Gürtlers Augen entgeht gar nichts. Selbst während des Interviews in einer Suite ihres Alpin Resorts Sacher wandert Elisabeth Gürtlers Blick immer mal wieder umher, auf der Suche nach allfälligen Mängeln im Zimmer. Ein abgeblätterter Holzsplitter an einem Tisch weckt ihr Missfallen, sie meldet es gleich im internen Chat. Die Unternehmerin und langjährige Chefin des Hotels Sacher in Wien ist auch mit 76 Jahren noch voll präsent und macht ihrem Ruf als Stilikone mit ihrem gar nicht seniorenhaften Outfit und ihrer grossen, getönten Brille alle Ehre.
Dieser Artikel ist zuerst in der «Handelszeitung» erschienen. Sichere dir alle 14 Tage Wirtschaft im Klartext – schwarz auf weiss und auf den Punkt gebracht. Hier geht es zum Abo.
Dieser Artikel ist zuerst in der «Handelszeitung» erschienen. Sichere dir alle 14 Tage Wirtschaft im Klartext – schwarz auf weiss und auf den Punkt gebracht. Hier geht es zum Abo.
Frau Gürtler, angenommen, ein gestresster Manager kommt mit einem Zeitbudget von fünf Tagen ins Hotel. Er will seine Erschöpfung kurieren und nach dem Aufenthalt besser aussehen. Welche Behandlungen empfehlen Sie ihm?
Elisabeth Gürtler: Zuerst einmal würde ich ihm gratulieren, dass er überhaupt etwas für die Gesundheit tun will. Unsere Ärztin würde eine Anamnese machen, den Mann zur Familiengeschichte, zu Vorerkrankungen und aktuellen gesundheitlichen Problemen befragen. Da schaut sie auch auf Bauchform, Augen und Zunge. Daran erkennt man viel. In fünf Tagen können wir keine Wunder bewirken. Aber das Ziel ist, ein Tagesprogramm zusammenzustellen, das der Betroffene zu Hause fortsetzen kann.
Kümmern sich Männer zu wenig um ihre Gesundheit?
Manager befassen sich meistens erst dann mit ihrer Gesundheit, wenn ein Kollege in ihrer Altersklasse schwer krank wird oder stirbt. Dann sagen sie: «Mein Gott, der ist ja so alt wie ich und war doch immer so fit.» Häufig beginnen sie dann, ihren Lebensstil zu hinterfragen – Bewegung, Stress, Essgewohnheiten, Alkohol.
Sie führen das Alpin Resort Sacher seit 2015. Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie zufrieden sind Sie mit der Geschäftsentwicklung?
Die Corona-Zeit ausgeklammert, sind wir momentan bei einer Sieben auf der Skala. Wir schreiben einen operativen Gewinn, aber die durch die vielen Investitionen hohen Abschreibungen verdienen wir noch nicht.
Zuvor haben Sie 25 Jahre lang das berühmte «Sacher» in Wien geführt, waren dort Teil der High Society. War es nicht hart, vom aufregenden Wien ins beschauliche Tirol zu kommen?
Als meine Tochter 40 war und ich 65, fand ich es an der Zeit, dass das Erbe meiner Kinder, das ich treuhänderisch verwaltet hatte, endlich von ihnen gelenkt wird. Das funktionierte nur mit einem totalen Rückzug meinerseits. Es wäre nicht gut gekommen, wenn ich als Schwiegermutter dem Mann meiner Tochter, der heute das Geschäft führt, weiterhin reingefunkt hätte.
Wie kamen Sie überhaupt ins Tirol?
Das Hotel gehörte schon lange meiner Familie. Es war offiziell ein Fünfsternebetrieb, entsprach aber nicht mehr den hohen Ansprüchen einer Klientel, die heute in der ganzen Welt herumkommt. Also musste ich investieren und mich abheben von den anderen Hotels. Wir waren die Ersten im Tirol, die auf Longevity und auf Frauen als Zielgruppe setzten.
Sie bieten sogar Longevity für Hunde.
Tiere als Weggefährten sind enorm wichtig für ihre Besitzer. Dem tragen wir Rechnung.
Ist es schwieriger, ein Hotel wie das Alpin Resort rentabel zu betreiben als ein Stadthotel in Wien?
Auf jeden Fall. In Wien kann man ganz andere Preise verlangen als hier im Tirol. Wien hat fast 365 Tage Saison. Wellness, wie wir sie anbieten, ist zudem extrem kostenintensiv. Wir haben im Winter alle Pools offen bei minus 15 Grad und beheizen sie. Das kostet viel, viel Geld.
356 Euro für ein Einzelzimmer im Oktober kann sich aber auch nicht jeder leisten.
Wir sind im Tirol am oberen Preisende, international nicht. Bei den Standardzimmern kann es je nach Auslastung schon günstiger werden. Die Suiten verkaufe ich indes immer so teuer wie möglich. Denn sie ziehen eine Kundschaft an, die höchsten Luxus sucht und preislich schmerzfrei ist.
Sie haben einen Hoteldirektor für das operative Geschäft. Wie stark mischen Sie sich ein?
Ich bin sehr involviert, was die Zahlen angeht. Bei den Mitarbeitenden halte ich mich aber bewusst zurück, weil es mich furchtbar stört, wenn aus Bequemlichkeit etwas nicht gemacht wird. Vorhin war ich unten am Pool und habe gesehen, dass nur jede dritte Liege eine Auflage hatte und dass die Bänder der Auflage nicht zusammengeschnürt waren. Solche Nachlässigkeiten kann ich nicht ausstehen.
Und wie machen Sie als Chefin Ihrem Ärger dann Luft?
Ich beruhige mich erst mal, mache ein Foto und poste es in unser internes Kommunikationstool Hotelkit. Gestern schrieb ich rein: «Flecken auf dem Teppich von Zimmer 60.»
Wo steht die österreichische Hotellerie im Vergleich zur Schweiz?
Österreich bietet im Vergleich zu internationalen Angeboten ein deutlich attraktiveres Preis-Leistungs-Verhältnis. Doch das drückt natürlich auf den Gewinn, denn unsere Kosten sind nicht wesentlich tiefer. Ich arbeite mit denselben internationalen Architekten wie ein «Baur au Lac» in Zürich oder ein «Peninsula» in Schanghai. Der österreichische Tourismus verzeichnet im Moment steigende Umsatzzahlen, aber eine rückläufige Rentabilität. Das ist ein Problem.
Was ist Ihre Benchmark unter den Luxushotels?
Ich finde das «L’Apogée» in Courchevel, Frankreich, toll. Aber auch das «Badrutt’s» in St. Moritz oder das «Palace» in Gstaad sind Vorbilder.
Sie sind 76 Jahre alt und das beste Beispiel für Longevity – topfit, blendend aussehend, noch voll im Business. Wie machen Sie das?
Ich bin sehr diszipliniert, stehe um fünf Uhr auf, lese meine Mails und gehe dann mit dem Hund spazieren. Den täglichen Campari Spritz, den ich mir früher gönnte, habe ich gestrichen und verzichte heute auf Alkohol.
Ist Askese der Preis, den man für ein langes Leben bezahlen muss?
20 Prozent unserer Gesundheit sind von den Genen bestimmt. Die restlichen 80 Prozent werden von äusseren Faktoren wie Umwelt und Lebensstil beeinflusst. Wir haben also Impact. Aber man muss relativieren: Wenn in einer Familie über drei Generationen Krebs verbreitet war, dann nützt mir auch die gesündeste Ernährung und der Verzicht aufs Rauchen nichts. Ich kann trotzdem früh sterben.
Sie haben Geld und Status. Warum arbeiten Sie noch?
Man hat in meinem Alter einen bestimmten Lebensrhythmus, von dem man sich nur schwerlich trennen kann. Ich habe immer gerne und viel gearbeitet. Meine sportlichen Hobbys – Tennis und Reiten – kann ich in meinem Alter nicht mehr ausüben. Also bleibt nur die Arbeit.
Sie sitzen schon seit 17 Jahren im Verwaltungsrat des Schweizer Schokoladenkonzerns Lindt & Sprüngli. Dieses Amt könnten Sie doch locker abgeben.
Mit Lindt & Sprüngli habe ich eine enge emotionale Verbindung. Mein Vater hatte mit Dr. Rudolf Sprüngli einen Generalvertretungsvertrag für Lindt-Schokolade in Österreich. Nachdem mein Vater 1988 gestorben war, übernahm ich die Vertretung. Doch dann kam der Wechsel von Rudolf Sprüngli zu Ernst Tanner, dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten. Dieser hatte Expansionspläne in Österreich und wollte eine eigene Präsenz unter Lindt Austria. Also war ich meinen Vertrag los. Meine Familie war damals sehr verärgert darüber.
Wie haben sich die Wogen geglättet?
Tief in meinem Innern verstand ich Tanners Entscheidung. Später führte Lindt im Hotel Sacher einmal ein Vertriebsmeeting durch. Bald darauf fragte mich Ernst Tanner, ob ich nicht in den Verwaltungsrat von Lindt & Sprüngli kommen wolle.
Sie haben keine Amtszeitbeschränkung im Verwaltungsrat. Also sitzen Sie auch mit neunzig noch im Gremium?
Wir müssen ja jedes Jahr an der Generalversammlung wiedergewählt werden. Und da merkt man aufgrund der Wahlergebnisse schon, dass die Stimmrechtsvertreter die Verweildauer im Gremium kritisch begutachten. Sollten die Zustimmungswerte bei mir bedenklich sinken, dann wird es Zeit für eine Diskussion über mein Verbleiben. Das muss man schon sehr ernst nehmen.
Gibt es dann als Give-away nach der Verwaltungsratssitzung auch den berühmten Schokoladenkoffer?
Die Schoggi-Koffer stehen schon zu Sitzungsbeginn bereit, ja.
Ernst Tanner hat mit dem grössten Pleitier der österreichischen Nachkriegsgeschichte geschäftet: Immobilienunternehmer René Benko. Heute fühlt sich Tanner von ihm betrogen. Warum waren alle so fasziniert von Benko?
René Benko wirkte sehr einnehmend. Selbst Hans Peter Haselsteiner, einer der grossen Wirtschaftskapitäne Österreichs und ein wahrlich intelligenter Mensch, hat Benko noch Geld gegeben, als Signa bereits strauchelte. Das Problem war, dass sich Benko masslos überschätzte. Ich glaube, dass der Einstieg ins Warenhausgeschäft ein fundamentaler Fehler war. Das sind zwei völlig unterschiedliche Geschäftsfelder.
Benko ist Tiroler, lebte in einer Prunkvilla in Innsbruck, ganz in Ihrer Nähe. Wie gut kannten Sie sich?
Wir hatten ein korrektes, aber kein nahes Verhältnis. Man duzte sich, traf sich ab und zu zum Lunch in Wien. Benkos Frau Natalie und ihre Tochter kamen zuweilen in mein Hotel in Seefeld zur Erholung oder besuchten als begeisterte Reiterinnen die Spanische Hofreitschule. Ich habe René Benko als Mann kennengelernt, der nicht sehr gesprächig war, aber sehr aufmerksam zuhörte, sehr kluge Augen hatte und extrem fleissig war.
Sein «Törggelen»-Fest, zu dem er jedes Jahr in Wien einlud, war beliebt in Österreichs Haute volée. Waren Sie da auch dabei?
Ja, ich war immer eingeladen. Aber in seiner berühmten Villa in Innsbruck war ich nie.
Genau dieses grotesk Opulente, wie er es in der Villa mit der imitierten blauen Grotte von Capri demonstrierte, hätte doch misstrauisch machen sollen.
Vielleicht, ja. Ich hasse Prahlerei. Flüge im Helikopter, überall Gold – Benkos Lifestyle war gar nicht meine Welt.
Was erwarten Sie von der österreichischen Justiz?
Mir tun Benkos Kinder leid. Ich denke, er wird definitiv auch in letzter Instanz verurteilt werden. Die Beweislast ist einfach erdrückend, und er hat enormen Schaden verursacht. Dennoch hat er auch einiges bewirkt. In Wien etwa hat Benko mit seinen Investitionen und seiner Energie dafür gesorgt, dass das Zentrum mit der Entwicklung des sogenannten Goldenen Quartiers rund um das «Park Hyatt» deutlich attraktiver wurde.
Sie sehen in ihm also nicht bloss einen Hochstapler?
Ich glaube zumindest nicht, dass bei Benko von Anfang an kriminelle Energie im Spiel war. Ich kann auch nachvollziehen, dass gestandene Geschäftsleute bei Benko eingestiegen sind, denn er war ursprünglich ein wirklich erfolgreicher Manager. Signa geriet erst ins Wanken, als Benko immer wahnwitziger wurde und gleichzeitig die Zinswende kam. Das zwang ihn dazu, immer mehr zu tricksen.
Sie hatten einen strengen Vater, der nur Bestleistungen akzeptierte und seine Kinder konsequent auf Disziplin trimmte. Merken Sie heute, dass Sie Eigenschaften von ihm übernommen haben?
Ja, definitiv. Ich sehe seine Erziehung heute differenziert. Mein Vater war zwar streng, gleichzeitig aber auch sehr erfolgreich. Insofern war er auch ein Vorbild für mich, trotz aller Kritik an seiner Strenge.
Disziplin brauchten Sie auch, als Sie 1990 die Führung des «Sacher» in Wien übernahmen. Wurden Sie als Frau überhaupt ernst genommen?
Die Herren Kader dachten zuerst, sie könnten mich mit einem «Küss die Hand, gnädige Frau» und ein paar simplen Monatskennziffern auf einem handgeschriebenen Zettel abspeisen. Also verlangte ich als Erstes eine Kostenstellenrechnung. Dem Direktor musste ich dann bald kündigen.
Hoteldirektorin ist ein intensiver Job. Sie waren damals allein mit zwei schulpflichtigen Kindern. Wie haben Sie das geschafft?
Ich führte ein gut organisiertes, stressiges Leben, das begleitet war von einem schlechten Gewissen als Mutter. Denn ich konnte natürlich nicht immer für meine Kinder da sein, die damals 11 und 15 Jahre alt waren. Ohne meine wunderbare Haushälterin, die insgesamt 45 Jahre mit mir war, hätte ich es nicht geschafft.
Sie sind ja völlig überraschend zu dem Job gekommen.
Peter Gürtler, der Vater meiner Kinder und Besitzer des «Sacher» in Wien und Salzburg, hatte mich kurz vor seinem Tod 1990 in seinem Testament aus heiterem Himmel als Geschäftsführerin seines Hotels eingesetzt, obwohl wir damals schon längst geschieden waren und er in dritter Ehe verheiratet war. Er hatte das nie mit mir besprochen. Ich fiel aus allen Wolken, als ich den Inhalt des Testaments erfuhr.
Warum hat Peter Gürtler auf seine Ex-Frau vertraut?
Er wusste, dass ich sehr hart arbeiten kann und für unsere gemeinsamen Kinder sicher das Beste tun würde.
Inzwischen führen Ihre beiden Kinder, Alexandra und Georg, das Hotel, Ihr Schwiegersohn ist CEO der Gruppe. Wie stark sind Sie noch eingebunden?
Ich habe nach wie vor Einsitz in der Sacher Holding, kriege die Bilanzen und Erfolgsrechnungen. In die Holding bringen wir jetzt auch das Alpin Resort ein. So ist alles gut geregelt, auch wenn ich mal nicht mehr lebe.
Wir leben in einer politisch unruhigen Zeit. Die Rechte ist überall im Aufwind. Macht Ihnen das Sorgen?
Für mich ist das ein Zeichen, dass die Koalitionen einfach nicht mehr funktionieren, weil sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert haben. Das Arbeiterproletariat, mit welchem Bürgerliche früher einen Konsens fanden, existiert in dieser Form nicht mehr. Die Linke schürt heute den Klassenkampf. Aber auch die extreme Rechte ist gefährlich. Die Polarisierung macht die Kompromissfindung nahezu unmöglich.
Sie gelten als Anhängerin von Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, genau wie René Benko. Was bewundern Sie an Kurz?
In Österreich lassen heute viele kein gutes Haar an Sebastian Kurz. Dabei hat er viele Themen, die aktuell im politischen Fokus stehen, auf die Agenda gebracht. Die Migration etwa. Ich halte ihn für einen wirtschaftsorientierten, unkonventionellen, intelligenten Politiker, der Österreich gutgetan hat.
Dennoch ist er gescheitert.
Ja, sein letzter Koalitionspartner, die FPÖ, hatte leider nicht genug kompetentes Personal, das der Regierungsarbeit gewachsen war.
Sie sind ein Nachkriegskind, haben den Aufschwung Europas erlebt. Heute haben wir Krieg auf dem Kontinent und grosse soziale Spannungen. Haben Sie keine Angst um die Zukunft Ihrer Enkelkinder?
Ich bin stolz auf meine Enkelkinder. Mein ältester Enkel ist jetzt 19 Jahre alt, studiert in St. Gallen und ist ehrgeizig. Was Europa betrifft, so vertraue ich auf die Wellenbewegung. Wenns abwärts geht, gehts auch wieder aufwärts. Europa ist saturiert und degeneriert vom Wohlstand der letzten Jahrzehnte, Leistung ist in den Hintergrund getreten. Vielleicht braucht es diese Krise, um aufzuwachen. Der verstorbene Klaus-Michael Kühne hat stets betont, dass wir in Europa wieder lernen müssten, richtig zu arbeiten. Er hatte recht.