Darum gehts
- Maricarmen Abascal starb nach der Wohnungsräumung in Madrid
- Sie sollte statt 500 neu 1650 Euro Miete zahlen
- Proteste folgten; Sánchez kündigte Neuwahlen an
Das Schicksal der alten Frau bewegt das ganze Land. Maricarmen Abascal lebte 70 Jahre lang in der gleichen Wohnung in Madrid. Zuerst mit ihren Eltern, dann nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter, und seit deren Tod im Jahr 2005 alleine.
2018 wechselte das Haus den Besitzer. Die neue Eigentümerin, die Immobiliengesellschaft Urbagestión, stellte die Gültigkeit ihres Mietvertrags infrage. Denn Maricarmen Abascal bezahlte seit Jahren nur gerade 500 Euro pro Monat. Das ist auf ein Gesetz zurückzuführen, wonach bei einem Mieterwechsel von einer Generation auf die andere der Mietpreis nicht erhöht werden darf.
Doch Urbagestión stellte sich auf den Standpunkt, dass die zweite Übertragung des alten Mietvertrags bei gleichbleibender Miete rechtlich nicht mehr gültig war. Vor Gericht bekam die Mieterin zuerst Recht, die zweite Instanz aber entschied anders und stellte sich hinter die Hausbesitzerin.
Maricarmen Abascal stand vor der schweren Entscheidung: ausziehen oder einen neuen Mietvertrag mit einem monatlichen Zins von 1650 Euro akzeptieren. Oder die Wohnung für 247’000 Euro kaufen. Mit einer Monatsrente von 1400 Euro blieb nur eines: Auszug.
Nach drei gescheiterten Räumungsversuchen wurde die geschwächte Frau am 23. September auf einer Bahre herausgetragen und in ein Spital transportiert. Vor dem Haus versammelten sich Hunderte von Leuten, die protestierten.
Aus dem Spital wandte sie sich an die Spanier: «Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen, aber ich habe dafür gekämpft, damit auch andere für das kämpfen, was ihnen zusteht», sagte sie vom Krankenbett aus.
Demonstrationen nach Parlamentsdebatte
15 Tage nach der Räumung ist Maricarmen Abascal am Mittwoch gestorben. «Wir bedauern, mitteilen zu müssen, dass Maricarmen am heutigen Tag verstorben ist», schrieb der Mieterbund, der der Frau beigestanden hatte. Ob der Tod im Zusammenhang mit der Räumung steht, ist nicht bekannt.
Seit der Zwangsräumung und nachdem die rechte Parlamentshälfte striktere Mietgesetze abgelehnt hatte, gehen in Spanien unter dem Motto «Ni una Maricarmen más» (Keine weitere Maricarmen) Zehntausende von Personen auf die Strasse. Auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid wurde ein Protestcamp mit rund 150 Zelten aufgebaut.
Der Fall um Maricarmen Abascal führt zu heftigen Diskussionen über mehr Rechte für Mieter im Parlament (lies hier, wie das spanische Mietsystem versagt). Weil sich die rechte Seite erfolgreich dagegen wehrte, hat der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez (54) Neuwahlen auf den 29. November angekündigt. Er führt das Land zurzeit mit einer linken Minderheitsregierung. Auf den 11. November haben die Gewerkschaften zum landesweiten Generalstreik aufgerufen.
Wird Spanien nun rechts?
Mit den Neuwahlen dürfte sich Sánchez ins eigene Fleisch schneiden. Denn laut Umfragen liegen die Sozialisten hinter der konservativen Opposition. Am ehesten wahrscheinlich erscheint zurzeit eine Koalition der konservativen Volkspartei (PP) mit der rechtspopulistischen Vox.
Fast wäre der Fall sogar noch mit einem Happy End ausgegangen. Vor kurzem einigte sich Urbagestión mit Abascals Vertretern auf einen neuen, achtjährigen Mietvertrag. Sie hätte für rund 500 Euro im Monat in ihre Wohnung zurückkehren können. Doch dazu kam es nicht: Am Mittwoch sollte sie den Vertrag unterschreiben. Wenige Stunden zuvor verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch – und Maricarmen starb, bevor sie nach Hause zurückkehren konnte.