«Wir leben nicht im gleichen Frankreich, wie die anderen»
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Anwohnerin in La Busserine:«Wir leben nicht im gleichen Frankreich»

Ihre Schwester (†17) wurde von Drogendealern in Marseille erschossen – Maria (25) erzählt
«Ich habe meine ganze Familie verloren»

Vier Schwestern wachsen im Norden von Marseille auf. Ihr Quartier wird von Drogengangs kontrolliert. Die Frauen kämpfen um eine Zukunft ausserhalb des Ghettos. Erfolgreich – bis die jüngste dem Drogenkrieg zum Opfer fällt.
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Kawtar (†17) wurde auf dem Heimweg im Norden von Marseille erschossen.
Foto: zVg

Darum gehts

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Helena GrafReporterin

Zehn Euro für drei Pizzen und eine Flasche Cola. Ein perfekter Sonntag für Familie Benaïm am Strand von Corbières im Norden Marseilles. Die Sonne brennt. Der Wind riecht nach Salz. Mutter Wassila und ihre vier Töchter – Sarah, Jasmin, Maria und die jüngste, Kawtar – sitzen im Sand. Sie lachen. Teilen sich die Pizza.

Die vier Schwestern kommen aus La Busserine – einem Elendsquartier im Norden von Marseille. Sie wachsen in einem 14-stöckigen Hochhaus auf. Zwischen Armut, Drogenhandel und Gewalt.

Wassila zieht ihre Töchter allein gross. Sie arbeitet hart. Spart jeden Cent. Damit ihre Mädchen das katholische Collège Sacré-Cœur im Stadtzentrum besuchen können. Dort erzählen Mitschüler von Restaurantbesuchen im Grünen. «Ich war damals zwölf und noch nie in einem Restaurant», erzählt Maria, die Zweitjüngste der Familie. Ihr Zuhause ist das Elend.

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Maria (25) hat vor fünf Jahren ihre kleine Schwester verloren.
Foto: Helena Graf

Prügeleien mit den Dealern

Dealer gehören zum Viertel wie bröckelnde Fassaden und Müll. Als Kinder werfen die Schwestern Eier und Kartoffeln aus dem Fenster auf sie. «Es war ein Spiel», sagt Maria. «Wer am weitesten warf, gewann.»

Die Lauteste ist Kawtar. Mit 13 stemmt sie die Hände in die Hüften und erklärt ihrer strengen Mutter, sie werde mit 18 heiraten. Ob es ihr passe oder nicht. «Das hätte ich mich nie getraut», sagt Maria.

Kawtar war die jüngste von vier Schwestern.
Foto: zVg

Kawtar weiss, was sie will. Sie wird am Lycée Thiers aufgenommen, dem besten öffentlichen Gymnasium der Stadt.

Doch das Quartier verändert sich. Neue Dealer übernehmen die Hauseingänge. Sie befehlen den Schwestern, nachts ohne Scheinwerfer durchs Quartier zu fahren. Jasmin, die Zweitälteste, weigert sich. Am nächsten Morgen sind alle ihre Reifen zerstochen.

Die Familie wehrt sich. Als ein Dealer Mutter Wassila beleidigt, stürmen sie zu fünft nach unten. Wassila mit einer Eisenstange in der Hand. «Wir hatten vor niemandem Angst», sagt Maria. Die Familie zieht trotzdem weg. In einen anderen Stadtteil, näher am Zentrum.

Hier wuchsen Maria und Kawtar auf. Drogendealer und verbarrikadierte Strassen in La Busserine.
Foto: Helena Graf

Plötzlich scheint ein anderes Leben möglich. Maria beginnt zu studieren. Kawtar besteht die Matura. Sie erhält einen Studienplatz in Paris.

Am 9. Juli 2021 will sie das feiern. Sie ruft Maria an, die gerade in einem Restaurant in Avignon arbeitet. Kawtar fragt, in welche Bar sie gehen soll. Maria hat keine Zeit. «Ich rufe dich später an», sagt sie und legt auf.

Es sind die letzten Worte an ihre Schwester.

Kurz nach Mitternacht will Kawtar nach Hause. Sie steigt in den Fiat 500 einer Freundin. Deren neuer Freund sitzt am Steuer. Er macht einen Umweg nach Septèmes-les-Vallons. Angeblich, um Geld zu holen.

Blick unterwegs in den Ghettos von Europa

Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.

In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.

Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.

Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.

In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.

Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.

Drei Kugeln in den Kopf

Dort eröffnet ein Schütze das Feuer. Der Fahrer wird an der Schulter getroffen und überlebt. Kawtar sitzt auf der Rückbank. Drei Kugeln treffen sie in den Kopf.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Fahrer in Drogengeschäfte verwickelt war. Er sollte sterben. Kawtar war zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wenige Minuten später erscheint auf der Website von «La Provence» die Meldung: «Schülerin, 17 Jahre alt, durch Schüsse getötet.»

Mutter tot, Schwester alkoholkrank

Die Familie zerbricht am Tod der jüngsten Tochter. Ein ganzes Jahr lang wagt es niemand, Kawtars Zimmer zu betreten. Selbst der Mülleimer bleibt unberührt stehen. Ein staubiges Museum inmitten des Schmerzes.

Eine der vier Schwestern verfällt dem Alkohol. Die Mutter stirbt zwei Jahre nach der Tragödie. «Sie hatte Krebs», sagt Maria. «Aber sie starb an einem gebrochenen Herzen.»

Fünf Jahre nach den Schüssen ist der Täter noch immer nicht vor Gericht. Maria fragt bei der Polizei nach. Woche für Woche. Man vertröstet sie. Der Drogenkrieg fordert weitere Opfer. Die Dossiers stapeln sich auf den Tischen der Ermittler. Marias Leben blieb in jener Nacht im Juli 2021 stehen. Und das Ticket nach Paris, das Kawtar in Händen hielt, wurde nie entwertet.

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