Kann man die Wirklichkeit ändern, indem man mit Lügen gegen sie ankämpft?
Die Leiche von Renee Nicole Good (†37) war kaum kalt, da präsentierte die US-Regierung schon ihre ganz eigene Version der Ereignisse vom Mittwoch: Die in Minneapolis von einem ICE-Agenten getötete Dreifachmutter habe die bewaffnete Einwanderungspolizei mit ihrem SUV «gewaltsam und vorsätzlich» angegriffen, behauptete Donald Trump. Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach von «inländischem Terrorismus».
Postfaktische Politik ist in den USA kein neues Phänomen. Wie wenig sich der Präsident inzwischen aber anstrengen muss, um seiner MAGA-Basis eine erfundene Wirklichkeit plausibel zu machen, war diese Woche so frappant wie selten.
Jeder kann sich die Szenen anschauen
Denn das Geschehen ist auf Video festgehalten. Jeder kann sich die Szenen im Internet ansehen, aus allen möglichen Perspektiven. Sie zeigen, wie Good die ICE-Beamten vorbeiwinkt. Wie sie versucht, von ihnen wegzufahren – nicht auf sie zu. Und wie ein maskierter Agent seine Waffe zieht und drei Schüsse abgibt. Mindestens einer davon traf die Frau in den Kopf.
Trump sagte, der Beamte habe sich in einer lebensbedrohlichen Situation befunden: «Sie hat sich schrecklich benommen. Und dann hat sie ihn überfahren.» Es sei kaum zu glauben, dass er noch am Leben ist. Die Aufnahmen widersprechen dieser Darstellung: Das Auto berührt den Agenten kaum, er läuft nach dem Vorfall unverletzt davon.
Die US-Regierung deutet Gewalt zur Notwehr um, ein Opfer zur Täterin. Dass der demokratische Bürgermeister von Minneapolis die Darstellung aus Washington als «völligen Bullshit» bezeichnete, dürfte Trumps Anhängerschaft unberührt lassen.
Loyalität statt Tatsachen
Für die Trump-Basis ist der Fall längst klar. Wenn ihr Präsident sagt, es war Notwehr, dann war es Notwehr. Wahrheit entsteht offenbar nicht mehr aus überprüfbaren Tatsachen, sondern aus politischer Loyalität. Die beiden grossen politischen Lager der USA sind auseinandergedriftet. So weit, dass kaum noch eine gemeinsame Wirklichkeit bleibt.
Der Angriff der MAGA-Bewegung auf die Wahrheit läuft seit langem. Der Fall Minneapolis zeigt, wie konsequent Trump und sein Umfeld die autoritäre Praxis perfektioniert haben. Die Bevölkerung soll ihren eigenen Augen misstrauen und stattdessen der Version aus Washington glauben. Institutionelles Gaslighting.
Wie viel 1984 steckt im Amerika 2026?
Tim Walz, der demokratische Gouverneur von Minnesota, zitierte am Donnerstag aus George Orwells Dystopie «1984»: «Die Partei lehrte einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohren nicht zu trauen. Das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot.» Wie viel 1984 steckt im Amerika 2026?
Klar ist: Mit der Tötung von Renee Nicole Good erreicht die Debatte um die ICE-Razzien ihren Siedepunkt. Laut der «New York Times» handelt es sich um den neunten bekannten Fall, in dem Agenten der Abschiebebehörde auf Menschen in Fahrzeugen schossen. Selten aber waren die Beweislage so eindeutig und die Empörung so gross.
Ausgangspunkt der Razzien im US-Bundesstaat Minnesota ist ein Betrugsfall: Netzwerke aus Somalia hatten Sozialprogramme geplündert. Darauf folgten Einsätze von ICE – mit rund 2000 Beamten die bislang grössten im Land.
Entmenschlichung als Strategie
Und nun die Tragödie um Renee Nicole Good. Auf ihrem Instagram-Profil beschrieb sie sich selbst als Dichterin, Ehefrau und «lausige Gitarristin». Sie hinterlässt drei Kinder im Alter von 15, 12 und 6 Jahren.
Taten wie die vom Mittwoch sind Folgen einer Politik, die Entmenschlichung zur Strategie gemacht hat. Nach dem Attentat auf die demokratische Abgeordnete Melissa Hortman und ihren Ehemann – ebenfalls in Minnesota – sowie nach dem Anschlag auf den ultrarechten Aktivisten Charlie Kirk dreht sich die Gewaltspirale weiter.
«Acht Minuten des Horrors»
Die tödlichen Schüsse fielen nur einen Kilometer von jener Kreuzung entfernt, an der 2020 der Afroamerikaner George Floyd ermordet worden war. Er starb unter dem Knie eines weissen Polizisten.
Seither steht die Stadt im eisigen Norden der USA für die Frage, wie viel Gewalt ein demokratischer Staat ausüben darf. Sie wurde zum Symbol für die Zerrissenheit des ganzen Landes; jetzt könnte sie ein zweites Mal zum Katalysator für eine landesweite Protestbewegung werden.
Nach dem Tod von George Floyd gingen Hunderttausende gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Strasse. In vielen Städten kam es zu heftigen Krawallen. So gross die Wut und die Polarisierung waren – damals existierte zumindest noch ein Fundament allseits anerkannter Tatsachen. Gestritten wurde über die Bewertung des Mordes, nicht über das Geschehen selbst. Auch Donald Trump sprach mit Blick auf die schockierenden Aufnahmen der Tötung Floyds von «mehr als acht Minuten des Horrors».
Ganz anders heute. Trotz eindeutiger Videobeweise denkt die US-Regierung nicht an Zurückhaltung. Statt eine unabhängige Untersuchung zu versprechen, konstruiert sie ihre eigene Wirklichkeit – und entzieht den lokalen Behörden den Zugang zu Beweisen.