Eskaliert es an der Münchner Sicherheitskonferenz wieder?
Letztes Jahr hat Vance Europa die Kappe gewaschen – jetzt kommt Marco Rubio

US-Vize Vance sorgte vor einem Jahr in München für Schockwellen, jetzt reist Rubio an. Die Sicherheitskonferenz wird zur Bühne für den Realitäts-Check: Wie verlässlich sind die USA noch – und ist Europa bereit, sicherheitspolitisch endlich auf eigenen Beinen zu stehen?
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Die grosse Bühne ist bereit – doch hinter den Kulissen geht es um mehr als diplomatische Höflichkeiten.
Foto: imago/Mike Schmidt

Darum gehts

  • Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 steht im Zeichen transatlantischer Spannungen mit den USA
  • Hauptthemen: Ukraine-Krieg, Europas Aufrüstung, Sicherheitsordnung und Vertrauen in die USA
  • Es werden über 60 Staatschefs, 120 Delegationen und eine Rede von US-Sicherheitsberater Marco Rubio erwartet
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

An der Münchner Sicherheitskonferenz wurde es vor einem Jahr plötzlich still. US-Vizepräsident J. D. Vance (41) trat ans Rednerpult – und lieferte keine Strategie zur Ukraine, keine Nato-Beschwörung, kein transatlantisches Pathos. Stattdessen eine ideologische Abrechnung mit Europa. Werteverfall, Migration, Meinungsfreiheit. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer sich von Washington entfernt, kann sich auch nicht mehr auf Washington verlassen. Viele im Saal reagierten irritiert. Heute gilt der Auftritt als Zäsur.

Zwölf Monate später steht die Münchner Sicherheitskonferenz erneut an. Und wieder blickt Europa nervös in Richtung USA.

Warum ist die Konferenz 2026 so brisant?

Weil sie im Schatten dieses Bruchs stattfindet. Seit Vances Rede ist klar: Die USA unter Donald Trump (79) definieren ihre Rolle neu. Sicherheitsgarant für Europa – vielleicht. Aber nicht mehr bedingungslos. Die Konferenz wird damit zum Stresstest für das Bündnis.

Dass diese Debatte längst in Europas Hauptstädten angekommen ist, zeigt ein Interview von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (48) wenige Tage vor dem Treffen. Europa müsse endlich beginnen, «wie eine Weltmacht zu handeln», sagte er. In einer Welt wachsender Bedrohungen durch China und Russland – und nun auch durch die Unsicherheit aus den USA – stehe der Kontinent vor einem Weckruf. 

Wer prägt die Bühne?

Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs reisen nach München, Delegationen aus rund 120 Ländern sind vertreten. Nato-Chef Mark Rutte (58), EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (67) und Ukraines Präsident Wolodimir Selenski (48) stehen auf der Rednerliste. Deutschland eröffnet mit Kanzler Friedrich Merz (70). Doch der Fokus liegt auf Washington: Die US-Delegation wird von Aussenminister und Sicherheitsberater Marco Rubio (54) angeführt. Seine Rede am Samstag wird als Richtungsansage gewertet.

Rubio ist enger Trump-Vertrauter und Hardliner zugleich. Seine Worte dürften in Europas Hauptstädten genau analysiert werden: Bleiben die USA Schutzmacht – oder verlagern sie die Verantwortung endgültig nach Europa?

Worum geht es inhaltlich?

Die Themenliste ist lang: Ukraine-Krieg, Europas Aufrüstung, nukleare Abschreckung, der Wettbewerb mit China. Doch über allem steht die Frage nach der künftigen Sicherheitsordnung. Der aktuelle Sicherheitsbericht der Konferenz beschreibt eine Welt «im Abriss». Gemeint ist eine Ordnung, in der multilaterale Regeln an Bedeutung verlieren und die Machtpolitik zurückkehrt.

Washington fordert offen, Europa müsse «auf eigenen Beinen stehen». Gleichzeitig haben Trumps Drohungen in Bezug auf Grönland und seine Ukraine-Politik Vertrauen erschüttert. In vielen europäischen Ländern gelten die USA nur noch als notwendiger Partner – nicht mehr als verlässlicher. Umfragen von Politico ergeben, dass eine Mehrheit der Europäer den USA nicht mehr vertrauen. Das verändert die strategische Debatte in Europa spürbar.

«Wir müssen nicht allem zustimmen, was Leute sagen»
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Vance an Sicherheitskonferenz:«Wir müssen nicht allem zustimmen, was Leute sagen»

Was hat sich seit 2025 verändert?

Vor allem Europas Blick auf sich selbst. In Berlin, Paris und Brüssel wird so offen wie lange nicht über Aufrüstung und strategische Eigenständigkeit gesprochen. Höhere Verteidigungsausgaben sind politischer Konsens, selbst Diskussionen über nukleare Abschreckung sind kein Tabu mehr. Der Gedanke, dass der amerikanische Schutzschirm brüchig sein könnte, ist angekommen.

Droht ein neuer Eklat?

Ein offener Schlagabtausch wie 2025 wäre für alle riskant. Ein sichtbarer Bruch würde Russland und China stärken. Wahrscheinlicher sind ein kontrolliert harter Ton, klare Forderungen, wenig Illusionen. Doch selbst ohne spektakuläre Rede steht viel auf dem Spiel.

Und die entscheidende Frage?

Ob das transatlantische Bündnis noch ein gemeinsames Projekt ist oder längst nur noch eine Zweckgemeinschaft, wird sich nicht in einer einzigen Rede entscheiden, sondern in den Reaktionen danach, in den Gesprächen hinter verschlossenen Türen – und in der Beantwortung der Frage, ob Europa künftig mehr auf Washington baut oder stärker auf sich selbst.

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