Darum gehts
- Russlands Sommeroffensive scheitert, die Ukraine wehrt sich mit Erfolg
- Ukrainische Drohnen und gezielte Angriffe auf russischem Boden behindern Nachschub
- Russland verlor während Sommeroffensive schätzungsweise 100'000 bis 120'000 Soldaten
Es sollte der «letzte Vorstoss» werden und den Ukrainern die Moral brechen: Die Russen starteten Ende Mai zur grossen Sommeroffensive, in der sie die ukrainischen Verteidigungslinien knacken und das Land zum Zusammenbruch führen wollten. Zwar konnten sie tatsächlich einzelne Erfolge erzielen, die Offensive selber aber verpuffte.
Nico Lange, ehemals Chef des Leitungsstabs des deutschen Verteidigungsministeriums und heute für die Münchner Sicherheitskonferenz tätig, bilanziert auf der Plattform Bluesky: «Die weiter verbreitete These, Russland sei unaufhaltsam auf dem Vormarsch, ist falsch.» Zwar drücke Russland an einigen Frontabschnitten weiter, habe aber die Ziele der Sommeroffensive nicht erreicht. Lange: «Die Ukraine gewinnt zunehmend wieder an Initiative.»
Gar nichts erreicht hätten die Russen im Gebiet Sumy. Da hätten die Ukrainer die Angreifer sogar wieder über die Grenze zurückgedrängt. Nur langsam vorwärts gehe es für die Russen an wenigen Frontabschnitten in den Gebieten Dnipropetrowsk und Saporischschja. «An der Front im Osten und Südosten der Ukraine sind weder Durchbrüche noch strategische Veränderungen zu erwarten», bilanziert Lange.
Viele Opfer bei den Russen
Weil sie bei der ukrainischen Verteidigung auf Granit beissen, versuchen die Russen, die Front mit kleinen Trupps zu durchbrechen. Dabei verwenden sie thermische Tarnanzüge, die die Soldaten auf dem Wärmebild der Spionagedrohnen praktisch unsichtbar machen. Doch selbst solche neuen Taktiken nützten den Russen nicht viel.
Nico Lange schätzt, dass die Russen während der Sommeroffensive 100'000 bis 120'000 Soldaten durch Tod oder Verwundung verloren haben. Im April bezifferte ein Nato-Beamter die Gesamtverluste Russlands seit Ausbruch des Krieges auf rund 900'000, davon gegen 250'000 Tote.
Erfolgreicher Angriff in Russland
Die Ukrainer haben sich auf zwei Ebenen gewehrt. Auf der einen Seite konnten sie die Invasoren mit Drohnen in Schach halten. Diese Abwehrmassnahmen werden zurzeit ausgebaut: Laut Lange soll die Zone der Drohnenoperationen von derzeit gegen 40 Kilometer auf gegen 70 Kilometer ausgedehnt werden.
Auf der anderen Seite lancieren die Ukrainer gezielte Angriffe auf Einrichtungen auf russischem Boden: Energiezentralen, Öllager, Waffenlager, Kommandoeinrichtungen. Damit treffen sie Wladimir Putins (72) Achillesferse: Es kommt nicht nur der Nachschub für die russische Front ins Stocken, mit Stromausfällen und Benzinknappheit wird auch der Alltag in Russland beeinträchtigt.
Vorteil für die Ukraine
Der aufkommende Herbst dürfte der ukrainischen Abwehr in die Hände spielen. Die russischen Bodentruppen werden mit der Schlammperiode Rasputiza zu kämpfen haben. Zudem sind russische Soldaten leichtes Ziel für Drohnenangriffe, wenn die Bäume ihre Blätter verlieren.
Gleichzeitig erwartet man von den Ukrainern intensivere Angriffe auf Ziele auf russischem Boden. Die Ukrainer haben mit dem Flamingo einen eigenen Marschflugkörper entwickelt. Zudem werden die USA vermutlich Tomahawk-Raketen an Europa verkaufen, von wo sie an die Ukraine geliefert werden. Beide Arten von Geschossen könnten mühelos Moskau und Ziele noch weiter im Landesinnern ins Visier nehmen.
Da Putin zu keinem Frieden bereit ist und nach Verhandlungen mit US-Präsident Donald Trump (79) die Offensive sogar verstärkte, wird der Zermürbungskrieg weitergehen. Laut Lange sind derzeit beide Seiten in der Lage, den Gleichstand an der Front aufrechtzuerhalten.
Um der Ukraine Schub zu geben, rät Lange: «Die europäischen Partner der Ukraine sollten das Momentum der gescheiterten russischen Offensive nutzen und jetzt schnell Putins Energieeinnahmen stoppen, bei militärischer Unterstützung zulegen und einmal selbst in die Initiative kommen.»