den Nuggi auf den Boden. Iryna (41) hebt ihn auf, spült ihn ab und steckt ihn ihrer Tochter wieder in den Mund. Das Mädchen ist elf Monate alt. Sie hat die Ohren ihres Vaters, sagt Iryna. Seine Augen auch.

Ihren Vater wird Saschka nie kennenlernen. Er starb fast drei Jahre vor ihrer Geburt.

Oleksander liegt auf dem Marsfeld des Lychakiv-Friedhofs in Lwiw. Gefallen am 5. Dezember 2022 bei Dibrova im Osten der Ukraine. Saschka entstand aus dem letzten Embryo, den Oleksander und Iryna hatten einfrieren lassen.

Sie arbeiteten für die gleiche Firma: Iryna im HR, Oleksander als Programmierer.
Foto: zVg

Iryna schiebt den Kinderwagen weiter. Ihre Liebe sei nie ein Sturm gewesen. Nie ein grosses Drama. «Ich dachte immer, Liebe sei etwas sehr Emotionales, ein grosses Abenteuer», sagt sie. «Aber bei uns geschah alles ganz leise.»

Sie lernen sich 2013 auf einem Fest kennen. Oleksander arbeitet als Programmierer in derselben Firma wie Iryna. Am nächsten Tag lädt er sie auf einen Kaffee ein.

«Dann gehe ich kämpfen»

Iryna will ans Meer. Sie haben kaum Geld. Oleksander nimmt einen Kredit auf und fährt mit ihr nach Bulgarien. Eine Woche. Danach fragt er: «Wollen wir nicht zusammenziehen?»

Sie mieten eine Wohnung im Zentrum von Lwiw. Dritter Stock, Altbau. Die Heizung funktioniert nicht. Iryna zeigt heute hinauf zu den Fenstern. «Das war uns egal», sagt sie.

Ein Foto nach Irynas und Oleksanders Hochzeit.
Foto: zVg

Sie heiraten. Sie wollen ein Kind. Iryna wird nicht schwanger. Sie gehen in eine Kinderwunschklinik. Ärzte entnehmen ihr Eizellen und befruchten sie mit Oleksanders Spermien.

Sechs Embryonen. Ein Versuch scheitert. Dann noch einer. Die Embryonen werden weniger.

«Seine Augen waren verändert»

Am 24. Februar piept Irynas Telefon. Ein Kollege aus Kiew schreibt: «Sie bombardieren uns.»

Oleksander und Iryna könnten gehen. Sie bleiben. Oleksander stellt sich beim Einberufungsamt an. Vor dem Gebäude warten so viele Männer, dass er wieder nach Hause geschickt wird. Er versucht es noch einmal. Wieder nichts. Beim dritten Mal kommt er durch.

Die Armee stationiert ihn zunächst in Lwiw. «Ich will hier nicht meine Hosen durchscheuern», sagt er und bittet um Versetzung. Am 13. August fährt er mit einer Kampfeinheit in den Osten. Iryna wartet. Sie telefonieren, wann immer das Netz funktioniert und Oleksander Zeit hat.

Wie viele ukrainische Soldaten hatte auch Oleksander eine Katze an der Front.
Foto: zVg

Drei Monate später kommt er für einige Tage nach Hause. «Seine Augen waren verändert», sagt Iryna. Mehrere Kameraden sind gestorben.

Iryna und Oleksander gehen zu einem Notar. Sollte ihm etwas passieren, soll sie die eingefrorenen Embryonen verwenden dürfen. Einer ist noch da. Sie unterschreiben die Abmachung.

Von Scharfschützen getroffen

Am Morgen des 5. Dezember rollt Iryna ihre Yogamatte aus. Das Telefon klingelt. Oleksander. Er kommt gerade aus einer Stellung bei Dibrova. Er ist erschöpft, will schlafen. Sie reden über ein Paket, das Iryna ihm schicken will. Dann legen sie auf.

Gegen Mittag greifen russische Truppen an. Kameraden erzählen später, Oleksander habe Männer aus einem umzingelten Unterstand holen wollen. Er führt eine kleine Gruppe an. Ein Schuss trifft ihn.

In Lwiw beginnt Iryna zu weinen. «Einfach so», sagt sie. «Ohne Grund.» Sie wartet auf eine Nachricht. Keine kommt. Montag vergeht. Dienstag. Mittwoch. Seine Kameraden schreiben: «Er ist im Einsatz, alles ist gut.»

Kameraden holten ihn aus Kampfzone

Am Donnerstag erfährt Oleksanders Vater, dass sein Sohn vermisst wird.

Oleksander starb im ersten Kriegsjahr.
Foto: zVg

Sein Körper liegt bei Dibrova. Das Gebiet ist umkämpft. Der Kommandant will niemanden hineinschicken. Zu gefährlich. Einige seiner Kameraden gehen trotzdem. Sie bringen Oleksander zurück.

Auf dem Marsfeld in Lwiw bekommt er ein Grab. Iryna sitzt danach allein im Auto. Der Platz neben ihr ist leer. Sie weint.

«Ich wollte jede Minute des Schmerzes bewusst durchleben», sagt sie. Eineinhalb Jahre arbeitet sie mit einer Psychologin. Dann bereitet sie ihren Körper vor. Sie treibt Sport. Sie achtet auf ihre Ernährung.

Denn in der Klinik wartet noch ein Embryo. Der letzte.

«Ich kenne dich»

Ein Kamerad erzählt Iryna, Oleksander habe im Schützengraben einmal über sie gesprochen. «Ich kenne meine Iryna», habe er gesagt. «Sie ist stark. Sie wird es schaffen.»

Über zwei Jahre nach seinem Tod wird der Embryo eingesetzt. Und er wächst. Die Wehen kommen zu früh. Iryna fährt selbst ins Spital.

Die Ärzte machen einen Kaiserschnitt. Dann liegt das Kind vor ihr. Iryna schaut in das Gesicht. Sie sieht Oleksanders Augenform. Seine Ohren. «Ich kenne dich», sagt sie. Das Mädchen bekommt den Namen Oleksandra – Saschka. Nach ihrem Vater.

Saschka ist inzwischen 11 Monate alt.
Foto: Helena Graf

Seit dem russischen Einmarsch haben viele ukrainische Soldaten begonnen, Spermien einfrieren zu lassen. Auch Eizellen können konserviert werden. Seit 2025 übernimmt der ukrainische Staat die Kosten dafür.

Auf dem Marsfeld stehen inzwischen Hunderte Gräber. Jede Woche kommt Iryna hierher. Sie setzt sich zu Oleksander. Manchmal nimmt sie ihr Telefon heraus. Sie zeigt ihm Videos. Wie Saschka lacht, wie sie brabbelt.

Heute Morgen war sie bei ihm. Jetzt hebt sie Saschka aus dem Kinderwagen. Das Mädchen will nicht schlafen. Iryna stellt ihre Tochter auf den Boden, hält sie an beiden Händen. Saschka setzt einen Fuss vor den anderen – und strahlt.

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