Sohn Saif al-Islam ist tot
Das wurde aus Gaddafis Schreckens-Clan

Am Dienstag ist ein Sohn des ehemaligen libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi erschossen worden. Der Rest des Clans, der einst auch in der Schweiz eine Krise auslöste, lebt heute ausserhalb seines Landes. Eine Spurensuche.
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Gaddafis Sohn Saif al-Islam ist in Zintan ermordet worden
Foto: POOL/AFP via Getty Images

Darum gehts

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Guido FelderAusland-Redaktor

Die vier maskierten Täter kamen mitten in der Nacht, schalteten die Überwachungskameras aus und eröffneten das Feuer: Saif al-Islam al-Gaddafi (†53), der Sohn des ehemaligen libyschen Machthabers, starb am frühen Dienstagmorgen in einem Kugelhagel in seiner Residenz in Zintan. Trotz Gegenwehr hatte er keine Chance. Wer die Täter sind: unbekannt. Was das Motiv war: ebenfalls unklar.

Obwohl er die Grausamkeit seines Vaters Muammar (1942–2011) geerbt hatte, ist der Tod des Diktatorensohns ein heftiger Rückschlag für das Land. Denn er galt als möglicher und hoffnungsvoller Präsident des Problemstaates. Nun ist unwahrscheinlich, dass jemals wieder ein Gaddafi an die Macht kommt.

Wer war Saif al-Islam? Der zweitälteste Sohn stand seinem Vater Muammar stets zur Seite. Bei den Aufständen 2011 war er an der blutigen Niederschlagung der Proteste beteiligt. Er wurde deswegen zuerst zum Tode verurteilt, später aber im Rahmen einer Amnestie freigelassen. Sein Vater starb während der Aufstände – vermutlich an den Folgen von Misshandlungen durch Rebellen, die ihn in einer Betonröhre versteckt fanden.

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Die Gaddafis in den 1970er Jahren zusammen mit der indischen Premierministerin Indira Gandhi (m.). Von links: Gaddafis Frau Safiya, Hannibal, Saif al-Islam, Aisha, Vater Muammar und Mutassim.
Foto: IMAGO/ABACAPRESS

Trotz der Loyalität zu seinem brutalen Vater galt der einflussreiche Saif al-Islam als Hoffnungsträger: Er hatte seine Ausbildung unter anderem an der London School of Economics gemacht und wollte 2021 als Präsidentschaftskandidat das zerrüttete Land in eine moderne Zukunft führen. Viele Libyer setzten auf ihn, weil er sich gemässigt gab und ihnen das Ende des Chaos versprach. Aber genau wegen dieses Chaos konnten die Wahlen nicht durchgeführt werden.

Was der Clan macht

Nach dem Anschlag verschwindet der Schreckensname Gaddafi immer mehr. Von Muammar al-Gaddafis zehn Nachkommen, darunter zwei Adoptierte, leben heute noch fünf. Keiner von ihnen wird jemals eine Rolle in Libyen spielen.

Mohammed (55), der Ingenieur: Ehemaliger Besitzer eines Mobilfunkunternehmens und Präsident des libyschen Olympischen Komitees. Stand wegen des Bürgerkriegs auf der EU-Sanktionsliste. Hat im Oman Asyl bekommen.

Al-Saadi (52), der Fussballprofi: Spielte 2003/04 bei der AC Perugia in der italienischen Serie A, wo er wegen Dopings drei Monate gesperrt wurde. Während des Aufstands Oberbefehlshaber von Sondereinheiten. Wurde 2021 aus dem Gefängnis entlassen und lebt heute möglicherweise in der Türkei.

Hannibal (50), der Aggressive: Sorgte in der Schweiz und Frankreich für Schlagzeilen wegen Gewalt. Wurde 2015 in Syrien wegen Verschwindens eines Geistlichen entführt und bis 2025 im Libanon inhaftiert. Lebt heute vermutlich in einem Golf-Staat.

Aisha (49), die Kämpferin: Die wegen ihrer gefärbten Haare «Claudia Schiffer der Wüste» genannte Aisha war der grosse Stolz ihres Vaters. Gehörte zum Anwaltsteam des irakischen Diktators Saddam Hussein (1937–2006). Setzte sich gegen die Unterdrückung von Frauen in der arabischen Welt ein. Bekam im Oman Asyl.

Hana (45?) und Milad (?), die Adoptierten: Über sie weiss man nicht viel. Laut Gerüchten rettete Milad seinem Vater 1986 bei US-Bombenangriffen das Leben, während Hana starb. Andere Quellen sagen, dass Hana lebt und sich später in London zur Ärztin ausbilden liess.

Gaddafis Hass auf die Schweiz

Vater Gaddafi herrschte über das Land mit Brutalität. Und in der Schweiz löste er eine Krise aus. Nachdem die Genfer Polizei Sohn Hannibal im Jahre 2008 wegen Misshandlung seiner Hausangestellten vorübergehend festgenommen hatte, forderte Gaddafi die «Auflösung der Schweiz» und nahm zwei Schweizer Geschäftsleute als Geisel. Der damalige Bundespräsident Hans-Rudolf Merz (83) reiste nach Tripolis und bekam die beiden Männer nur durch eine Entschuldigung nach rund zwei Jahren frei. Eine der Geiseln, Max Göldi, sagte 2018 im Blick-Interview: «Die Schweiz hat langsam und zu spät reagiert.»

Heute gibt es in Libyen zwei grosse Machtzentren: Im Westen sitzt die international anerkannte «Regierung der Nationalen Einheit» mit begrenzter Kontrolle, im Osten der mächtige General Chalifa Haftar (82) samt der Libyschen Nationalarmee. Wahlen wurden mit Uno-Hilfe mehrfach angesagt, aber immer wieder verschoben. Mehrere Staaten wie Russland, die Türkei, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate versuchen im öl- und gasreichen Staat Einfluss zu nehmen.

Muammar al-Gaddafi war zwar äusserst brutal, doch gelang es ihm mit seiner eisernen Hand, das Land einigermassen zusammenhalten. Als er gestürzt und getötet wurde, begann der Kampf um Macht und Einfluss. Nach dem Tod von Hoffnungsträger Saif al-Islams könnte dieser Kampf weiter ausarten.

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