Darum gehts
- Neue Modelle zeigen: Der Thwaites-Gletscher schmilzt im 21. Jahrhundert schneller als erwartet
- Warmes Tiefenwasser erodiert das Schelfeis, das den Eisstrom auf dem Festland noch zurückhält
- Bis 2100 könnte Thwaites den Meeresspiegel um drei Zentimeter erhöhen, bei Kollaps um 65 Zentimeter
Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis gehört zu den grössten und am schnellsten abschmelzenden Gletschern der Welt. Sollte er einmal komplett zu Wasser zerfliessen, droht ein Anstieg des Meeresspiegels um dramatische 65 Zentimeter. Das haben Forscher in den USA nun herausgefunden. Ganz unpassend ist darum sein düsterer Spitzname nicht: Als «Weltuntergangsgletscher», auf Englisch «Doomsday Glacier», macht der mächtige Eisstrom derzeit Schlagzeilen.
Eine neue Untersuchung in der Fachzeitschrift «Nature Communications» zeigt, dass der Gletscher bereits im 21. Jahrhundert viel stärker abschmelzen soll, als bislang angenommen.
«Gletscher wird immer weiter abschmelzen»
Wissenschaftler der University of California, Irvine, und des Jet Propulsion Laboratory der Nasa haben ein neues Computermodell entwickelt, mit dem die Vorgänge im Thwaites-Gletscher genauer untersucht werden können. Es zeigt sich: Das entscheidende Problem des Gletschers ist die ungünstige Topografie seines Untergrunds. Das Schelfeis, eine grosse auf dem Meer schwimmende Eisplatte, wird durch warmes Tiefenwasser von unten erodiert. «Das Schelfeis ist wie ein Bremsklotz, der den Eisstrom auf dem Festland zurückhält», erklärt Meteo-News-Experte Klaus Marquardt. Schmilzt diese Barriere ab, kann mehr Eis vom Kontinent ins Meer fliessen. «Die Flussgeschwindigkeit des Inlandeises beschleunigt sich dann.»
Die US-Forscher kommen zu dem Schluss, dass der Meeresspiegel noch bis 2100 allein durch das Abschmelzen des Thwaites-Gletschers um rund drei Zentimeter ansteigen könnte. Sollte der gesamte Gletscher einmal kollabieren, drohe ein Anstieg um über 60 Zentimeter. «Das wird nicht von jetzt auf morgen passieren», gibt Marquardt zunächst Entwarnung. «Aber über die Jahrhunderte wird der Gletscher immer weiter abschmelzen. Das hört nicht auf.» Einen dadurch ausgelösten Anstieg des Meeresspiegels um 65 Zentimeter hält er für durchaus realistisch.
«Bereits jetzt unumkehrbar»
Eine im Fachjournal «Geophysical Research Letters» veröffentlichte Untersuchung zeigt zudem, dass selbst bei einer starken Abkühlung des Ozeans die Schmelze des Thwaites-Gletschers nicht einfach gestoppt werden könnte. Eine Abkühlung hält Experte Marquardt ohnehin für unrealistisch: «Wie soll man das machen? Im Meer ist bereits sehr viel Energie gespeichert.»
Laut ihm ist der Kipppunkt längst erreicht. «Es ist jetzt bereits unumkehrbar, weil das System träge ist. Die Entwicklungen sind im Gange und werden sich noch weiter beschleunigen.» Menschen täten sich schwer damit, sich mit den Gefahren auseinanderzusetzen, «weil es sie selbst nicht mehr betreffen wird».
Den Begriff «Weltuntergangsgletscher» hält er zwar für überspitzt, doch es sei richtig, dass der steigende Meeresspiegel die Küstenregionen einmal stark bedrohen wird. «In der Schweiz werden wir vom Ozean nichts merken, doch es wird verstärkte Migrationsbewegungen geben. Denn die ganzen Menschen aus den Küstenstädten müssen ja irgendwo hin.»