Darum gehts
- Russischer Angriff auf Nato bleibt laut Experten eine reale Gefahr
- Moskau plant möglicherweise Offensive gegen Ukraine im späten Frühjahr 2026
- Simulation zeigt: Politisches Zaudern der Nato könnte Bündnis destabilisieren
«Wir sollten Russland nicht unterschätzen», warnte kürzlich Sönke Neitzel (57) in einem Podcast der «Bild» vor der Schlagkraft der Truppen aus Moskau. Der deutsche Militärhistoriker ist damit nicht allein. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs melden sich immer wieder Fachleute zu Wort, entwerfen Szenarien und stellen dieselbe Kernfrage: Könnte die Nato einem russischen Angriff standhalten – und wenn ja, wie lange?
Neitzel wird noch deutlicher und nennt die These, Russland werde wegen seiner bisherigen Kriegsbilanz keinen Konflikt mit der Allianz riskieren, «grundfalsch». Kriege folgten keiner linearen Logik – ihr Verlauf lasse sich schlicht nicht verlässlich prognostizieren.
Droht die nächste russische Grossoffensive?
Währenddessen verdichten sich Hinweise auf neue militärische Vorbereitungen. Laut Berichten der «Kyiv Post» konzentriert Moskau Truppen und Material für eine neue, grossangelegte Ukraine-Offensive mit dem Ziel, das Land entscheidend zu schwächen und Kiew zu Zugeständnissen zu zwingen.
Auch Roman Pohorily von der Forschungsgruppe Deep State UA erklärte Anfang Februar auf einer Sicherheitskonferenz in Kiew, Russland habe strategische Reserven aufgebaut. Der Angriff könne im späten Frühjahr beginnen – zunächst im Osten, danach im Süden.
Hinzu kommt ein geopolitischer Faktor: Die USA haben ihre Unterstützung für Kiew 2025 weitgehend zurückgefahren. Die Hauptlast tragen inzwischen europäische Staaten, wie ein Bericht des Instituts für Weltwirtschaft im deutschen Kiel zeigt. Damit rückt nicht nur das Thema der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine stärker in den Fokus, sondern auch die Frage: Was, wenn Russland die Ukraine spätestens im Sommer in die Knie zwingen sollte?
«Was, wenn Russland uns angreift?»
Unter dem Titel «Ernstfall – Was, wenn Russland uns angreift?» simulierten das German Wargaming Center der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg genau diese Ausgangslage: «Im Szenario war es so, dass es einen Waffenstillstand im Sommer 2026 gibt», so der österreichische Analyst Franz-Stefan Gady, der im Planspiel die Strategie der russischen Seite entwickelte, zur «Bild». Und weiter: Russland habe dann Zeit gehabt, um seine Truppen aufzufrischen, neu auszubilden, auch zu verschieben.
Auslöser der simulierten Eskalation soll ein humanitärer Vorwand in der russischen Exklave Kaliningrad sein. Um einen angeblichen Korridor zu schaffen, rücken russische Einheiten nach Litauen vor und sichern strategisch wichtige Punkte, darunter die Stadt Marijampolė.
Die Reaktion des Westens bleibt im Modell zögerlich. Washington erkennt den Nato-Bündnisfall zunächst nicht eindeutig an, Berlin wartet ab. Zwar mobilisiert Polen – greift jedoch nicht ein. Blockierte Verkehrswege und Drohnen verhindern eine rasche Verstärkung. Mit vergleichsweise wenigen Soldaten gelingt es Russland, Fakten zu schaffen und Teile des Baltikums zu isolieren.
Russlands Ziel: die Diskreditierung der Nato
Entscheidend ist laut der Simulation weniger die militärische Stärke Russlands als das politische Zaudern der Allianz. In den ersten 48 Stunden fehlt eine gemeinsame Antwort. Damit lastet der Druck auf Europa allein – und die Hilfe bleibt aus.
Für Gady liegt genau darin das strategische Kalkül: Moskau zwingt die europäischen Hauptstädte zu einer Risikoabwägung – hohe Verluste riskieren oder Gebietsverluste akzeptieren. Besonders für Deutschland wäre dies eine politische Extremsituation.
Die Konsequenzen wären gravierend. «Das Kriegsziel Russlands im Baltikum ist die Diskreditierung der Nato als Bündnis und die Schwächung (...) der Europäischen Union. Und das kann erreicht werden, indem es glaubwürdig demonstriert, dass die Nato und andere Länder der EU nicht wirklich viel machen können, wenn Russland quasi sagt: Wir schneiden das Baltikum vom Rest Europas ab», so Gady – und genau darin liege die eigentliche Gefahr.