Darum gehts
Er zieht an der Zigarette. Die schwarze Uhr wirkt zu gross für sein dürres Handgelenk. «Für mich», murmelt er, «ist es ein Beruf wie jeder andere.» Vor ihm liegen umgekippte Einkaufswagen. Sie sperren die Strasse ab. Er nennt sich Medi, ist 30 Jahre alt. Jeden Tag pendelt er zu seinem Arbeitsplatz: einem abgewetzten Bürostuhl auf dem Trottoir. «Der Alltag hier ist cool», sagt er.
Medi ist ein Dealer. Er verkauft Kokain, Hasch und Cannabis. Sein Gebiet: das Quartier La Busserine im Norden von Marseille. Weiss-graue Blocks. Balkone, mit Gitterstangen abgesperrt. Einschusslöcher in der Fassade. Blick war im gefährlichsten Quartier Frankreichs.
«Meine Kunden sind Politiker, Reiche, Migranten, Prostituierte», sagt Medi. Das Geschäft laufe gut. Zwischen den Drogengangs sei es ruhig. Nicht wie vor drei Jahren, als in diesem Quartier zehn Leute erschossen wurden. «Damals traute sich keiner von uns zur Arbeit.»
Kinder kommen von der Schule. Sie schauen Medi nicht an. Mütter laufen wortlos vorbei.
Eine von ihnen ist Fadela Ouidef (40). Sie lebt hier mit ihren Kindern. In einer Wohnung, in der sich im Sommer die Hitze staut und in die im Winter die Kälte kriecht. Sie arbeitet, sie zahlt Steuern, aber sie sagt: «Wir leben nicht in Frankreich.»
Frankreich beginnt hinter dem Quartier. Am Hafen, wo Touristen und Einheimische Bier trinken. In den bunten Strassen, den kleinen Boutiquen. In der Metro. Im Geruch von Meersalz, gebratenem Fisch, Wein.
«Was man braucht, um das Quartier nicht zu verlassen»
Ganz anders ist es in den nördlichen Quartieren von Marseille, wo 300'000 Menschen leben. 17'000 in La Busserine. Es gibt keine Tramlinie, keine Metro, wenige Busse in die Stadt.
Und es gibt Drogendealer Medi. Er sagt, er sei stets freundlich. «Wenn eine alte Frau mit schweren Taschen vorbeiläuft, helfe ich ihr beim Tragen.»
Ouidef zuckt mit den Achseln. Die Dealer von heute kämen aus anderen Quartieren. Sie kennen die Leute im Block nicht. «Normalerweise lassen sie uns in Ruhe», sagt sie.
Nur die Söhne nicht. Die Dealer suchten das Gespräch mit ihnen. Erzählten von ihrem Job, dem Geld. Ouidef hat Angst. Sie deutet auf die Hauswand hinter dem Dealer, wo Zahlen leuchten. Preise für die Drogen. Die Speisekarte der Strasse. «Ein Jugendlicher, der da mitmacht, verdient in einer einzigen Woche, wofür seine Eltern einen Monat lang WCs putzen und Strassen teeren», sagt sie.
«Sprecht mit den Dealern»
La Busserine liegt im 14. Arrondissement der Stadt. La Bigotte im 15. An der Einfahrt zum Quartier sitzt ein Junge. Etwa 14 Jahre alt. «Dürfen wir rein?», fragt mein Begleiter. «Sprecht mit den Dealern», antwortet er.
Sie sitzen vor einem Kiosk. Der einzige Laden im Block, der noch offen hat. Die Geschäfte links und rechts sind leergeräumt oder verbarrikadiert.
Plötzlich brüllt der Junge an der Einfahrt: «Ils sont passés», «sie sind weg.» Die Dealer hören ihn. Einer wirft den Kopf in den Nacken und schreit dasselbe. Sekunden später kommt die Antwort aus der nächsten Querstrasse. Dann von noch weiter weg. Eine menschliche Sirene, wenn ein Auto vorbeifährt, das sie nicht kennen. Vielleicht die Polizei.
«Es gibt nur Gewinner und Verlierer»
Die Dealer rühren sich nicht. «Wir tragen gerade keinen Stoff auf uns», erklärt der Chef. «Sonst würden wir ihn bei diesem Signal verstecken.»
Die Polizei sei nicht ihr Feind. Sondern Teil des Ökosystems. «Ich habe es nicht einmal, sondern ganz oft gesehen», sagt der Chef. Die Polizei mache Razzia, finde Bargeld. 35'000 Euro – offen auf dem Tisch. «So viel Geld hat ein Beamter noch nie auf einem Haufen gesehen.»
Dann würden die Polizisten schweigen. Das Geld verschwinde. In die eigenen Taschen. «Es gibt keine Moral», er lächelt. «Nur Gewinner und Verlierer.»
Die Dealer glauben, sie spielten das System aus. Journalist Philippe Pujol (51) sagt: «Sie sind das System.»
Pujol kennt die Quartiere, die Gangs, die Toten. «Wer Marseille verstehen will», sagt er, «muss nicht auf die Drogen schauen.» Sondern auf den Beton.
Die Bau- und Immobilienwirtschaft lenke die Stadt. Diese Branche braucht den Zerfall. Verfällt ein Block, öffnet der Staat die Kassen. Millionen an öffentlichen Fördergeldern fliessen in die Quartiere. Um abzureissen und neu zu bauen. «Ein endloser, hochlukrativer Kreislauf», erklärt Pujol.
Die Dealer ruinieren die Viertel. Die Bauherren kassieren bei der Sanierung. Die Misere in den nördlichen Quartieren sei nicht das Problem von Marseille. Die Misere sei die wirtschaftliche Lunge der Stadt. «Die Mächtigen wollen die Krankheit, denn sie bringt Profit», sagt er. Sie störten sich nur an den lästigen Symptomen: den Schiessereien, den Leichen auf dem Asphalt.
«Es wird nur negativ berichtet»
«Wo geht ihr als Nächstes hin?», fragt der Chef-Dealer. «La Castellane», antworte ich. Mein Übersetzer und ich steigen auf den Töff. Er ruft zum Abschied: «Wenn ihr dorthin geht, seid ihr tot.»
Das Quartier liegt im 16. Arrondissement. Nach einer Razzia im vergangenen Jahr veröffentlichte die Justiz Zahlen: 40 Millionen Euro setzte der Drogenhandel in La Castellane jährlich um.
Vor einem Kiosk steht ein Schild. Zwei Gramm Kokain: 90 Euro.
Ein dünner Mann mit kräftigen Armen grüsst: «Guten Tag, Madame.» Ein Zweiter kommt dazu. Gepflegter Bart, Marken-Sonnenbrille. «Mich nervt, dass nur negativ über uns berichtet wird», sagt er.
Dabei gäbe es auch Positives. Vergangenes Jahr etwa, als sich ein Waldbrand bis zum Rand des Quartiers ausbreitete. «Die jungen Leute hier eilten der Feuerwehr zur Hilfe», erzählt er.
Der Mann mit den kräftigen Armen verschwindet in ein Geschäft, kommt mit einem Barhocker zurück. «Setzen Sie sich, Madame.»
Ich bedanke mich. Ausser den Dealern ist das Quartier leer. Wir verabschieden uns. Auf dem Parkplatz hält uns ein älterer Herr an: «Wo gibts hier Drogen?» Er entdeckt das Schild mit den Preisen. Dann geht er weiter. Der Kreislauf geht weiter.