Bricht bald Krieg im Iran aus?
Trump hat den Finger am Abzug

Donald Trump könnte bald den Befehl zum Militärschlag gegen die Mullahs geben. Die iranische Opposition hofft auf den US-Präsidenten. Europa steht nicht einmal mehr eine Nebenrolle zu.
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Der US-Flugzeugträger USS Abraham Lincoln nähert sich Iran.
Foto: AP
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Gibt Donald Trump (79) den Befehl zum Angriff? Blufft er nur? Erst langsam tritt aus dem Durcheinander der Nachrichten ein Thema hervor, ein äusserst monströses gar, das zum Schicksal einer ganzen Weltregion werden könnte.

Während die Welt über die Erschiessung eines US-Bürgers durch die dortige Einwanderungsbehörde ICE in Minnesota redet, wird der Öffentlichkeit allmählich bewusst, dass die islamischen Machthaber im Iran bei der Niederschlagung der Freiheitsbewegung ein Massaker angerichtet haben. Nach bisherigen, unbestätigten Schätzungen wurden in nur zwei Tagen – nach Abschaltung des Internets am 8. Januar – über 30’000 Protestierende niedergemetzelt. Manche Quellen geben noch viel höhere Opferzahlen an. Der Befehl soll direkt von Revolutionsführer Ali Chamenei (86) gekommen sein; als Mastermind des Blutbads wird Ali Laridschani (67) verdächtigt, der Sekretär des Sicherheitsrats. Seine Tochter lebt unbescholten in den USA, wo sie als Assistenzprofessorin an einer Uni gearbeitet hat. Vergangene Woche hat die Hochschule den Stecker gezogen und sie entlassen. Derweil hat US-Aussenminister Marco Rubio (54) angekündigt, den Kindern der iranischen Regime-Vertreter das Visum zu entziehen, von denen es auffällig viele in die Vereinigten Staaten zieht.

Brennende Moscheen

Die Vorgänge des 8. und 9. Januars in Iran waren mutmasslich die blutigste Niederschlagung eines Protests in der Nachkriegszeit. Vergleiche mit anderen historischen Verbrechen zeigen das erdrückende Ausmass: Der Bartholomäusnacht, dem Pogrom gegen die französischen Protestanten 1572 in Paris, fielen geschätzte 3000 Menschen zum Opfer. Beim Völkermord von Srebrenica 1995 wurden rund 8000 bosnische Männer umgebracht. Im dreijährigen Gazakrieg starben laut israelischen Angaben 71'000 Menschen. Der britische «Telegraph» stellt den Massenmord durch die Mullahs bereits auf eine Stufe mit Babyn Jar, wo die Nazis 1941 vor den Toren Kiews innert zwei Tagen 33'771 Jüdinnen und Juden umbrachten.

Die Vorgänge im Iran passen in keine Schablone der westlich genormten Weltanschauungen. Jahrzehntelange Knechtschaft durch schiitische Geistliche und ihre Häscher, staatliche Indoktrination gegen Israel und Amerika, Unterdrückung der Frauen und erdölgetränkte Korruption haben dazu geführt, dass sich die iranische Opposition gegen religiöse Herrschaft, für eine gesellschaftliche Öffnung und gegen die Unterstützung der Terrormilizen in den Nachbarländern durch die Mullahs richtet. Während der Proteste wurden Moscheen in Brand gesetzt – was wohl ein Unikum in islamischen Ländern darstellt. In den Demonstrationszügen der Diaspora sind zuweilen Israel-Flaggen zu sehen, weil viele Benjamin Netanyahu (76) nicht vergessen haben, dass er der einzige amtierende Regierungschef der Welt ist, der sich seit jeher für einen Regimewechsel in Teheran ausgesprochen hat und sich regelmässig mit Ansprachen auf Persisch an das iranische Volk wendet.

Guterres, das Gesicht des Appeasements

Gnadenlos zeigt die Krise auch die strategische Bedeutungslosigkeit Europas in der Region auf. Es ist jedenfalls nicht überliefert, dass iranische Aufständische auf den Strassen Ursula von der Leyen (68) oder Emmanuel Macron (48) um Hilfe gerufen haben. Dass die EU die Revolutionsgarden auf die Terrorliste setzt, ist ein wichtiger Durchbruch, der aber viele Jahre früher hätte erfolgen können. Komplett diskreditiert ist Uno-Generalsekretär António Guterres (76), der symbolisch für das viel zu lange dauernde Appeasement gegenüber der iranischen Diktatur steht.

All dies erklärt auch, weshalb sich manche Zeitgenossen des Abendlands, die sich an Palästina- oder Kurdistan-Demos versammeln, mitunter schwertun mit Iran-Solidarität. Überfordert reagieren auch die internationalen Medien, von denen viele das Ereignis und seine Bedeutung erst allmählich zu begreifen scheinen; in Grossbritannien wurde Kritik gegen die öffentlich-rechtliche BBC laut, die nur äusserst zaghaft über die Vorgänge berichtet hat. Und etablierte Linke, die sich traditionell mit Gaza oder Kurdistan solidarisieren, treten auffällig leise. Zu den Fürsprechern der Freiheitsbewegung in den Foren und sozialen Medien gehört stattdessen eine bunte Schar von Einzelmasken wie Monty-Python-Gründer John Cleese (86), Virgin-Milliardär Richard Branson (75) oder «Mr. Bean»-Darsteller Rowan Atkinson (71).

Ein Volk, das sich Krieg wünscht?

Was die Sache besonders kompliziert macht, ist die Rolle Donald Trumps: Sowohl im Land selbst als auch unter vielen iranischen Auswanderern setzen viele auf den US-Präsidenten. Das macht die Angelegenheit noch schwerer einzuordnen: Während Trump wegen der tödlichen Spinnereien seiner ICE-Agenten in der Heimat unter Druck steht, die Welt über die neu publizierten Epstein-Akten rätselt und die allgemeine Sorge um die amerikanische Demokratie wächst, gilt der Republikaner bei vielen Exiliranern und in Teilen der Opposition als Hoffnungsträger. Nicht wenige wünschen sich unverblümt einen amerikanischen Militärschlag – nach Vietnam, Irak und Interventionen in Lateinamerika ist auch dies eine besondere Eigenart dieses Falls.

Ein Volk, das sich Krieg wünscht? Auch dies passt nicht in das Muster des pazifistisch geprägten Antikolonialismus, wie er in manchen Kreisen vorherrscht, die am Wochenende «Free Palestine» oder «From the River to the Sea» skandieren.

Trump hat sich selber in seine Rolle begeben: Zu Beginn der Proteste ermunterte er die jungen Leute in den Strassen Teherans und anderer Städte, weiter zu protestieren, und versprach, dass Hilfe kommen würde. Bislang ist diese ausgeblieben. Wird er als derjenige in die Geschichte eingehen, der die iranische Jugend in ihrem Kampf gegen die islamische Unterdrückung verraten hat?

Gespenstische Ruhe am Golf

Das Umfeld Trumps verneint – und tatsächlich wächst täglich das militärische Arsenal, das die USA im Persischen Golf stationieren. Die geballte Militärmacht der Vereinigten Staaten ruht mit dem Finger auf dem Abzug vor der iranischen Küste. Berichte häufen sich, wonach Angehörige des theokratischen Apparats Vermögenswerte ins Ausland transferieren. Die schiitischen Schlächter sind in einer taktischen Sackgasse – Trumps Forderungen wie den Verzicht der Unterstützung ihrer Verbündeten in der Region und eine Einstellung ihres Rakektenprogramms können sie nicht akzeptieren. Ein Krieg wiederum kann für das Regime existenziell werden. Die Turbanträger sind zur Eskalation verdammt.

Nun herrscht hinter den Kulissen Hektik und vor den Kulissen gespenstische Ruhe – ist es die Ruhe vor dem ersten Schuss oder doch nur ein Nervenkrieg, der in einem seltsamen «Deal» mit der Diktatur enden wird? Für Trump, der innenpolitisch unter Beschuss steht, ist ein Gesichtsverlust im Nahen Osten keine Option. Bleibt ein Militärschlag aus, wird sich das Mörder-Regime als Sieger feiern. Erfolgt ein Angriff mit begrenztem Schaden für die Ayatollahs, ebenso. Trump hat sich mit seiner Taktik in eine Situation manövriert, die ihn zum Erfolg zwingt.

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