Darum gehts
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In einer Recherche mit Thriller-Potenzial haben Medien den flüchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek (45) in Moskau aufgespürt. Dort geniesst der ehemalige Chef des Finanzunternehmens, dem Betrügereien in Milliardenhöhe vorgeworfen werden, vor den westlichen Strafverfolgungsbehörden dank einer Gegenleistung Schutz: Er arbeitet für den russischen Geheimdienst unter verschiedenen Identitäten als Spion.
Marsalek ist kein Einzelfall. Flüchtige Verbrecher aus dem Westen werden für Geheimdienste in Russland und auch dem Iran immer wichtiger. Auch Mafiosi haben ihre Finger im Spiel.
Der Wirecard-Skandal erschütterte ganz Deutschland. 2020 wurde aufgedeckt, dass der Zahlungsdienstleister seinen Investoren jahrelang mit gefälschten Umsätzen Gewinne in Milliardenhöhe vorgetäuscht hatte.
Jan Marsalek war operativer Chef (COO) und gilt als Hauptdrahtzieher der Bilanzfälschung. Als der Skandal bekanntwurde, floh er mit einem Privatjet über Belarus nach Russland. Die deutschen Behörden suchten ihn per internationalem Haftbefehl, auch in «Aktenzeichen XY» wurde er zur Fahndung ausgeschrieben.
Auch Ex-Vize-Sheriff in Moskau
Diese Woche berichteten unter anderem der «Spiegel» und das ZDF, dass sich Marsalek unter dem Namen Alexander Michailowitsch Nelidow in Moskau aufhalte. Unter mehreren Scheinidentitäten soll er für den russischen Geheimdienst ins Kriegsgebiet in der Ukraine gereist sein. Ein gemeinsames Rechercheteam von verschiedenen Medien hatte sich jahrelang an die Fersen des Gesuchten geheftet.
Nebst Marsalek tummeln sich in Moskau noch andere Kriminelle aus dem Westen, die sich einer Strafverfolgung entziehen. So zum Beispiel der US-Amerikaner John Dougan (52): Der ehemalige Vize-Sheriff aus Florida hat wegen einer Reihe von Anklagen in Russland Unterschlupf gefunden.
Der Schweizer Geheimdienstexperte Adrian Hänni vom Institut für Zeitgeschichte in München sagt gegenüber Blick: «Dougan wurde zu einem wichtigen Player der russischen Propaganda- und Desinformationskampagnen gegen westliche Gesellschaften. Gemäss Dokumenten europäischer Nachrichtendienste geschieht diese Tätigkeit im Auftrag und Sold des russischen Militärgeheimdiensts GRU.»
Der Druck, ausländische Spione anzuheuern, wurde für den russischen Präsidenten Wladimir Putin (72) grösser, nachdem europäische Staaten nach der Ukraine-Invasion Hunderte von russischen Diplomaten ausgewiesen hatten. Viele Angestellte von Botschaften standen unter Verdacht, für ihr Land zu spionieren.
Mafiosi arbeiten für den Iran
Einen ähnlichen Trend wie in Russland beobachtet Hänni im Iran, wo das organisierte Verbrechen seine Finger im Spiel hat. «Einige Mafiabosse dürfen den Iran seit einiger Zeit als Rückzugsort nutzen, müssen aber im Gegenzug ihre kriminellen Netzwerke im Westen den iranischen Geheimdiensten für Operationen zur Verfügung stellen», sagt Hänni. Hier gehe es vor allem darum, Anschläge gegen iranische Dissidenten, zuletzt auch gegen israelische oder jüdische Ziele, auszuführen.
Generell sind Kriminelle für Geheimdienste wichtige Mitarbeiter – gerade auch für Russland. Die Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin (SWP) schreibt: «Verschiedene Aspekte machen kriminelle Akteure vor allem für autoritär regierte Staaten interessant.»
Die Stiftung nennt dabei Cyberkriminelle, die von den Geheimdiensten gezielt eingesetzt würden, dafür um eine Strafe herumkommen. «Sie haben in Russland einen sicheren Hafen, um ihre Attacken – vornehmlich im europäischen und US-amerikanischen Ausland – durchzuführen», schreibt die SWP.
Beim Fall Marsalek liegt zwar noch vieles im Dunkeln, doch für Hänni ist klar: «Aufgrund der bekannten Informationen war Marsalek für die russische Westspionage sicher nicht ganz unbedeutend.»