Blick unterwegs in Frankfurts Drogenhölle
«Ich hasse Entzug – deshalb brauchst du Fentanyl»

Alex (33) will ins Schwimmbad. Doch bevor sie los kann, muss sie Crack rauchen und Fentanyl auftreiben. Seit 17 Jahren lebt sie im Drogen-Ghetto am Frankfurter Hauptbahnhof. Blick hat sie begleitet.
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Im Frankfurter Bahnhofsviertel diktieren Drogen den Alltag. Auf offener Strasse wird gedealt und konsumiert. Das Viertel ist eines von Europas Ghettos.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Frankfurts Bahnhofsviertel zeigt harte Drogenszene und menschliche Schicksale im Alltag
  • Alex, drogenabhängig, lebt von Crack und Fentanyl, kämpft gegen Entzugserscheinungen
  • Im Viertel arbeiten 23'000 Leute, Drogenszene jedoch prägend sichtbar
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Helena GrafReporterin

Mitten im Herzen der deutschen Finanzmetropole liegt eines der berüchtigtsten Ghettos Europas: das Frankfurter Bahnhofsviertel. Wo Banker und Touristen unterwegs sind, bestimmen direkt daneben Drogen wie Crack und Prostitution den Alltag.

Kaum ein anderer Ort in Deutschland zeigt die Abgründe von Sucht, Elend und Hoffnungslosigkeit so schonungslos wie dieses Viertel. Blick ist mittendrin und zeigt, wie das Leben in einem der härtesten Quartiere Europas wirklich aussieht.

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Dennis zündet ein Taschentuch an und raucht Crack.
Foto: Helena Graf

«Willst du auch?» Dennis hält seiner Schwester Alex (33) die Pfeife hin. «Gleich. Muss noch kurz Politik machen.» Sie steht auf und stolpert davon.

Auf dem Trottoir gegenüber schläft ein Mann. Drei Frauen hocken mit angezogenen Knien an einer Hauswand. Zwei rauchen. Die dritte rudert mit den Armen durch die Luft. Zwei Typen schreien sich an.

Alex bleibt stehen. Sie redet. Gestikuliert. Lacht. Kramt in ihrer Tasche. Redet weiter. Der Mann vor ihr reibt sich die Augen. Nickt. Zieht einen zerknitterten Zehner aus der Tasche. Alex geht. 

«Mit 17 wollte ich gucken, wie das so ist»
1:20
Alex lebt im Drogensumpf:«Mit 17 wollte ich gucken, wie das so ist»

Junkies ziehen Junkies ab

Ein paar Minuten später ist sie zurück. Sie streckt ihm ein Päckchen entgegen. Der Mann dreht es zwischen den Fingern. «Das ist wenig.»

Alex antwortet sofort. Eine Geschichte. Dann noch eine. Laut. Ohne Pause. Irgendwann setzt sich der Mann hin. Holt die Pfeife hervor. Nickt.

Alex grinst. «Das ist Politik.»

Bezahlt werden. Stoff holen. Einen Teil behalten. Den Rest weitergeben. Und wenn sich der andere beschwert: so lange reden, bis er vergisst, worüber er sich gerade noch aufgeregt hat.

Alex (33) hat ihr ganzes Erwachsenenleben im Bahnhofsviertel verbracht.
Foto: Helena Graf

Zurück bei Denis zieht Alex an der Pfeife. Sie rauchen «Stein». Crack. «Wenn du damit anfängst, spürst du so eine krasse Euphorie», sagt sie. «Aber irgendwann gewöhnst du dich daran. Dann fühlst du kaum noch was.»

Alex ist klein. Schlank. Blond gefärbte, ausgefranste Haare. Im Unterkiefer ist ihr ein einzelner Zahn geblieben.

Eine andere Welt kennt sie kaum. Die Mutter arbeitete als Domina. Sie trinkt. Mit 17 läuft Alex von zu Hause weg. Sie landet im Frankfurter Bahnhofsviertel. Erst kommt Heroin. Dann Crack. Heute Fentanyl. Fast ihr ganzes Erwachsenenleben hat sie hier verbracht.

Heute will sie ins Schwimmbad. «Aber zuerst muss ich Fenta auftreiben.» Fentanyl ist fünfzigmal stärker als Heroin.

Junkies sitzen Tag und Nacht an der Niddastrasse.
Foto: Helena Graf

Alex fragt herum. Niddastrasse. Elbestrasse. Taunusstrasse. Moselstrasse. Ihre Runde. Niemand hat etwas. Sie atmet schneller. «Ich hab Turkey, Mann.» Turkey heisst Entzug.

Am Bahnhof nickt Ayhan. Er hat ein Rezept für Fentanylpflaster. Als Schmerzmittel nach einer OP.

Blick unterwegs in den Ghettos von Europa

Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.

In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.

Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.

Es sind Quartiere, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie in Europa existieren. Und doch gibt es sie – Orte, an denen Drogen, Gangs und Elend das Sagen haben.

In der grossen Blick-Sommerserie reist unsere Reporterin Helena Graf dorthin, wo andere lieber wegschauen. Wir besuchen das berüchtigte Bahnhofsviertel in Frankfurt, wo Crack und Fentanyl den Alltag bestimmen. Wir tauchen ein in die Slums von San Ferdinando in Kalabrien, wo Tausende Erntehelfer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und die Mafia mitmischt. In den Problemvierteln im Norden von Marseille begleiten wir Ermittler und Anwohner im Kampf gegen Drogenbanden und Gewalt. Und in Sparkhill, einem Stadtteil von Birmingham, gehen wir der Frage nach, wie Armut, Migration und religiöse Parallelgesellschaften ein ganzes Quartier verändern.

Nah dran, ungeschönt und mit exklusiven Einblicken: Im Wochenrhythmus zeigt Blick diesen Sommer die Schattenseiten Europas.

Er schiebt sein Velo Richtung Tram. An der Haltestelle rauchen sie Stein. «Wo ist mein Brenner?», fragt Ayhan. «Gib mir deinen.» Alex schüttelt den Kopf. «Du hast meinen schon geklaut.»

Ohne Fentanyl hat sie Krämpfe

Das Tram fährt Richtung Süden. Vorbei an Wohnblocks. Vorbei am Wald. Alex schaut aus dem Fenster. «Ich hasse Entzug.» Sie reibt sich die Arme. «Am Anfang fängst du an zu schwitzen. Dann kommen die Krämpfe.» Sie schweigt. «Deshalb brauchst du Fentanyl.»

Neu-Isenburg. Ayhan schwingt sich aufs Velo. Zwei Männer begleiten ihn. Einer von ihnen hat noch Fentanyl. «Bitte», sagt Alex. «Gib mir einen Streifen. Ich bin voll auf Turkey.»

Die Tramstation von Neu-Isenburg, am Stadtrand von Frankfurt.
Foto: Helena Graf

Der Mann schnaubt. «Nerv mich nicht.» Trotzdem hält er ihr ein Stück Alufolie hin. Alex klappt sie auf. Leer. «Arschloch.»

Ayhan kommt zurück. Er zieht eine Packung Pflaster aus der Tasche. Alex gibt ihm 50 Euro.

Sie schneiden ein Pflaster in schmale Streifen. Einen kleben sie auf Alufolie. Alex zieht einen Brenner aus ihrer Jackentasche.

Unter der Flamme wirft es Blasen. Es riecht nach geschmolzenem Plastik. Sie ziehen den Dampf durch ein zusammengerolltes Papier. Noch bevor das Tram losfährt. Alex lehnt sich zurück. «Als würde dich Gott umarmen.»

Das Fentanyl-Pflaster wird auf eine Alufolie geklebt und erhitzt.
Foto: Helena Graf

Als wir zurück im Bahnhofsviertel sind, will Alex immer noch ins Schwimmbad. Stattdessen biegt sie wieder in die Taunusstrasse ein.

Ein paar Ecken weiter sitzt Ulrich Mattner in einem Café an der Münchener Strasse. Er ist hier aufgewachsen. Journalist. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Viertel. «Der grösste Irrtum?», sagt er. «Dass das hier nur Zombieland ist.»

Grosskonzerne neben Drogenszene

Vor ihm ziehen Rollkoffer über das Trottoir. Geschäftsleute holen sich einen Kaffee. Touristen suchen ihre Hotels.

Rund um die offene Drogenszene liegen Restaurants. Bars. Büros. Goldman Sachs. Nestlé. Rund 23'000 Menschen arbeiten hier. «Die Drogenszene ist sichtbar», sagt Mattner. «Aber sie ist nicht das ganze Bahnhofsviertel.»

Frankfurt galt lange als Vorbild. Konsumräume. Spritzentausch. Hilfe statt Repression. «Das war mutig», sagt Mattner. «Heute hat sich das System kaum weiterentwickelt.»

Ulrich Mattner beobachtet die Szene seit Jahrzehnten.
Foto: Helena Graf

Eine ältere Frau bleibt vor ihm stehen. Der Bauch ist aufgebläht. Sie fragt nach Kleingeld. Mattner kennt sie. Er gibt ihr ein paar Münzen. Sie bedankt sich und geht.

Mattner schaut ihr nach. «Glaubst du mir, dass sie Freier hat?» Er schüttelt den Kopf. «Es gibt Freier, die finden: Je kaputter, desto geiler.»

Alex schaut die Freier gar nicht erst an. Wir sitzen auf einem Randstein. Ein junger Mann im sauberen Poloshirt bleibt vor uns stehen. «Wie gehts?» Sie zischt: «Zieh Leine.»

Er geht. «Was wollte der?», frage ich. «Sex», sagt sie.

Angst vor der Realität

Eine Frau mit hellblauen Augen setzt sich neben Alex. Sie heisst Mascha. Sie lacht noch, als sie an ihrer Pfeife zieht. Dann wird sie still. Sie erzählt von Nächten im Parkhaus. Von Schuhen, die verschwinden, während sie schläft. Von ihrem Kind, das bei Pflegeeltern aufwächst. Vom gescheiterten Entzug. «Vielleicht hab ich unbewusst Angst, wieder in die Realität zurückzukommen», sagt Mascha.

Mascha (26) hat ein Kind in einem anderen Bundesland, das sie aktuell nicht sehen darf.
Foto: Helena Graf

Ein Mann bleibt stehen: «Komm.» Er führt sie in einen kleinen Laden. «Nimm, was du willst.» Mascha nimmt zwei Milchschnitten. Ein Eis. Eine Schachtel Zigaretten. «Danke.»

Dennis taucht wieder auf. Er wirkt fahrig. Die Augen weit offen. Er zieht sich das T-Shirt über den Kopf. Läuft auf zwei Männer zu. Schreit sie an. Sie schreien zurück. Alex beobachtet ihn. Sie schüttelt den Kopf.

«Mein Handy ist weg!» Dennis tastet seine Taschen ab. Dann legt er sich mitten aufs Trottoir.

«Du wachst auf und hast keine Schuhe mehr»
2:37
Mascha über Drogen-Alltag:«Du wachst auf und hast keine Schuhe mehr»

Drogen takten den Alltag

Alex setzt sich neben ihn. Sie redet leise. Dennis hört nicht zu. Er steht wieder auf. Greift in einen Mülleimer. Zieht ein Taschentuch heraus. Tränkt es mit Desinfektionsmittel. Zündet es an. Er beugt sich über die Flamme. Zieht den Rauch durch die Pfeife.

Alex dreht sich um. «Komm», sagt sie. Wir gehen. Zwei Strassenecken weiter bleibt sie stehen. Sie greift in ihre Jackentasche. Zieht ein Handy heraus. «Ich habs genommen.» Sie lächelt. «Er hätte es heute sowieso verloren.»

Morgen bekomme er es zurück. Alex steckt das Handy wieder ein. Dann geht sie weiter. Nicht ins Schwimmbad. Sie seufzt: «Steine besorgen.»

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