Darum gehts
- Appeasement-Politik wird heute kritisch gesehen
- Der Historiker Daniel Hedinger erklärt, warum
- In einem neuen Buch beschreibt Hedinger die Konferenz von München im Jahr 1938, wo Chamberlain Hitler nachgab
In Zusammenhang mit dem Umgang mit Putin und vermehrt auch mit Trump fällt oft das Wort Appeasement. Und man ist sich einig: Appeasement ist schlecht und falsch. Warum eigentlich?
Daniel Hedinger: Das Wort bezeichnet Beschwichtigung, meist gegenüber Diktatoren. Es war aber nicht immer so, dass Appeasement negativ konnotiert war. Ende des 19. Jahrhunderts haben die Briten gegenüber den USA, damals eine aufstrebende Grossmacht, eine sehr erfolgreiche Politik des Appeasements betrieben. Statt zum Krieg kam es zu engen Bündnissen.
Wie ist Appeasement dann in Verruf geraten?
Das zeige ich im neuen Buch, das ich mit meinem Historikerkollegen Christian Goeschel geschrieben habe. Das Schlagwort ist «München 1938». Hitler wollte die deutschsprachige Minderheit in der damaligen Tschechoslowakei «heim ins Reich» holen und forderte die Abtretung der Gebiete, in denen sie lebten. Alle Zeichen standen auf Krieg – da kam es Ende September 1938 im letzten Moment zur Münchner Konferenz, bei der der britische Premierminister Neville Chamberlain Hitlers Forderung nachgab. Grossbritannien und Frankreich liessen die Tschechoslowakei fallen, die damals wie die Schweiz eine Vorzeigedemokratie und ein Vielvölkerstaat war. Hitler feierte einen grossen Propagandaerfolg, er und sein faschistischer Partner, der italienische Diktator Benito Mussolini, führten während der Konferenz Chamberlain vor. Und was noch schlimmer war: Der durch das Appeasement in München gewonnene Frieden dauerte letztendlich kein Jahr.
Chamberlain selber hatte das so nicht kommen sehen. Im Buch beschreiben Sie ihn als eitel und selbstgefällig. Das erinnert an Trump.
Bei den Charakterzügen gibt es Ähnlichkeiten. Auch Chamberlain fühlte sich gebauchpinselt, wenn die ganze Welt auf ihn blickte – als Regierungschef von Grossbritannien, damals noch das grösste Imperium der Welt, war er so bedeutend wie heute ein US-Präsident. Wie heute Trump betrachtete er sich als Friedensstifter. Chamberlain unterschätzte Hitler konstant und glaubte, ihn beeinflussen und kontrollieren zu können. Auf warnende Stimmen hörte er nicht. Doch es gibt auch grosse Unterschiede zu Trump: Bei Chamberlain gab es keine Korruption, keine Selbstbereicherung, keine Straftaten wie heute in Trumps Umfeld, und ihm fehlte Trumps Zynismus.
Der Historiker Daniel Hedinger (49) ist in Dürnten ZH aufgewachsen. Seit über zwei Jahrzehnten forscht und lehrt er an Universitäten im Ausland – Stationen waren Paris, Berlin, München, Rom und Kyoto. Heute leitet er das Zentrum für transimperiale Geschichte an der Universität Leipzig. Sein Buch «München 38 – Die Welt am Scheideweg», verfasst gemeinsam mit Christian Goeschel (48), Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität Manchester, ist im Verlag C.H.Beck erschienen.
Der Historiker Daniel Hedinger (49) ist in Dürnten ZH aufgewachsen. Seit über zwei Jahrzehnten forscht und lehrt er an Universitäten im Ausland – Stationen waren Paris, Berlin, München, Rom und Kyoto. Heute leitet er das Zentrum für transimperiale Geschichte an der Universität Leipzig. Sein Buch «München 38 – Die Welt am Scheideweg», verfasst gemeinsam mit Christian Goeschel (48), Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität Manchester, ist im Verlag C.H.Beck erschienen.
Chamberlain hatte höhere Absichten, aber es ging schief?
Er glaubte, Grossbritannien könne sich keinen neuen Weltkrieg leisten, weil es sonst seine Kolonien verlieren würde. Er hoffte, die Tschechoslowakei könne wenigstens als Rumpfstaat weiter bestehen, wenn man Hitler entgegenkommt. Das war eine kolossale Fehleinschätzung. Der Staat zerfiel in kürzester Zeit. Kein halbes Jahr später marschierten deutsche Truppen in Prag ein. Ähnliches könnte heute auch mit der Ukraine passieren, wenn sie aufgegeben wird.
Wie wäre der Zweite Weltkrieg ohne Chamberlains Appeasement-Politik verlaufen? Er wäre dann ja früher ausgebrochen.
Mit Sicherheit kann man sagen: Durch die Konferenz von München haben die Briten nicht ein Jahr gewonnen, sondern ein Jahr verloren. Die Zeit war ganz klar auf der Seite der faschistischen Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan. Hätte man sie früher in ihre Schranken gewiesen, wären sie isoliert geblieben und nie so stark geworden.
Jetzt ist wieder von einer Achse die Rede – Russland, Nordkorea, Iran.
Das Potenzial dieser Länder, die Weltordnung herauszufordern, ist geringer als jenes, das damals das Dritte Reich, Italien und Japan gemeinsam besassen. Diese Mächte radikalisierten sich zudem gegenseitig. In dieser Hinsicht sind wir allerdings wieder in einer ähnlichen Situation. Wieder geht es darum, die Weltordnung infrage zu stellen – heute eine, in der die USA dominieren. Das Eigenartige ist, dass ausgerechnet auch der US-Präsident persönlich dies vorantreibt.
Werden die USA selber zur Achsenmacht, an der Seite von Russland?
Mit dieser These wäre ich vorsichtig. Faschismus ist eine Ideologie für aufstrebende Nationen, die sich unterdrückt fühlen. Zwar pflegt Trump mit «Make America Great Again» eine Rhetorik, die in diese Richtung geht. Tatsache ist aber: Die USA sind noch immer die Supermacht der Welt, ökonomisch wie militärisch. Sie passen nicht in diese Achse. Sie haben zu viel zu verlieren und zu wenig zu gewinnen.
Ist Trump, wissenschaftlich betrachtet, ein Faschist?
Faschismus zielt sozusagen auf die Wiedergeburt einer Nation ab – in der Regel auch durch imperiale Expansion. Die kranke Nation muss wieder gesund werden, sie säubert sich gegen innen und dehnt sich gegen aussen aus. Mit der Eskalation der Gewalt der Migrationsbehörden in US-Städten, der Intervention in Venezuela und den Annexionsplänen für Grönland drängt Trump seit Anfang Jahr in diese Richtung. Ich war in dieser Frage lange zurückhaltend, aber es scheint mir mittlerweile gerechtfertigt, bei ihm von Faschismus zu sprechen und nicht nur von Populismus. Doch es besteht noch immer die Hoffnung, dass die US-Institutionen diese Entwicklung stoppen. Und es gibt sowieso einen entscheidenden Unterschied zwischen Hitler und Trump: Trump krebst immer wieder zurück. Das tat Hitler nie. Nach seinem Triumph in München glaubte er sich gar um einen Krieg gebracht – den Krieg, den er sich so sehr wünschte.
Und Putin?
Er verfolgt mit seiner Diktatur, der Rückbesinnung auf das russisch-sowjetische Imperium und den damit einhergehenden Gebietsforderungen in der Ukraine und darüber hinaus ein durchaus faschistisches Programm. Dass Appeasement in seinem Fall funktioniert, ist eine sehr riskante Wette. Vor allem auch für jene Politiker, die heute an der Stelle von Chamberlain stehen und dafür im Urteil der Geschichte den Kopf hinhalten werden müssen.
Wir sind also in einer Situation wie 1938?
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber wie damals sind heute die Demokratien überall auf der Welt in die Defensive geraten, und es werden imperiale Projekte propagiert und auch ausgeführt. Von Putin und jetzt in Ansätzen auch von Trump. 1938 war der Völkerbund in Genf, die Vorgängerorganisation der Uno, bedeutungslos geworden – dieses Schicksal droht heute der Uno, die man systematisch zu schwächen versucht. Wieder herrscht gegenüber den etablierten Gepflogenheiten der Diplomatie Verachtung – diese Verachtung empfand auch schon Hitler, der wie heute Trump auf eine sehr unkonventionelle Art der Diplomatie setzte. Wie 1938 scheint es wieder an vielen Orten so, dass wir uns an einem Übergangsmoment zwischen Frieden und Krieg befinden.