Die Einheimischen nennen die Region nur «Birmistan»
In diesem europäischen Quartier sind 80 Prozent Muslime!

In Sparkhill, Birmingham, machen Muslime rund 80 Prozent der Bevölkerung aus. Das Quartier ist arm, die kulturellen Unterschiede gross. Warum die Gemeinschaft trotzdem zusammenhält.
Kommentieren
Frauen kaufen Lebensmittel in einem Geschäft in Sparkhill, Birmingham.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
RMS_Portrait_AUTOR_235.JPG
Helena GrafReporterin

Eine Frau mit Hidschab öffnet die Tür. Wir sind in einer Kirche. St. John's. Auf den Holzbänken stehen Essenspakete. Rechts normal, links halal. An der Wand ein Gemälde. Jesus mit Kreuz. «Fällt dir etwas auf?», fragt Amer Khan (57) und deutet auf das Bild. «Die Hautfarbe.» Khan nickt. Gebräunt statt weiss. Anders als in den meisten Kirchen.

Birmingham, England. Im Norden der Stadt finden gerade die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Wir sind aber im Süden. In Sparkhill. Genannt «Birmistan». Weil 80 Prozent der Bewohner Muslime sind und nur 8 Prozent Christen.

«Kein Gott ausser Allah»

Im Supermarkt läuft Muezzin. Männer tragen Turbane und knielange Gewänder. Manche Frauen haben ihre Gesichter verschleiert. An einer Hauswand steht auf Arabisch: «Es gibt keinen Gott ausser Allah.»

1/16
Das islamische Glaubensbekenntnis hängt an einer Hauswand in Sparkhill.
Foto: Helena Graf

Nur zwei Häuser weiter prangt das Schild einer Metzgerei in Pakistans Nationalsprache Urdu und auf Englisch. Ein polnischer Lebensmittelhändler bietet Teigtaschen an – gleich neben einer Halal-Bäckerei. In Sparkhill sind bereits vor zehn Uhr morgens ein Dutzend Sprachen zu hören.

In der Kirche betreibt die Organisation Narthex eine Essensausgabe. Die NGO ist christlichen Ursprungs. Gut die Hälfte der Mitarbeiter und Freiwilligen sind aber Muslime. Sie arbeiten Seite an Seite, an sechs Standorten in Birmingham.

Hüpfburg unter Jesus-Kreuz

St. John's ist für alle. Messe am Sonntag. Essensausgabe am Mittwoch. Spendenaktion für Gaza – organisiert von den muslimischen Nachbarn. Sie stellten eine Hüpfburg ins Kirchenschiff. Direkt unter das Kreuz.

Geoff Holt klappt seinen Laptop auf. Er ist einer der Gründer von Narthex. Ein Mann tritt zu ihm an den Tisch. Er heisst Wayne, 39 Jahre alt.

Wayne hat Hunger. Der Kühlschrank in seiner Unterkunft ist kaputt. Das wenige Essen, das er sich leisten kann, verdirbt. In den letzten drei Jahren musste Wayne vierzehn Mal umziehen. Die Behörden weisen ihm immer wieder neue Bleiben zu.

Blick unterwegs in den Ghettos von Europa

Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.

In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.

Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.

Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.

In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.

Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.

Angst vor Junkies und Verkehr

Er will arbeiten. Teilzeit, da gibt es mehr Stellen. Nimmt er aber einen Job an, streicht ihm der Staat das Wohngeld. «Dann stehe ich auf der Strasse», sagt er.

Knapp 60 Prozent der Kinder in Sparkhill wachsen in Armut auf. Der Wohnraum ist knapp. Also bringt die Stadt Menschen in Sozial-WGs unter. Dort leben Familien, entlassene Häftlinge und Suchtkranke. Auf engstem Raum – mitten im Quartier.

Spannungen gehören zum Alltag. Eltern lassen ihre Kinder kaum noch allein draussen spielen. Zu gross ist die Sorge vor Drogen, dem Einfluss der falschen Cliquen und den Gefahren, die immer näher an das Viertel heranrücken.

Bogdan Ban spricht tadelloses Englisch, hat einen Uni-Abschluss. Trotzdem findet er keinen Job.
Foto: Helena Graf

Im Vorzimmer der Kirche wartet ein Dutzend Bedürftige. Bogdan Ban (40) ruft Einzelne auf, schickt sie hinein. Er wuchs in Rumänien auf. Die Eltern Alkoholiker. Mit zwanzig trieb er für Kriminelle Geld ein. «Mit Schlägen», sagt er.

Dann zog er nach England. Job im Warenhaus. Bachelor-Abschluss, Weiterbildung als Cocktail-Fachmann. Job in einer Bar. Er nimmt Kokain, bleibt hängen. Verliert Arbeit, Freundin, Haus.

«Niemand will mich»

Ban schläft in einer Sozial-WG. Er ist längst clean. Um den anderen Suchtkranken zu entkommen, engagiert er sich in der Kirche. Ohne Bezahlung. «Ich suche seit über einem Jahr einen Job», erzählt er. «In Warenhäusern, Bars, überall. Aber niemand will mich.»

Bei Narthex werde er respektiert, einbezogen. Ban ist Christ. In Sparkhill stehen 14 Moscheen. Er gehört zur Minderheit. Ihn stört das nicht.

Toby Crowe ist der Pfarrer von St. John's. Ein hochgewachsener, weisser Mann. Er wohnt sechs Gehminuten entfernt. Auf der Strasse grüsst er die Leute auf Urdu. «Salam aleikum», sagt er dann.

Eine unkonventionelle Kirche: In St. John's stehen ein Töggelikasten und ein Billardtisch.
Foto: Helena Graf

Crowe ist Christ, geht offen mit seinem Glauben um. Aber er hält in der Essensausgabe keine Predigten, und niemand bittet ihn darum.

Sonntags sitzt oft ein Mann mit langem Bart und islamischer Schädelkappe in der ersten Reihe der Kirche. Es ist Muhammad, Crowes Nachbar. Er kommt nicht, um Christ zu werden. Er kommt, um vorher mit dem Pfarrer Billard zu spielen. Und weil er ihm vertraut.

Ein anderer Mann setzt sich Geoff Holt gegenüber. «Ich bin zum ersten Mal hier», sagt er leise. Holt bestellt für ihn ein Halal-Paket. Der Mann senkt den Kopf. «Ich habe mein Leben lang gearbeitet. Aber jetzt bin ich krank und ohne Job.» Er wischt sich die Tränen aus den Augen. Holt beschwichtigt ihn. «Das kann jedem von uns passieren.»

Hohe Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit in Sparkhill ist weit über dem britischen Durchschnitt. Jeder dritte Erwachsene hat keinen Job. Jugendliche haben kein Geld, um an die Uni zu gehen. Sie bewerben sich auf Praktika. Manchmal zu Hunderten auf eine einzige Stelle.

Amer Khans Kinder sind inzwischen fast erwachsen. Er schickte sie auf eine Schule ausserhalb von Sparkhill. Dort sollten sie auch Kinder aus anderen Verhältnissen kennenlernen.

Amer Khan arbeitet für Narthex. Er bringt unterschiedliche Organisationen an einen Tisch.
Foto: Helena Graf

Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. Er wollte nicht, dass ihr Leben nur von Schule, Moschee und Elternhaus bestimmt wird. «Meine Kinder sollen ihren eigenen Weg finden», sagt er.

Das aktuelle politische Klima macht vielen Eltern Sorgen. 2024 bezeichnete ein Abgeordneter der konservativen Tory-Partei das Quartier als «No-Go-Zone.» Die Menschen in Sparkhill wehrten sich. Der Politiker zog die Aussage zurück.

Als Symbol für Islamisierung missbraucht

Dennoch bleibt das schlechte Image. Rechte Blogger und Verbände nutzen das Quartier, um gegen Muslime Stimmung zu machen.

Die Bewohner hingegen sehen die multikulturelle Durchmischung als Stärke. Christen und Muslime verteidigen das Quartier.

Ein letzter Klient setzt sich Geoff Holt gegenüber. Bald schliesst die Essensausgabe. «Ich bin seit einer Woche trocken», sagt der Mann. Früher sei es ihm nur um sich selbst gegangen. Pumpen im Gym, Frauen im Bett, Ekstase, Alkohol. Letzte Woche hat ihn seine Sucht beinahe getötet. «Jetzt will ich wieder zu Kräften kommen. Freunde finden. Mein Leben nutzen, um anderen zu helfen», sagt er.

Geoff Holt streckt ihm ein Formular entgegen. Anmeldung für Freiwilligenarbeit bei Narthex. «Leute wie du», sagt er, «geben die besten Freiwilligen ab.»

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen