Zwei Frankreichs prallen in Orléans aufeinander
Ausnahmezustand beim Le-Pen-Parteitag in Orléans

Während der rechte Rassemblement National (RN) seinen Parteitag abhält, blockieren Linke die Strassen in Orléans. Dazwischen: Einheimische, die sich aus Angst vor Ausschreitungen in ihren Häusern verbarrikadieren. Ein Vorgeschmack auf die Präsidentschaftswahlen 2027?
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Bereits am Bahnhof von Orléans wurden die Anti-Marine-Le-Pen-Plakate hervorgeholt.
Foto: Richard Werly

Auf der einen Seite der Loire demonstriert die Anti-RN-Front. Auf der anderen Seite jubeln die Aktivisten von Marine Le Pen am Parteitag des Rassemblement National. Dazwischen herrscht die nackte Angst.

10.30 Uhr vor dem Theater: Bereits Tausende Menschen marschieren auf. Ihr Ziel: Marine Le Pen. Die rechte Kandidatin führt die Umfragen für die Wahlen 2027 mit 38 Prozent an. Krankenschwester Mariette wehrt sich dagegen. Ihre Tochter hält ein Plakat hoch: «Wir werden alles tun, um sie am Gewinnen zu hindern. Wir wollen das Land nicht den Faschisten überlassen», schimpft sie. Die Hauptstadt der Ultralinken? «Nein», sagt Mariette, «einfach die echte Linke. Diejenige, die uns gegen Raubtiere, Milliardäre und Rassisten verteidigen will.»

Angst unter Einheimischen

Um die Loire zu überqueren, braucht es an diesem Samstag einen Passierschein. Die Sicherheitskräfte haben die wichtigsten Brücken abgeriegelt. Eine Mauer aus Metallwänden stoppt Fahrzeuge. Wer einen Presseausweis hat, darf passieren. Auf der anderen Seite zeigt sich dasselbe Bild: menschenleere Quartiere, geschlossene Geschäfte.

Jean fährt zur einzigen geöffneten Bäckerei. Er traut sich nicht, Anhalter mitzunehmen. Hat er Angst? Der Pharmaassistent antwortet sofort mit «ja». Seine Frau hat den Kindern verboten, das Haus zu verlassen. Die Angst, dass sie von Randalierern mitgerissen werden, ist zu gross.

Dabei bleibt es am Morgen friedlich. Die Polizei durchsucht Züge und kontrolliert am Bahnhof alle Taschen. Trottinetts und Velos der Stadtverwaltung sind verschwunden. Niemand will potenziellen Randalierern Wurfgeschosse überlassen. Jean fürchtet um sein Auto: «Was, wenn irgendwo Linke lauern und uns mit Steinen bewerfen?»

«Wollen die Demokratie zerstören»

Auf der rechten Seite gibt man sich derweil kämpferisch. Laurent Jacobelli, RN-Abgeordneter, teilt gegen die Demonstranten aus: «Was die Demonstranten wollen, ist, die Republik zu zerstören, die Franzosen daran zu hindern, sich auszudrücken, und die Demokratie zu zerstören, die sie angeblich verteidigen.» Den Begriff «Bürgerkrieg» wischt er weg, die Sicherheitskräfte hätten alles im Griff.

Orléans bleibt eine gespaltene Stadt. Die beiden Lager wollen sich weder sehen noch miteinander sprechen. Im Café am Place Jeanne-d'Arc bleiben die Glastüren zu. Die Chefin warnt: «Beim ersten Alarm schliessen wir alles.» Der Kampf der beiden Frankreichs hat in den Köpfen bereits alles verändert – und bis zu den Wahlen 2027 ist es noch ein langer, banger Weg.

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