«Töten oder getötet werden»
Bandenkriminalität in Schweden eskaliert

Kriminelle Banden haben Schweden offenbar fest im Griff. Immer mehr Gewaltverbrechen bestürzen die Bevölkerung. Die Regierung spricht von einer Eskalation.
Publiziert: 22.01.2023 um 17:08 Uhr
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Aktualisiert: 22.01.2023 um 17:34 Uhr
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Immer mehr Gewaltdelikte und Bandenkriminalität in Schweden: Polizisten stehen an dem Ort, an dem am Freitag in Solna bei Stockholm ein Mann erschossen aufgefunden wurde.

Schüsse fallen, Sprengladungen detonieren, und immer wieder trifft es Unbeteiligte: Ein brutaler Krieg zwischen verfeindeten Gangs hält Schweden in Atem. Allein im Grossraum Stockholm kam es zuletzt innerhalb weniger Stunden zu fünf Gewaltverbrechen. Ein Mann wurde getötet, Beamte fanden das Opfer mit Schusswunden. «Die Bandenkriminalität eskaliert», sagte Ministerpräsident Ulf Kristersson (59) am Samstag dem Sender SVT. «Das sind Menschen mit einem extremen Gewaltpotenzial, die auf der Suche nach Rache oder Status die Sicherheit und Freiheit anderer Menschen bedrohen.»

Donald Trump scheint also doch recht gehabt zu haben, als er im Februar 2017 etwas undefiniert: «Last night in Sweden», ins Mikrofon brüllte – und keiner wusste, was er meinte.

Kristerssons neue Regierung ist mit dem Versprechen angetreten, die Bandengewalt in den Griff zu bekommen, mit der Schweden schon seit Jahren ringt. 2022 kam es in dem EU-Land zu 388 Schusswaffenvorfällen, 61 Menschen starben. Die Polizei scheint die Kontrolle verloren zu haben. Seit 2015 ist die Aufklärungsquote bei tödlichen Attentaten abgesackt, 2022 führte lediglich jede vierte Tat zu einer Verurteilung. Die Folge: Morde würden von den Gangs als risikolos eingeschätzt, sagte der Kriminologe Amir Rostami. Die Kriminellen würden immer brutaler.

Anfang des Jahres traf Blick an zwei Tatorten in Schweden Menschen, die unter der Situation leiden. Die ausufernde Bandenkriminalität sorgt zunehmend für Hoffnungslosigkeit (siehe Video).

Fresh lebt in Vällingby: «Die Morde und Schiessereien sind schlecht»(02:19)

Regierung will Einwanderungspolitik verschärfen

Die Ermittlerin Caroline Asplund wirft der Polizei «Totalversagen» vor. Die Beamten forderten stets, dass andere wie Sozialdienste, Schulen und Eltern bei der Vorbeugung helfen müssten. Dabei fehle es der Behörde selbst an Selbstkritik.

Im Raum Stockholm nahmen Schüsse und Detonationen seit Weihnachten spürbar zu: Mehr als 20 Vorfälle zählte die Polizei insgesamt im Dezember.

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Justizminister Gunnar Strömmer (50) spricht von «Terroristen». «Deshalb ist es so unglaublich wichtig, dass wir nicht abstumpfen», sagte er. Etwa 190 Beamte aus anderen Landesteilen wurden zur Unterstützung in die Hauptstadt geschickt. Strömmer will unter anderem die Möglichkeiten zum Abhören mutmasslicher Täter ausweiten. Zudem will die konservative, von den Rechtspopulisten unterstützte Regierung die Einwanderungspolitik verschärfen. Auch das soll die Bandenkriminalität treffen: Experten zufolge rekrutieren sich Mitglieder zunehmend aus Einwandererfamilien.

Als einer der Hintergründe wird ein Konflikt um den Drogenmarkt in der Stadt Sundsvall knapp 400 Kilometer weiter nördlich vermutet. Dem SVT und der Zeitung «Aftonbladet» zufolge hat dort ein 24-Jähriger mit einem kriminellen Netzwerk das Sagen, ein in der Türkei lebender 36-Jähriger – der in Schweden als «kurdischer Fuchs» bekannt ist – wolle ihm die Position streitig machen. Mehrere Taten sollen sich demnach gegen Angehörige der beiden Hauptakteure gerichtet haben.

Regierungschef Kristersson: «Sehr ernste Lage in Schweden»(00:37)

Täter werden immer jünger

Eine Polizeisprecherin nannte die Situation «sehr angespannt». «Das ist nicht die Norm und ist in dieser Spirale der Gewalt noch nie vorgekommen», sagte sie. Ein Polizeiexperte für Bandengewalt, Gunnar Appelgren, sprach von einem sehr ernsten Konflikt. Es gehe um «töten oder getötet werden».

Opfer und Täter sind dabei immer jünger. Am Freitagabend wurden zwei Minderjährige bei einer Verfolgungsjagd verletzt. In dem Auto, mit dem sie unterwegs waren, fand die Polizei Waffen. Auch am Samstagnachmittag wurden drei junge Leute festgenommen, nachdem im Südstockholmer Stadtteil Enskede auf einen Menschen geschossen worden war. Die Hälfte der Verdächtigen sei unter 18, sagte die ermittelnde Kommandantin Hanna Paradis kürzlich.

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Die Verbrechen sorgen unter Anwohnern für Furcht. Am 27. Dezember etwa hörten zwei Mädchen im südlichen Stockholmer Vorort Enskededalen einen lauten Knall. Zuerst hätten sie gedacht, das Geräusch komme aus dem Fernseher, sagte die zehnjährige Liv SVT. Doch es war eine Detonation. Seitdem fühle sie sich unsicher, so das Mädchen. (SDA/bab)

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