Nach Hamas-Attacke auf Raver: Drohnenaufnahmen zeigen zerstörtes Festival-Gelände(01:13)

Geschenkt, selbstgebaut, perfektioniert
So kam die Hamas an ihr hochmodernes Waffenarsenal

Nach dem blutigen Angriff der Hamas-Kämpfer auf Israel rücken ihre modern bestückten Waffen immer mehr ins Zentrum der Diskussionen. Wie konnten die radikalen Milizen sich ein solch hoch entwickeltes Waffenarsenal beschaffen?
Publiziert: 10.10.2023 um 13:11 Uhr
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Aktualisiert: 10.10.2023 um 14:06 Uhr
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Ein ausgeklügeltes Tunnelsystem könnte beim überraschenden Hamas-Angriff auf Israel eine zentrale Rolle gespielt haben.
Janine Enderli

Als die Hamas am Samstag kurz vor Sonnenaufgang ihren Überraschungsangriff auf Israel startete, feuerte sie innert kürzester Zeit Tausende Raketen und Flugkörper auf israelische Ortschaften ab. Gleichzeitig drangen zahlreiche Kämpfer der Miliz auf israelisches Territorium vor, töteten oder verschleppten Hunderte Menschen.

Während die Israelis darüber rätseln, wie ihr Sicherheitsapparat die Vorbereitungen der Hamas für den Angriff übersehen konnte, stellt sich eine weitere Frage: Wie schaffte es die Hamas, ein riesiges Waffenarsenal anzuhäufen?

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Selbstherstellung mit Unterstützung vom Iran

Nach Ansicht aktueller und ehemaliger Geheimdienstmitarbeitenden und Waffenexperten aus dem Nahen Osten hat der Iran die Hamas seit den 1980er-Jahren mit massiven Finanzspritzen, Waffen, logistischen Hilfen und Raketentrainings versorgt. Die Rede war zuletzt von 30 Millionen Dollar pro Monat.

Inwiefern der Iran bei der Gewalt am Samstag direkt involviert war, bleibt unklar. Was feststeht: Teheran hat beim Aufbau des Hamas-Raketenprogramms eine Schlüsselrolle gespielt. Unterstützung erhielt die Hamas auch von der von Teheran finanzierten libanesischen Hisbollah-Miliz. Deren Ingenieure hätten die Hamas angeleitet, aus gewöhnlichen Materialien wie Rohren, Dünger und Zucker Raketen zu bauen, wie Michael Eisenstadt, Direktor des Washingtoner Instituts für Militär- und Sicherheitsstudien, gegenüber der «Washington Post» sagt. Die Hamas optimierte die anfangs noch rudimentären Waffen immer mehr, bis nach und nach eine heimische Raketenproduktion möglich wurde.

Marc Polymeropoulos, ein ehemaliger leitender CIA-Offizier, der in der Terrorismusbekämpfung im Nahen Osten tätig war, sagte gegenüber der «Washington Post»: «Der Einsatz von Gleitschirmen erforderte sicherlich eine Ausbildung ausserhalb des Gazastreifens.» Weiter habe Teheran Militärtaktiken und den Umgang mit fortschrittlichen Lenksystemen gelehrt und den Hamas-Milizen damit ein weiteres gefährliches Instrument in die Hände gegeben.

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Tunnelsystem in den Gazastreifen

Im Untergrund von Gaza soll ein von der Hamas kontrolliertes Netz unterirdischer Versorgungswege bestehen. Unter dem dicht bevölkerten Küstenstreifen befindet sich ein Geflecht von Gängen und Lagerräumen. Es ist ein von der Hamas konstruiertes System von Verbindungswegen, Bunkern, Waffenwerkstätten sowie Fluchtrouten.

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Diese Tunnel befinden sich sowohl im Gazastreifen selbst als auch an der Grenze zu Ägypten. Besonders diese Verbindung scheint für Waffen- und Munitionslieferungen zentral zu sein. Denn: Wegen der anhaltenden Blockade des Gebiets werden über diesen Tunnel Güter des täglichen Bedarfs, aber auch Waffen geschmuggelt. Ob das mit oder ohne den Segen Ägyptens geschieht, ist unklar.

Weiter gibt es derzeit keine eindeutigen Belege, dass die am Wochenende abgefeuerten Waffen tatsächlich aus dem muslimischen Land stammen. Schmugglerwaren verkehrten dort in der Vergangenheit jedoch zweifellos. Im Zuge der neuesten Attacken rief Ägypten zur Deeskalation auf.

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Schiff-zu-Land-Transfer

Doch auch über Schiffe erhält die Hamas Waffen, wie die «Washington Post» weiter schreibt. In der Vergangenheit haben Schiffe aus dem Iran, aber auch aus Syrien vor allem nachts wasserdicht verpackte Waffenpakete vor der Küste abgeworfen, die mit der natürlichen Strömung an die Strände des Gazastreifens gespült wurden. Die Kontrollen durch die israelische Marine konnten so unterlaufen werden. 

Mit diesen riskanten «Schiff-zu-Land-Transfers» umgeht die Hamas die offiziellen israelischen Grenzkontrollen, was die ununterbrochene Versorgung mit Waffen gewährleistet.

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Hamas-Unabhängigkeit erschwert Arbeit der Geheimdienste

2005 hat Israel alle Truppen aus dem Gazastreifen abgezogen. Ein entscheidender Fehler, wie der pensionierte israelische General Amir Avivi nach dem Hamas-Angriff auf Israel meint.

Gegenüber der «Times of Israel» führte er aus, dass man ohne einen Stützpunkt zunehmend auf technologische Mittel angewiesen sei, um Informationen über die Vorgänge im Küstenstreifen zu erhalten. Die Terroristen hätten im Gazastreifen Wege gefunden, sich der technologischen Aufklärungsarbeit zu entziehen. «Sie verwenden einfache Mittel», sagt Avivi. So nutzten die Hamas-Anhänger keine Telefone oder Computer, um ihre sensiblen Geschäfte zu erledigen.

Stattdessen führten sie ihre Besprechungen in speziell vor technischer Spionage geschützten Räumen durch – so auch Sitzungen zur Waffenbeschaffung. Die unterirdischen Versorgungslinien durch die Tunnel bieten zusätzlich eine gewisse Sicherheit vor ausländischen Spionagemöglichkeiten, allen voran vor den israelischen Geheimdiensten.

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