Darum gehts
- Russische Kommandeure foltern Soldaten, die Sturmangriffe verweigern, als Warnung
- Ein Drittel der Täter stammt aus Gefängnissen oder umkämpften Donbass-Gebieten
- Seit Kriegsbeginn töteten heimgekehrte russische Soldaten mindestens 242 Menschen
Halbnackt und kopfüber, mit handelsüblichem Klebeband, an einen Baum gefesselt. Die Temperaturen weit unter null. Eis und Schnee bedecken den Boden. Blaue Stellen auf der Haut der Männer zeugen offenbar von Unterkühlung und Folter. Ein Peiniger stopft einem der Männer Schnee in den Mund. Er wimmert und fleht.
Insgesamt drei russische Soldaten hängen in dem verlassenen Waldstück, vermutlich irgendwo an der Frontlinie zur Ukraine. Wer nun glaubt, dass sie vom ukrainischen Feind gefoltert und gedemütigt werden, irrt. Die Aufnahmen stammen aus einer Telegram-Gruppe und zeigen, wie russische Kommandeure ihre eigenen Soldaten misshandeln.
In den Videos wird klar: Die Männer sollen von ihren Stützpunkten geflohen sein. Nun sollen sie gebrochen werden – offenbar als Warnung für andere. Was den Männern darüber hinaus angetan wurde, lässt sich nur erahnen.
Gewalt als Teil eines Systems
Es ist nicht das erste Mal, dass Russlands Armee mit brutaler Gewalt gegen die eigenen Leute auffällt. Das preisgekrönte russische Exil-Medium «Verstka» («Umbruch») dokumentiert in einer umfassenden Untersuchung systematische Folter innerhalb der Truppe. Mindestens 150 russische Soldaten seien demnach von Vorgesetzten zu Tode misshandelt, gezielt exekutiert oder unbewaffnet auf Sturmmissionen geschickt worden.
Ein Drittel der Täter stamme aus Gefängnissen, andere aus den seit Jahren umkämpften Gebieten im Donbass, berichtet Iwan Zhadajew, Chefredaktor des Exilmediums «Wjorstka», gegenüber dem «Spiegel». Die Gewalt sei Teil des Systems. Viele kämpften nur fürs Geld. Alkohol, Prämien und völlige Straflosigkeit machen das Töten der eigenen Leute zur Routine. Die Folgen reichen weit über die Front hinaus. Heimgekehrte russische Soldaten haben seit Kriegsbeginn mindestens 242 Menschen getötet.
Demütigung, Folter, Tod
Besonders perfide: sogenannte Sperreinheiten. Sie rücken hinter den Sturmtruppen vor und erschiessen jeden, der fliehen will. In einem dokumentierten Fall exekutierten russische Drohnenpiloten zurückweichende Kameraden mit Mini-Bomben aus der Luft. Die Leichen wurden verscharrt oder in Flüsse geworfen, den Familien erklärte man später, die Männer seien desertiert.
Weitere Soldaten dienten als «Leuchtfeuer»: Unbewaffnet mussten sie über offene Felder rennen, um ukrainische Stellungen sichtbar zu machen. «Die einzige Chance zu überleben war, verwundet und gefangen genommen zu werden», berichtet ein Betroffener.
In internen Videos ist zudem zu sehen, wie Kommandanten aufmüpfige Soldaten mit Elektroschocks foltern oder in Erdlöchern festhalten. Ein besonders grausamer Fall zeigt zwei Männer, denen befohlen wird, einander totzuschlagen – nur der Überlebende dürfe das Loch verlassen.