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Rechter Ex-Journalist:Er könnte Macron vom Thron stürzen

SonntagsBlick trifft Frankreichs Rechtspopulisten Éric Zemmour
«Die Schweiz ist ein Vorbild der Vernunft»

Vom Polemiker zum Präsidenten? Éric Zemmour hat Chancen im Rennen um den Élysée. Er gilt als wichtigster Herausforderer von Emmanuel Macron – und steht noch weiter rechts als Marine Le Pen.
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Er schürt Ängste und warnt von Frankreichs Untergang: Éric Zemmour.
Foto: Lundi 13
Camille Kündig

«Zemmour Président!» «Zemmour Président!» Die Menge zwischen den Basketballkörben bebt. Viele schwenken die Trikolore. Éric Zemmour betritt die Bühne der Turnhalle des Gymnasiums David Douillet in der Kleinstadt Charvieu-Chavagneux nahe Lyon.

Schon zuvor schallte minutenlang die Stimme des Polit-Phänomens aus den Lautsprechern: «Solidarität ist gut, aber sie muss sich an die Franzosen richten, die sie am dringendsten brauchen, nicht an die ganze Welt!» Das Publikum auf dem quietschendem Hallenboden ist aufgeheizt.

Interview mit Éric Zemmour

«Ich fühle mich sehr mit der SVP verbunden»

In Charvieu-Chavagneux warten Kameras von NBC bis WDR und 2300 Anhänger auf Zemmour. Frankreich nimmt Kurs auf die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2022. Der einstige Politjournalist avancierte in den letzten Monaten zum neuen Liebling der radikalen Rechten. In jüngsten Umfragen kommt er auf bis zu 17 Prozent der Stimmen – und gilt somit als wichtigster Herausforderer des amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron. All dies, obwohl Zemmour noch nicht einmal offiziell im Rennen ist.

Die «Zemmourisation» Frankreichs ist in vollem Gange. Seit Wochen dreht sich die Berichterstattung vor allem um den Polemiker. Sitzt er gerade nicht in einem TV-Studio, bereist er das Land – offiziell, um sein Buch vorzustellen: «Frankreich hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen.» De facto haben Zemmours Auftritte alle Attribute einer Wahlkampftour.

An diesem Abend blickt sein Antlitz von den Wänden des Gymnasiums, «Z 2022»-Shirts stehen zum Verkauf. Zwei Teenager sitzen im Schneidersitz auf dem grünen Turnhallenboden. «Très beau, ton drapeau! Von wo hast du die Flagge?» – «Von Amazon!» Auf dem Titelbild seines Buchs posiert der Autor selbst mit strengem Blick und verschränkten Armen vor einer wehenden Trikolore.

Offizielle Kandidatur Ende Monat?

Seit Wochen sammeln seine Unterstützer die für eine Kandidatur nötigen Unterschriften von Abgeordneten. Es gibt kaum einen Zweifel, dass Zemmour es auf das hohe Amt abgesehen hat. An seinen Lesungen nimmt er seinem Publikum nur noch die Temperatur: Könnten genügend Leser zu Wählern werden?

«Ich denke, dass er seine Kandidatur Ende Monat ankündigen wird, kurz bevor die Partei Les Républicains sich für einen Kandidaten entscheidet und kurz nach seinem jüngsten Gerichtstermin wegen Anstiftung zu Rassenhass», mutmasst eine französische Journalistin.

Sympathien für SVP

Gleich im Anschluss an seine einstündige Rede bekundet Zemmour im Gespräch mit SonntagsBlick seine Sympathie für die «Souveränität der Schweiz» und die SVP (siehe Interview weiter unten). Wenn der rechtsradikale Ex-Journalist zur Feder greift, gibt er Düsteres zu Protokoll: In seinem Buch skizziert der 63-Jährige auf 311 Seiten den «Untergang der Republik» und einen «Krieg der Zivilisationen».

Neu sind seine apokalyptischen Visionen nicht. In Essays und Late-Night-Talkshows verkündet er sie seit einem Vierteljahrhundert. Zuletzt kommentierte er in einem ganz auf ihn ausgerichteten Fernsehprogramm zu bester Sendezeit das Tagesgeschehen.

Wie am Freitagabend schimpfte er darin über den Islam und LGBTQ-Lobbys und inszeniert sich als Retter der Grande Nation, wohlgemerkt des früheren Frankreichs katholischer Prägung. Schuld an der von ihm festgestellten «Identitätskrise» der Republik sind die Linke, sogenannte Gutmenschen, die EU, die Immigranten, die Feministinnen... Er glaubt an das Klischee eines durch Einwanderung absichtlich orchestrierten «Bevölkerungsaustauschs», eine beliebte Verschwörungstheorie, und verharmlost das faschistoide Vichy-Regime zur Zeit der Besetzung durch die Nazis.

Mehrfach verurteilt

Zemmour, der einer algerisch-jüdischen Familie entstammt, wurde mehrfach wegen rassistischer Hetze verurteilt. Doch seine Fans schreckt das nicht ab, im Gegenteil. Irgendwer müsse das Land ja von der «racaille» – dem Abschaum – retten, meint die 22-jährige Salomé. «Das eigentliche Frankreich gibt es nicht mehr. Die Städte haben sich zu Ghettos gewandelt, sind dreckig und für Frauen gefährlich.»

Zemmours reaktionäre Tiraden bremsen auch seine jungen Anhänger nicht. In einem Hinterzimmer des Gymnasiums feiert die «Génération Z», deren Mitglieder Zemmour auf seiner «Tour de France» begleiten, mit Bier und Saucisson.

Läuft er Le Pen den Rang ab?

Éric Zemmours Aufstieg wird durch die missliche Situation seiner Konkurrenten im rechten Lager begünstigt. Die bürgerlichen Républicains (LR) liefern sich einen innerparteilichen Streit. Die grösste politische Bedrohung jedoch stellt Zemmour für Marine Le Pen dar. Mit seiner Rhetorik lässt er die Vorsitzende des rechtsnationalistischen Rassemblement National (RN) beinahe zahm erscheinen. Damit punktet er bei ihrer Basis, der Le Pen seit einiger Zeit zu lasch erscheint.

Gleichzeitig ist die Kandidatin des RN noch immer durch ihr TV-Duell gegen Macron 2017 geschwächt. Seitdem wird sie von vielen belächelt, gilt als nicht regierungsfähig und plump. «Sie ist inkompetent», resümiert Marcel (22) nach Zemmours Auftritt in der Turnhalle. Marcel ist ehemaliger LR-Anhänger. Wie er befanden sich an diesem Abend in der Turnhalle viele vom einstigen Präsidenten Nicolas Sarkozy enttäuschte Konservative.

Zemmour hingegen gilt als Intellektueller, der gern eloquente Ausflüge in die französische Geschichte unternimmt, fremdenfeindliche Äusserungen geschickt in elegante Formulierungen verpackt und sie damit salonfähig macht. Damit macht er sich auch für die konservative Bourgeoisie zur wählbaren Alternative, der Le Pen auf dem Wahlzettel peinlich wäre.

Zemmour bisher ohne Partei

Zemmour hat bisher weder Partei noch Programm. Für seine Kritiker ist er ein Rechtsextremist, er selbst sieht sich gern als «Erbe der gaullistischen Rechten». In einer seiner wenigen Ankündigungen verspricht er, als Präsident zu verbieten, dass Eltern ihre Kinder Mohammed oder auf einen anderen «nicht französischen Vornamen» taufen.

«Das macht ihn nicht zum Rassisten, er will nur, dass sich die Ausländer wie Franzosen verhalten!», sagt Sarah (46). Mit dem früheren US-Präsidenten Donald Trump teilt Zemmour seine TV-Vergangenheit – und ein Geschick dafür, mit abstrusen Forderungen Aufsehen zu erregen.

Dass er den Sprung ins Élysée schaffen kann, ist trotz allem Hype fraglich. Das Rennen hat gerade erst begonnen. Macron, der voraussichtlich erneut antreten wird, liegt bei den Umfragen mit rund 23 Prozent der Stimmen deutlich an erster Stelle.

Wahl im April

Auch dass Zemmour keine klassische Partei hinter sich weiss, könnte ihm in den kommenden Monaten Schwierigkeiten machen. Im April entscheidet sich, ob er Geschichte schreiben wird.

Die Wahl könnte für Europa einen Wendepunkt bedeuten – oder einen Mann mit präsidialen Ambitionen wieder ins Dasein eines notorischen Polemikers zurückstossen.

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