Darum gehts
- Untersee bei Berlingen TG sank auf 394,20 Meter, tiefster Stand seit Messbeginn
- Binnen eines Monats fiel der Pegel um 60 Zentimeter, Häfen liegen trocken
- Regenmenge der letzten 90 Tage: nur 35 bis 50 Prozent des üblichen Niveaus
Sie hatte seit 135 Jahren Bestand, nun ist die Marke am Montag gefallen: Der Untersee bei Berlingen TG sank auf 394,21 Meter über Meer, den tiefsten Wert seit Messbeginn. Am Dienstag ging es nochmals einen Zentimeter runter. Der alte Rekord lag zuvor bei 394,25 Metern. Aussergewöhnlich ist auch der Zeitpunkt. Tiefstände werden normalerweise im Winter gemessen, nicht Ende September.
Wer derzeit am Ufer des Untersees steht, erkennt die Landschaft kaum wieder. Innerhalb eines Monats sank der Pegel um weitere 60 Zentimeter. Besonders deutlich ist die Situation auf der deutschen Seite rund um Radolfzell und die Gemeinde Moos. Mehrere Häfen liegen trocken, und im Hafen von Steckborn TG riecht es nach freigelegtem Seegras und Algen.
Blick trifft dort am Dienstag Alice Friedli (75), die seit 20 Jahren in Steckborn lebt. Sie sagt: «Der Wasserstand ist so tief, wie ich es noch nie erlebt habe.» Der Geruch des Wassers sei inzwischen wieder besser als im Hochsommer. «Als es so heiss war, bin ich nicht mehr baden gegangen, weil das Wasser unangenehm gerochen hat.»
Dramatisch sichtbar ist der tiefe Pegel in Horn am Untersee, das zur deutschen Gemeinde Gaienhofen gehört. «So wenig Wasser habe ich noch nie gesehen», sagt dort Reinhard Lange (75).
Schade sei, dass man nicht mehr baden gehen kann, obwohl der See noch rund 20 Grad warm ist. «Man kommt halt ohne Matschfüsse nicht mehr ins Wasser rein», sagt Lange.
Sorgen über den rekordtiefen Wasserstand macht sich Tim Hänsler (45), selbstständiger Installateur aus dem benachbarten Moos am Bodensee. «Uns fehlen über 70 Prozent im Zufluss des Wassers.» Es gehe viel Wasser weg, über Abflüsse, Verdunstung und Entnahmen. «Es ist eine wahnsinnig dramatische Lage beim grössten Trinkwasserspeicher Europas», sagt Hänsler.
Und weiter: «Es ist keine Entspannung in Sicht, weil die Wassermengen, die fehlen, die werden vielleicht erst wieder mit der nächsten grossen Schneeschmelze im nächsten Hochsommer zu erwarten sein – wenn überhaupt.»
Nur die Hälfte des Regens
Die Gründe für den Tiefstand sind vielfältig. Nach einem schneearmen Winter fehlte das Schmelzwasser aus den Alpen. Dazu kamen monatelang zu wenig Niederschlag und eine hohe Verdunstung im warmen Sommer. Auf der Alpennordseite fiel in den vergangenen 30 Tagen nur 35 bis 50 Prozent der üblichen Regenmenge. Ohne Regen sank der Pegel zuletzt um zwei bis drei Zentimeter pro Tag. An heissen Tagen verdunsteten am Untersee allein rund 0,5 Zentimeter.
Die Natur leidet mit. Für Fische wird die Kombination aus wenig Wasser, Hitze und Sauerstoffmangel zum Problem. Auch Ausflügler müssen umdenken: Wer eine Schifffahrt oder Wassersport plant, sollte sich vorab bei den Betreibern über Einschränkungen an Anlegestellen informieren.