Darum gehts
- Alte Virusreste im Erbgut können im Gehirn wieder aktiv werden und chronische Entzündungen auslösen
- Die Immunzellen des Gehirns verstärken die Entzündungsreaktionen und könnten so Alzheimer begünstigen
- Forschende prüfen Therapien, die Virenaktivierung hemmen oder übermässige Immunreaktionen bremsen
Im menschlichen Erbgut schlummern Tausende Virusreste, sogenannte endogene Retroviren. Diese stammen von Infektionen, die unsere Vorfahren vor Jahrtausenden durchgemacht haben. Normalerweise bleiben sie stumm. Doch Forschende haben entdeckt, dass einige dieser alten Viren wieder aktiv werden können und chronische Entzündungen im Gehirn auslösen. Solche Entzündungen stehen im Verdacht, die Entstehung von Alzheimer zu begünstigen.
Am deutschen Helmholtz-Zentrum untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit, welche Virusreste das Risiko für Alzheimer erhöhen könnten. Besonders im Fokus steht die Rolle des Immunsystems im Gehirn, vor allem der Mikrogliazellen. Diese Zellen steuern Entzündungsreaktionen im Gehirn und könnten durch die Aktivierung alter Virusreste chronische Entzündungen fördern.
Immunsystem als Doppelagent
Unser Immunsystem schützt uns normalerweise vor Krankheitserregern, kann aber im Gehirn bei Alzheimer problematisch werden. Aktivierte körpereigene Viren lösen bei den Abwehrzellen des Gehirns Entzündungen aus. Diese Reaktion kann zusammen mit Ablagerungen von Eiweissstoffen und sogenanntem Tau-Protein das Fortschreiten von Alzheimer beschleunigen.
Dauerhafte Entzündungen setzen Stoffe wie das Protein IL-12 frei, die Nervenzellen zusätzlich belasten. Forschungsergebnisse zeigen, dass nicht nur diese Eiweissablagerungen, sondern auch genetische und immunologische Faktoren das Alzheimer-Risiko beeinflussen. Neue Therapieansätze könnten deshalb gezielt die Virenaktivierung oder übermässige Immunreaktionen hemmen.
Alarmierende Zahlen in der Schweiz
Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) leben derzeit schätzungsweise 161'100 Menschen mit einer Form von Demenz, wobei Alzheimer die häufigste ist. Jährlich kommen etwa 34'800 Neuerkrankungen dazu, was statistisch bedeutet, dass alle 15 Minuten jemand in der Schweiz die Diagnose Alzheimer oder eine andere Demenz erhält.
Prognosen der Berner Fachhochschule zeigen, dass sich die Zahl der Menschen mit Demenz bis 2050 auf über 315'000 erhöhen könnte, was enorme Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung, die Pflegeinfrastruktur und Angehörige bedeutet.