Familie stirbt bei Vergiftungsdrama in der Türkei
Wie sicher sind Schädlingsmittel in Hotels?

Eine türkischstämmige Familie aus Hamburg starb in Istanbul an den Folgen einer schweren Vergiftung – mutmasslich verursacht durch eine im Hotel eingesetzte Chemikalie. Wie verbreitet ist der Einsatz solcher Stoffe? Das sagen der Schweizer Hotellerieverband.
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Die Familie, kurz bevor sie erkrankte.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Hotelverband erklärt Sicherheitsvorschriften in der Schweiz
  • Familie starb in Istanbul
  • Kammerjäger sagt, er habe getan, «was ich immer tue»
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Janine EnderliRedaktorin News

Der Tod einer vierköpfigen Familie in Istanbul hat international für Erschütterung gesorgt. Nach einem Hotelaufenthalt verschlechterte sich ihr Zustand rapide, wenig später starben die Eltern Servet B* (†38).und Cigdem B.* (†27) sowie ihre beiden Kinder Masal (†3) und Kadir (†6).

Der Untersuchungsbericht zeigt: Ein Gift, das im Hotel gegen Bettwanzen eingesetzt worden sein soll, hat zum Tod der Familie geführt. Der Fall wirft die Frage auf: Wie verbreitet sind solche Mittel in Hotels – und wie geht die Branche damit um?

Beim in Istanbul eingesetzten Gift könnte es sich offenbar um das Pestizid Aluminiumphosphid gehandelt haben, wobei nicht restlos geklärt ist, welches Produkt genau eingesetzt wurde. Vor diesem Hintergrund interessiert besonders, wie in Hotels generell mit solchen Schädlingsmitteln umgegangen wird. 

«Ausschliesslich von geschultem Fachpersonal»

Vinzenz van den Berg vom Schweizer Hotelverband Hotelleriesuisse betont auf Anfrage von Blick: «Die Fälle von Bettwanzen in Schweizer Hotels bleiben nach wie vor die Ausnahme.»

Werden entsprechende Mittel eingesetzt, gelten dafür strenge Vorschriften. «Sie dürfen in der Schweiz ausschliesslich von geschultem Fachpersonal mit entsprechender Bewilligung eingesetzt werden.» Die strengen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften werden laut van den Berg regelmässig überprüft. «Von Vergiftungsfällen haben wir keine Kenntnis.»

Giftfreie Methode

Kommt es zu einem Befall, wird eine Bekämpfung von ausgewiesenen Experten durchgeführt. Das Unternehmen Accor, das in der Schweiz Hotelketten wie Ibis, Mövenpick oder Novotel betreibt, arbeitet beispielsweise mit Hitzebehandlungen. «Diese giftfreie Methode wird ausschliesslich durch externe, spezialisierte Fachunternehmen durchgeführt», heisst es auf Anfrage. 

Dabei wird die Raumtemperatur so weit erhitzt, dass Bettwanzen in sämtlichen Entwicklungsstadien zuverlässig abgetötet werden. «Erst nach einer gründlichen Nachkontrolle und der formellen Freigabe durch die beauftragten Experten wird das jeweilige Zimmer wieder in Betrieb genommen.»

«Fälle sind selten»

HotellerieSuisse stellt seinen Mitgliedern zudem Informationen im Umgang mit Ungeziefer wie Bettwanzen zur Verfügung. «Auch wenn Fälle selten sind, ist uns die Sensibilisierung wichtig. Hoteliers und Hotelièren sollen wissen, wie sie im Ernstfall korrekt vorgehen», erklärt der Schweizer.

Dazu gehöre insbesondere die Empfehlung, umgehend mit Fachpersonal zusammenzuarbeiten. «Dieses stellt sicher, dass eine Bekämpfung sachgerecht, gesetzeskonform und ohne Risiken für Gäste oder Mitarbeitende erfolgt.»

Wurde Zimmer zu früh freigegeben?

Klar ist: Wirkt ein Mittel wie Aluminiumphosphid ein, darf ein Zimmer mehrere Stunden nicht betreten werden. Es könnte sein, dass diese Zeit im Fall Istanbul nicht eingehalten wurde. Offenbar kehrte die Familie bereits wenige Stunden nach der Meldung über Bettwanzen ins Zimmer zurück. Der Chemiker Nihal Şahin İpekoğlu erläutert gegenüber CNN Türk: «Zur Bekämpfung von Bettwanzen wird in der Regel das zugelassene Insektizid Sulfurylfluorid eingesetzt, wobei nach der Anwendung eine Lüftungszeit von sechs Stunden erforderlich ist. Aluminiumphosphid hingegen ist bereits bei einer oralen Einnahme von wenigen Milligramm giftig. Das eigentliche Problem liegt nicht im Wirkstoff selbst, sondern im von ihm im Körper freigesetzten Gas. Nach dem Einsatz von Aluminiumphosphid darf der Raum mindestens 24 Stunden lang nicht betreten werden.»

In Istanbul gab es mittlerweile elf Festnahmen. Unter den Verhafteten sind auch ein Verantwortlicher des Hotels sowie der Kammerjäger, der das Mittel eingesetzt hat. Beide Männer sind vorbestraft. Das Unternehmen, das die Schädlingsbekämpfung im Hotel durchführte, verfügte weder über eine Lizenz noch über Schulungszertifikate für seine Mitarbeiter, berichtet CNN Türk. Doğan C.*, der die Bekämpfung durchführte, soll gesagt haben: «Ich betrat das Maisonettezimmer und mischte zwei Schädlingsbekämpfungsmittel mit Wasser, verwendete eine Ein-Liter-Sprühpumpe und verteilte die Mischung im gesamten Zimmer. Ich tat, was ich immer tue.»

* Namen bekannt 

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