Kenneth Feinberg (80) ist Anwalt in Washington und spezialisiert auf aussergerichtliche Streitbeilegung. Ab dem 26. November 2001 leitete er als Special Master den Entschädigungsfonds für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001. Feinberg legte die Regeln fest, berechnete den Wert jedes einzelnen Lebens und zahlte die Gelder aus. Wer das Geld annahm, verzichtete auf eine Klage. 33 Monate lang arbeitete er ohne Honorar. Am Ende flossen gut sieben Milliarden Dollar an die Angehörigen von 2880 Getöteten und an 2680 Verletzte; 97 Prozent der Hinterbliebenen machten mit. Viele Familien traf Feinberg persönlich.
Herr Feinberg, Sie verteilten das Geld aus dem Entschädigungsfonds für die Opfer von 9/11. Dabei mussten Sie Menschenleben in Dollar und Cent beziffern. Wie kann man das tun?
Kenneth Feinberg: Das ist nicht schwer. Im US-Rechtssystem tun Richter und Geschworene das jeden Tag. Die Formel ist einfach: Was hätte dieses Opfer in seinem Arbeitsleben verdient, wäre 9/11 nicht passiert? Dazu kommt etwas für Schmerz und Leid sowie für seelische Not. Daraus ergibt sich die Summe – und damit der Scheck.
Das heisst, der Sohn eines Putzmannes bekommt weniger als die Tochter einer Bankerin?
Vereinfacht kann man das so sagen. Die Herausforderung bestand nicht darin, den Wert eines Lebens zu berechnen. Sie bestand darin, mich mit jedem Überlebenden und jedem Angehörigen persönlich zu treffen. Das war sehr, sehr emotional. Ich bot Geld an, noch bevor alle Leichen gefunden waren. Und die Geschichten, die ich hörte, werde ich nie vergessen.
Was haben diese Geschichten mit Ihnen gemacht?
Sie haben mich überzeugt, dass Empathie und Feingefühl wertvolle Waffen sind, wenn man Trauer lindern will. Man lernt, zuzuhören und nicht zu dozieren. Ein Theologie- oder Psychiatriestudium wäre mir wohl nützlicher gewesen als mein Anwaltspatent. Man hört zu, drückt sein Beileid aus – das ist alles. Es braucht keine weiteren Erklärungen und keinen Versuch, den Schmerz wegzuerklären.
Wie viele Familien haben Sie getroffen?
Es waren 950. Meine Kollegin Camille Biros dürfte weitere 200 getroffen haben.
Worüber haben Sie mit ihnen gesprochen?
Sie kamen nicht, um über Geld zu reden. Sie kamen, um ihre Wut auf die Regierung auszudrücken, weil diese das zugelassen hatte. Oder ihre Trauer darüber, dass ein geliebter Mensch nie zurückkehrt. Manchmal kamen sie, damit ich die Erinnerung an einen Verstorbenen bestätige.
Wie bestätigt man eine Erinnerung?
Ein Mann sagte: «Mr. Feinberg, ich habe meine Frau verloren. Wir waren 25 Jahre verheiratet. Sie starb im World Trade Center. Ich möchte Ihnen den Film unserer Hochzeit vor 25 Jahren zeigen, damit Sie sehen, was für ein wunderbarer Engel sie war.» Dann spielte er den Film ab. Mein Büro war voll mit Teddybären, Erinnerungsstücken, Hochzeitsfilmen und Urkunden. Man kam kaum mehr hinein, so hoch stapelte sich alles.
Woher nahmen Sie die Kraft, diese Trauer auszuhalten?
Das war nicht einfach. Ich schlief schlecht. Es half, eine liebevolle Familie zu haben.
Hätten Sie ablehnen können?
Das war keine lokale Pfadiübung, sondern eine patriotische Pflicht. Der Präsident und der Justizminister der Vereinigten Staaten haben mich darum gebeten. Was soll man da sagen? «Nein, das schaffe ich nicht»? Man nimmt solche Aufträge an.
Wie sind Sie die Aufgabe angegangen?
Das Ziel ist, das Richtige zu tun. Man darf sich nicht beeinflussen lassen. Das geht nur, indem man zuhört und keine persönlichen Ansichten äussert.
In der Schweiz gab es in der Neujahrsnacht einen Brand in Crans-Montana mit 41 Toten und 115 Verletzten. Die Entschädigungsfrage steht im Raum. Könnten Sie den Schweizer Behörden mit Ihrer Erfahrung helfen?
Sie riefen mich an und wollten wissen: «Wie hat Ihr Fonds funktioniert?» Ich erklärte es ihnen. Sie sagten: «Wir haben ein anderes Rechtssystem. Wir sind nicht sicher, ob wir einen Sonderfonds schaffen können.» Sie meldeten sich danach nicht mehr, aber wir hatten ein freundliches Gespräch.
Sie konnten den Schweizern nichts raten?
Mir fiel es schwer, das Schweizer Rechtssystem zu beurteilen. Hier in den USA dauern Gerichtsprozesse oft Jahre statt Monate; sie sind ineffizient und teuer. Verglichen damit ist das Modell, das ich aufgebaut habe, eine sehr attraktive Alternative. Wir zahlten die 9/11-Ansprüche in 60 bis 90 Tagen aus. Die Anwälte kooperierten. Vielleicht könnte die Schweiz so etwas versuchen.
Wäre ein solcher Fonds in den USA heute noch möglich?
Nein. Vor 25 Jahren war der Fonds eine grossartige Idee. Wir sahen uns als Land, das gross genug ist, allen zu helfen und damit unseren Gemeinsinn zu beweisen. Nach der Tragödie stellte sich das ganze Land hinter die Opfer. Wir verteilten ja Steuergelder, nicht das Geld der Fluggesellschaften oder des World Trade Center. Heute ist das Land so polarisiert und in sich zerstritten, dass der Fonds bloss noch ein historisches Beispiel dafür ist, dass es einmal besser ging.
Gibt es einen Auftrag, den Sie noch übernehmen möchten, bevor Sie ganz aufhören?
Wenn ein Präsident, der Kongress, ein Gouverneur oder ein Bürgermeister mich um Hilfe bittet, tue ich es. Aber ich suche diese Tragödien nicht mehr. Es reicht.