Darum gehts
- Die USA feiern heute ihr 250-jähriges Bestehen als Nation
- Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 prägt das Land bis heute
- Über 250 Jahre: Millionen suchten Glück, Freiheit und Neuanfang in Amerika
Heute wird Amerika 250 Jahre alt. Diesen runden Geburtstag feiert nicht einfach ein Land oder eine Supermacht; am 4. Juli 1776 wurde ein Gedanke in die Welt gesetzt. Eine Idee, die sich nie ganz einlösen lässt – und gerade deshalb kühner und mächtiger ist als fast alles andere in der Geschichte der Menschheit.
Ein Superlativ? Sicher. Der Erfolg bestätigt ihn: Menschen von überall sind in den letzten 250 Jahren in die USA gezogen, um dort ihr Glück zu suchen. Sie kommen noch immer, aus demselben Grund.
Sie folgen einer Idee, die im zweiten Satz der Unabhängigkeitserklärung von 1776 steht: «We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.»
Alle Menschen sind gleich geschaffen. Sie besitzen unveräusserliche Rechte, verliehen von einem Schöpfer, nicht vom Staat. Dazu gehören Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.
Nicht das Glück wird versprochen. Nicht Sicherheit, nicht Wohlstand, nicht Erlösung. Versprochen wird das Recht, danach zu streben. Das ist der amerikanische Urgedanke. Das ist Amerika.
Das Streben nach Glück – «the pursuit of happiness» – ist kein Ziel, sondern ein Weg. Glück erreicht man nie endgültig. Aber man darf, ja man muss es suchen.
Darin liegt Amerikas unerschütterlicher Optimismus. Und seine Härte.
Wer nach Glück strebt, muss aufbrechen und etwas wagen. Muss scheitern dürfen. Und darf dann wieder aufstehen.
Daraus entstand eine unerbittliche Leistungsgesellschaft. Wer nicht mithält, bleibt nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich liegen: Stürzt ab, wird obdachlos, verschwindet.
Dieselbe Idee ermöglicht aber auch eine zweite Chance. Ein Fehltritt? Ein Vergehen? Eine Pleite? All das kann man in Amerika hinter sich lassen. Das Land ist gross genug, geografische wie soziale Mobilität sind tief verankert; man kann anderswo wieder neu anfangen.
Scheitern erlaubt
Amerikanisches Unternehmertum lebt von dieser Kultur des erlaubten Scheiterns. Eine Pleite gilt nicht zwingend als Makel, sondern als Etappe auf dem Weg zum Erfolg.
Walt Disney (1901–1966) ging 1923 mit seiner ersten Firma bankrott, bevor er einen der grössten Unterhaltungskonzerne der Welt schuf. Henry Ford (1863–1947) scheiterte mit der Detroit Automobile Company, bevor er mit der Ford Motor Company die Welt veränderte. Gleich mehrmals ging der spätere Schokoladenkönig Milton Hershey (1857–1945) pleite.
Angelegt im Streben nach Glück ist ein unstillbarer Hunger nach mehr. Dazu gehört das ständige Ausweiten der «Frontier», jenes Grenzgebietes, das es zu erobern, zu besiedeln und urbar zu machen gilt. Es reicht nicht, auf dem Mond zu landen; das nächste Ziel ist der Mars. Es reicht nicht, Rechenzentren für künstliche Intelligenz zu bauen; das nächste Ziel sind Rechenzentren im Weltall. Es reicht nicht, Milliardär zu sein; das nächste Ziel ist die Billion.
Amerika bleibt nicht stehen; Amerika geht weiter.
Dieser Optimismus zieht einen bestimmten Menschenschlag an: Unruhige, Ehrgeizige, Begabte oder Besessene.
Elon Musk (55) wurde in Südafrika geboren, studierte in den USA und veränderte mit Paypal, Tesla und SpaceX mit Starlink gleich mehrere Branchen. In Amerika wurde er zum reichsten Menschen der Welt. Levi Strauss (1829–1902) wanderte als Jugendlicher aus Bayern nach New York aus und machte später in San Francisco aus Arbeitskleidung für Goldgräber eine globale Modeikone: die Levi’s-Jeans. Bettelarm kam Andrew Carnegie (1835–1919) als Kind aus Schottland in die USA. Mit Carnegie Steel prägte der Stahlmagnat den industriellen Aufstieg des Landes. Später verschenkte er grosse Teile seines Vermögens.
Rebellen und Religiöse
Einwanderung prägt die Nation wie kaum etwas anderes. Oft ist heute von der gespaltenen amerikanischen Gesellschaft die Rede. Dabei war Amerika vom ersten Tag an ein gespaltenes Land. Die Spaltung entstand aus der Spannung zwischen Rebellion und Religion.
Zu den ersten neuen Siedlern gehörten Rebellen, denen Europa zu eng war. Und Religiöse, die in Europa verfolgt wurden.
Diese Mischung durchzieht die USA bis heute. Waghalsige leben neben Frommen, Geniale neben Abtrünnigen. Alles ist grösser, lauter und extremer. «Only in America» ist die Formel aus Rebellion und Religion.
Die Frömmigkeit ist in die Unabhängigkeitserklärung eingeschrieben: Schon der zweite Satz beruft sich auf einen «Creator», den Schöpfer. Viele Amerikaner glauben, Gott habe auch an ihrer Verfassung mitgeschrieben. Gleichzeitig ist die Trennung von Kirche und Staat besonders stark verankert. Nicht trotz der grossen Religiosität, sondern ihretwegen. Der amerikanische Gedanke: Religion kann nur frei sein, wenn sich der Staat nicht einmischt.
Aus dem Recht auf Freiheit leitet sich auch die Meinungsfreiheit ab, eines der mächtigsten amerikanischen Ideale. Amerikaner können verabscheuen, was jemand denkt, meint oder sagt. Und doch treten sie mit aller Kraft dafür ein, dass man es denken, meinen und sagen darf. In diesem Geist suchen sie die Debatte, damit gefährliche Argumente nicht in den Untergrund abwandern, sondern offen bekämpft werden können.
Nicht Verbote erledigen schlechte Ideen; in einer freien Gesellschaft geschieht das auf dem Marktplatz der Ideen. Das bessere Argument setzt sich durch, nicht die Obrigkeit.
Hier liegt ein entscheidender Unterschied zur alten Welt. Uns Europäern steckt der Gehorsam gegenüber Obrigkeiten in den Knochen. Adel, Klerus, Stände, unüberwindbare Hierarchien – all das haben wir nie richtig abgeschüttelt.
Amerika ist zwar nicht auf einer grünen Wiese entstanden. Gewalt, Sklaverei und die Vertreibung indigener Völker waren real. Aber Amerika begann mit dem Anspruch, dass nicht Herkunft, Stand oder Geburt zählen sollten, sondern das Recht, das alle gleich bindet.
Dreiste Lüge
Das in Recht gefasste Wort schafft die Grundlage, an der sich alle orientieren. Die USA sind ein Land der Anwälte und Richter, wie der französische Gelehrte Alexis de Tocqueville (1805–1859) schon im 19. Jahrhundert bemerkte. Gerät die Gesellschaft aus der Balance, zieht sie vor Gericht, um sich neu zu ordnen.
Das macht den Gerichtsfilm zum uramerikanischen Kino-Genre. Der Klassiker «Die zwölf Geschworenen» von 1957 erzählt nicht nur von einem Prozess, sondern verkörpert die Überzeugung, dass Wahrheit in der gemeinsamen Auseinandersetzung entsteht.
Die schwerste Auseinandersetzung aber führt das Land mit sich selbst. Denn der viel zitierte zweite Satz der Unabhängigkeitserklärung enthält den grossen Widerspruch Amerikas: «All men are created equal» – alle Menschen sind gleich geschaffen. 1776 war das eine revolutionäre Behauptung. Und natürlich eine dreiste Lüge. Längst nicht alle Menschen hatten die gleichen Rechte. Nicht Frauen, nicht Sklaven, nicht die Ureinwohner, nicht einmal alle weissen Männer.
Aber der Satz blieb stehen. Und weil er am Anfang Amerikas steht, ist er zum Auftrag geworden.
Fünf Worte zwangen das Land, sich an ihnen zu messen. Sie machten die Unabhängigkeitserklärung zu einem Versprechen. Die Abschaffung der Sklaverei kam spät und blutig, aber sie kam. Die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenbewegung, die Rechte von Minderheiten, die Ehe für homosexuelle Paare: Immer wieder konnten sich Amerikanerinnen und Amerikaner auf die Formel ihrer Gründer berufen.
Sind alle Menschen gleich geschaffen, kann Freiheit nicht nur wenigen gehören.
Amerika ist nicht gross, weil es seine Ideale erfüllt hätte. Es ist gross, weil seine Ideale stark genug sind, um Fehler sichtbar zu machen und Wandel zu erzwingen.
Die USA sind keine perfekte Union. Sie sind ein Experiment, das nie abgeschlossen ist. Sie versuchen, eine vollkommenere Union zu schaffen. «A more perfect Union», wie es in der Verfassung heisst: nie vollkommen, aber stets darauf ausgerichtet, besser zu werden.
Wohl deshalb schreiben Fortschritte und Rückschläge die amerikanische Geschichte. Auf die Hybris folgt die Korrektur. Der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert zerriss das Land, beendete aber die Sklaverei. Der Börsencrash von 1929 und die Wirtschaftskrise stürzten Millionen in die Armut, begründeten aber ein neues Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Bürgern. Der japanische Angriff auf Pearl Harbor 1941 zog Amerika in den Zweiten Weltkrieg und machte das Land zur führenden Macht des 20. Jahrhunderts. 9/11 traumatisierte die USA und zeigte, wie widerstandsfähig eine offene Gesellschaft sein kann.
Der Investor Warren Buffett (95) liegt richtig, wenn er sagt: «Wette nie gegen Amerika.» Denn Amerika kann Niederlagen verdauen. Nixon, Obama, Trump: Die USA überstehen unterschiedliche Präsidenten, falsche Kriege und moralische Missgriffe. Nicht wegen ihres übermächtigen Militärs, ihres Reichtums oder ihrer überlegenen Technologie , sondern wegen der Fähigkeit, aus Fehlern neue Energie zu gewinnen.
Amerikaner sind davon überzeugt, dass morgen mehr möglich ist als heute.
Ein Land, das Erfolge feiert
Das begründet die ungestüme Risikobereitschaft, die die USA führend gemacht hat in Wirtschaft, Forschung, Kunst und Unterhaltung. Das Flugzeug, Hollywood, die Polioimpfung, der Personal Computer, das Internet, die künstliche Intelligenz: Am Anfang standen Menschen in einem Land, das ihnen zutraute, die Welt zu verändern.
Gelingt es ihnen, werden sie gefeiert.
Das ist das Gegenteil jenes Wettbewerbs der Mittelmässigkeit, wie er etwa in der Schweiz gepflegt wird, wo kleingemacht wird, wer nach Grossem strebt.
Klar, amerikanischer Erfindungsdrang kann auch Schaden anrichten. Kein anderes Land warf Atombomben ab. Denkfabriken lieferten Theorien für verhängnisvolle Kriege. Die USA haben am meisten CO₂ ausgestossen.
Trotzdem bleibt die amerikanische Idee stärker als ihre Missbräuche.
Denn das Land ist kein Zustand, sondern ein Auftrag. Kühn ist Amerika nicht deshalb, weil es fehlerlos wäre, sondern weil es seine Fehler immer wieder an den eigenen Gründungssätzen messen muss.
Diese Gründungssätze sollen Amerika nicht rechtfertigen, sondern herausfordern.
So bleibt das Experiment widersprüchlich, übermütig und zuweilen brutal. Vor allem bleibt es unvollendet. Und genau darin liegt seine Grösse.
Amerika versprach den Menschen nie das Glück. Es legte auch nie fest, wie dieses Glück auszusehen hat. Es ermutigte alle, danach zu streben und es für sich selbst zu definieren.
Das klingt bescheiden, ist aber revolutionär.