Darum gehts
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«Wir sind bereit»: Mit unverhohlener Kriegsrhetorik schlägt Wladimir Putin (74) gegen Europa. Diesmal hat er es auf die Ostsee abgesehen. Seine brisante Warnung nach dem Russland-Afrika-Gipfel vom Donnerstag: Vor Skandinavien und dem Baltikum könnte bald eine Lage wie an der berüchtigten Strasse von Hormus herrschen – Europas Seewege könnten empfindlich gestört werden.
Viele europäische Länder hängen am Tropf der Ostsee-Routen. Minen und verdeckte Sabotage würden Lieferketten zerreissen und Preise explodieren lassen. Was Putin gerade macht, ist, eine neue Eskalationsstufe zu zünden.
Europas Armeen sind in Alarmbereitschaft. Die Nato hat ihre Präsenz an der Ostflanke massiv hochgefahren und die schwedische Schlüsselinsel Gotland zur Festung ausgebaut. In Europa wird befürchtet, dass die Insel den Russen bei einer Eskalation als Basis dienen könnte.
Neue Droh-Stufe des Kremls
Dass der Kreml mit Säbelrasseln operiert, ist Routine. Selbst mit der atomaren Keule wurde wiederholt gedroht. Am Donnerstag legte Wladimir Putin in Moskau jedoch nach: «Wenn jemand von Ihnen Krieg möchte, soll er sich vorbereiten.»
Die eigentliche Zuspitzung folgte im Nachsatz: «Will jemand, dass die Ostsee in die gleiche Situation gerät wie der Persische Golf oder die Strasse von Hormus? Wir wollen das nicht, aber wir werden auf jede Herausforderung reagieren.»
Drohungen reichen schon
Was vordergründig wie eine Warnung klingt, markiert in Wahrheit eine neue Eskalationsstufe der russischen Doktrin: Einerseits warnt Putin die Europäer davor, die Ostsee für russische Schiffe abzuriegeln. Andererseits droht er unverblümt damit, eine von Europas wichtigsten Seeverbindungen in eine unpassierbare Gefahrenzone zu verwandeln.
Dafür braucht Russland keine offenen Seeschlachten gegen Nato-Verbände. Das Prinzip Hormus funktioniert über asymmetrischen Terror.
Im Persischen Golf reicht die Androhung von Schlägen, um maritime Versicherer wie Lloyd’s zu alarmieren. Platziert Moskau Seeminen, greift zivile Frachter an oder inszeniert Zwischenfälle, schnellen die Policen für die Ostsee in astronomische Höhen. Reeder meiden die Passagen, Frachtraten explodieren – und die Seewege trocknen wirtschaftlich aus, ohne dass ein einziger Schuss auf eine Nato-Fregatte fällt.
Mit flächendeckenden GPS-Störsendern aus Kaliningrad und St. Petersburg blendet Russland bereits heute zivile Navigationssysteme. In den teilweise engen Inselgruppen treibt dies das Kollisions- und Strandungsrisiko für Tanker dramatisch nach oben. Zudem hat das Kappen von Strom- und Datenkabeln durch schleifende Anker der berüchtigten Schattenflotte längst gezeigt, wie verwundbar die Lebensadern Skandinaviens sind.
Mehrere Länder abgeschnitten
Mit 2000 bis 3000 Schiffen gleichzeitig gehört die Ostsee zu den am dichtesten befahrenen Gewässern der Erde. Eine Lähmung dieser Hauptschlagader wäre verheerend: Für Finnland, das gegen 95 Prozent seines Aussenhandels über das Meer abwickelt, käme sie einer logistischen Strangulierung gleich. Auch die baltischen Staaten, Schweden, Polen und Deutschland träfe der Preisschock mit voller Wucht.
Doch Putins Drohkulisse bleibt ein riskantes Doppelspiel. Macht er die Ostsee unpassierbar, schneidet er sich ins eigene Fleisch: Über Häfen wie Primorsk bei St. Petersburg exportiert Moskau lebenswichtiges Rohöl. Vor allem aber hängt die hochgerüstete Exklave Kaliningrad – abgesehen von einem schmalen Schienenkorridor durch Litauen – am seidenen Faden der Seeroute.
Der wahre Sprengstoff in Putins Hormus-Drohung liegt im Austesten des Nato-Bündnisfalls. Ein rätselhafter Minenfund, ein gekapptes Unterseekabel, ein treibender Tanker ohne Flagge – reicht das für Artikel 5, für die Beistands-Klausel im Nato-Vertrag? Der Kreml weiss genau, dass das Bündnis bei diffusen Attacken zögert.
Mit dem Hormus-Vergleich erklärt Putin die Ostsee schrittweise zur gesetzlosen Grauzone. Er kann das Nato-Meer militärisch nicht beherrschen. Daher droht er damit, es für grosse Teile Europas unbenutzbar zu machen.