In den fast ausschliesslich von Serben bewohnten Norden des Kosovos ist eine militärisch ausgerüstete Kampftruppe eingedrungen. «Es sind mindestens 30 Mann, schwer bewaffnet, uniformiert, professionelle Militärs oder Polizisten, die im Dorf Banjska von unseren Polizeikräften umstellt sind», sagte der kosovarische Ministerpräsident Albin Kurti (48) am Sonntag auf einer Pressekonferenz in Pristina.
Bereits in den frühen Morgenstunden hatte sich der Trupp, der vermutlich aus dem benachbarten Serbien eingedrungen war, ein Gefecht mit kosovarischen Polizisten geliefert. Dabei wurden ein Beamter getötet und ein weiterer verletzt, wie das Innenministerium in Pristina bestätigte. Der Verletzte schwebte am Sonntagnachmittag nicht in Lebensgefahr, wie Kurti am Sonntag auf Facebook schrieb.
Die Angreifer hatten offenbar einen Hinterhalt gelegt. Die kosovarischen Polizisten gerieten unter Feuer, als sie zwei Lastwagen ohne Kennzeichen untersuchten. Diese waren auf einer Brücke abgestellt und blockierten den Zugang nach Bangka nahe der Stadt Mitrovica.
Kurti berief den Nationalen Sicherheitsrat ein und präsentierte der Öffentlichkeit eine Reihe von Fotos, auf denen in der Nähe des orthodoxen Klosters in Banjska Geländewagen ohne Kontrollschilder zu sehen waren. Ebenfalls auf den Aufnahmen: ein gepanzerter Mannschaftstransporter, «der nicht zur Polizei des Kosovo gehört». Die Angreifer haben sich gemäss «Blic» in dem Kloster verschanzt, gelegentlich seien Schüsse zu hören. Auf Fotos war zu sehen, wie ein bewaffneter Mann einen Geistlichen bedrohte.
Schnellfeuergewehre, Gewehrgranaten, Handgranaten
Bei dem Gefecht am frühen Morgen setzten die Angreifer neben Schnellfeuergewehren auch Gewehrgranaten und Handgranaten ein. Kosovarische Medien berichteten, Einwohner seien in der Nacht durch Schüsse und Explosionen geweckt worden. «Das war ein richtiger kleiner Krieg: Erst einige Schüsse, dann Ruhe, Schüsse, Explosionen», sagte ein Einwohner der serbischen Nachrichtenagentur Kossev.
Kurti macht Serbien verantwortlich. Strassen und Grenzübergange in das Nachbarland seien blockiert worden, hiess es in den Medien.
Es handle sich um einen Angriff auf den Staat Kosovo, so Kurti. Er forderte die von den kosovarischen Polizeieinheiten eingekreisten Eindringlinge auf, sich zu stellen. «Organisierte Verbrecher, die politisch, finanziell und logistisch von Belgrad unterstützt werden, greifen unseren Staat an», behauptete der Politiker in den sozialen Medien. «Die Regierung der Republik Kosovo und die staatlichen Institutionen sind bereit (...), um auf Verbrechen und Kriminelle, Terrorismus und Terroristen zu reagieren.»
Vucic will sich am Sonntag äussern
Der serbische Parlamentspräsident Vladimir Orlic (40) konterte Kurtis Anschuldigungen. Es sei Kurti, der eine Eskalation wolle. Der kosovarische Premier wisse, wer die Angreifer seien, sagte Orlic dem Fernsehsender Prva. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic (53) will am Sonntag um 20 Uhr im Rahmen einer Medienkonferenz ein Statement zu den Geschehnissen abgeben. Kurti und Vucic hatten sich zuletzt vor zehn Tagen zu Gesprächen getroffen. Diese blieben jedoch ohne Ergebnisse.
Die jüngste Eskalation ist der schwerste Zwischenfall im angespannten Verhältnis zwischen dem Kosovo und Serbien seit Jahren. Das heute fast ausschliesslich von Albanern bewohnte Kosovo hatte sich 1999 mit Nato-Hilfe von Serbien abgespalten und 2008 für unabhängig erklärt. Mehr als 100 Länder, darunter Deutschland, erkennen die Unabhängigkeit des Kosovos an. Serbien findet sich damit nicht ab und will seine einstige Provinz wieder zurückhaben. (noo/nad/SDA)