Vor wenigen Tagen roch Beirut noch nach Meer, Fladenbrot und Thymian. Jetzt hängt Schiesspulver über der Stadt. Am 2. März war ich zu einem Iftar in der Metropole eingeladen, die wieder am Rand des Krieges taumelt. Musik spielte, Teller wurden gereicht, Stimmen mischten sich zu jener eigentümlichen Ramadan-Atmosphäre, in der Frömmigkeit und Lebenslust für einige Stunden einen Pakt schliessen. Dennoch lag über dem Abend eine einzige Frage: Wie feiert eine Gesellschaft, die jederzeit mit dem nächsten Einschlag rechnet?
Zwei Tage zuvor hatten die USA und Israel militärische Ziele im Iran angegriffen. Meldungen über den Tod des Revolutionsführers Chamenei liessen erahnen, dass es bald zu einem Flächenbrand kommen könnte. Und doch sassen die Menschen zusammen, lachten, rauchten Wasserpfeife und hörten Musik. Gerade darin zeigt sich eine libanesische Überlebenskunst, die während des Bürgerkrieges gereift ist. Je näher die Katastrophe rückt, desto entschlossener wird der Alltag verteidigt. Dieses Paradoxon erschliesst sich erst, wenn man das Dilemma des Libanon in seiner ganzen Tiefe versteht.
Das kleine Land lebt seit Jahren in Geiselhaft. Der Staat verwaltet den Stillstand, während andere über Krieg und Frieden entscheiden. Die Hisbollah hat das Land in eine regionale Konfrontation hineingezogen, deren Takt in Teheran, Jerusalem und Washington vorgegeben wird. Nach dem 7. Oktober 2023 beschoss sie Nordisrael mit Hunderten Raketen, offiziell aus Solidarität mit Gaza. Doch dies war nur eine Schützenhilfe für den Iran, um eine bessere Position in den Verhandlungen mit den USA über Sanktionen und das Atomprogramm zu erreichen. Der militärische Effekt der Raketen blieb begrenzt. Der politische und soziale Preis für den Libanon fiel hingegen verheerend aus. Israel antwortete mit massiven Luftangriffen auf den Südlibanon und auf Dahiyeh, die südlichen Vororte Beiruts. Zurück blieben Tote, Verletzte, zerstörte Viertel und Hunderttausende Vertriebene. Gaza wurde dadurch kaum entlastet. Der Libanon wurde weiter zermürbt. Nun zeichnet sich ab, dass sich dasselbe Szenario wiederholt. Kurz nach Mitternacht kehrte ich vom Iftar zurück. Zwei Stunden später riss mich eine wuchtige Explosion aus dem Schlaf. Israel bombardierte Dahiyeh. Minuten zuvor hatte die Hisbollah erneut Raketen abgefeuert – als Reaktion auf den Tod Chameneis. In solchen Nächten schrumpft die politische Theorie dieser Region auf eine brutale Formel zusammen: Schlag, Gegenschlag, nächste Eskalationsstufe.
Eine Republik der Lager
Am Morgen gehe ich an der Corniche spazieren. Ich sehe das Bild eines Landes auf der Flucht. Hunderte Familien hatten die Nacht bei nur 6 Grad Celsius im Freien verbracht, viele waren aus den bombardierten Vororten geflohen. Hilfsorganisationen sprachen bald von Hunderttausenden Vertriebenen. Schulen und Notunterkünfte konnten jedoch nur einen Bruchteil von ihnen aufnehmen. Die Übrigen suchten Zuflucht bei Verwandten, auf Strassen oder in den Bergen. Zugleich traten die alten Bruchlinien des Libanon wieder offen hervor. Beim letzten grossen Krieg öffneten viele Christen und Drusen ihre Häuser in den Bergen für schiitische Flüchtlinge. Diesmal dominierten Erschöpfung, Misstrauen und die Sorge, für Humanität einen politischen Preis zahlen zu müssen. Einige Hisbollah-Kämpfer versteckten sich unter den Flüchtlingen, die überall durch israelische Luftschläge gejagt wurden. Einige Vertriebene werden beschimpft, andere unter Druck gesetzt, ihre Viertel wieder zu verlassen. Sie kehren zum Meer zurück und weinen. Einige beschwören Rache, wenn alles vorbei ist. Der Krieg legt damit frei, was das konfessionelle System seit Jahrzehnten hervorbringt: ein Gemeinwesen ohne gemeinsame Bürgerschaft, eine Republik der Lager, in der jede Krise die Fragmentierung vertieft.
Die Wut richtet sich inzwischen gegen mehrere Ziele zugleich: gegen Israel, gegen die eigene Ohnmacht und gegen jene Miliz, die sich zum Schutzschirm des Landes erklärt, es aber immer wieder zum Schlachtfeld macht. An der Corniche sagte mir ein Mann mittleren Alters leise: «Für sie sind wir nur Kanonenfutter. Keiner hat uns gefragt. Sie laden uns zum Sterben ein und tun nichts für unser Leben.» Als ich ihn fragte, wen er mit «sie» meine, senkte er den Blick. Kurz darauf fuhr ihn eine junge Frau im schwarzen Tschador an. «Warum bist du nicht an der Front?», fragte sie. «Wir dürfen dem Widerstand nicht in den Rücken fallen.»
In dieser Szene verdichtet sich das Dilemma Beiruts präziser als in vielen Leitartikeln. Viele verachten die Herrschaft der Miliz, wagen aber kaum, ihren Namen offen auszusprechen. Andere verteidigen sie mit einer Inbrunst, die politische Loyalität längst in Glaubenspflicht verwandelt hat. Israels Bomben verschärfen diese Dynamik. Jeder Angriff verstärkt das Gefühl der Belagerung und erzeugt Bindung. So gewinnt die Hisbollah aus der Verwüstung, die sie angeblich verhindern will, neue emotionale Macht.
Wer verstehen will, weshalb diese Spirale immer neue Umdrehungen gewinnt, muss tiefer blicken als bis zum Frontverlauf. Die Hisbollah ist weit mehr als eine Miliz. Sie ist Trägerin einer politischen Theologie, die Niederlagen in moralische Siege umdeutet und Opfer in sakrale Erzählungen einwebt. Ihr symbolischer Kern liegt in der Schlacht von Karbala. Im Jahr 680 fiel Husain, der Enkel des Propheten Mohammed, im Kampf gegen die Übermacht der Umayyaden. Im schiitischen Gedächtnis wurde daraus das Urdrama von Verrat, Leid und Erlösung. Seither speist sich ein bedeutender Teil der schiitischen Mobilisierung aus der Heiligung dieses Verlusts. Der Gefallene erscheint als Zeuge der Wahrheit, die Niederlage als Ausweis moralischer Überlegenheit und der Krieg als Station einer fortlaufenden Heilsgeschichte.
Jeder gefallene Kämpfer der Hisbollah erhält ein Poster, auf dem Husain ihn in die Arme nimmt. Solche Bilder begleiten Kinder von früh an und pflanzen eine tiefe Sehnsucht nach martyrischem Sinn ein. Auf dieser Bühne schrumpft Politik zum Ritual, während der Mythos zur strategischen Ressource wird. Genau darin liegt die Gefahr. Wenn Katastrophen spirituell überhöht werden, verlieren Selbstkritik, Korrektur und politische Lernfähigkeit an Bedeutung.
Beirut als Kulisse der anderen
Deshalb enden Konflikte im Nahen Osten so oft ohne Einsicht. Aus Trümmern wachsen Legenden. Aus Ohnmacht entstehen neue Allmachtsfantasien. Führer stilisieren sich zu Helden, während die Völker mit ihren Häusern, Biografien und Gräbern bezahlen. Beirut dient dabei immer wieder als Kulisse jener Erlösungsdramen, die anderswo entworfen und von anderen bezahlt werden.
Das erklärt auch das Verhalten des Iran in diesem Krieg. Militärisch, technologisch und finanziell ist das Land den USA und Israel unterlegen. Dennoch wird dieser Krieg in Teheran als Endkampf gedeutet, als Teil eines göttlichen Plans, an dessen Ende Erlösung stehen soll. Während über Teheran Bomben fallen, glaubt vielleicht irgendwo auch ein US-amerikanischer Soldat, er handle im Namen Jesu. Oder ein israelischer Soldat ist vielleicht überzeugt, mit diesem Schlag die Ankunft des Messias zu beschleunigen. Das ist einer der Gründe, warum auf jeden Krieg im Nahen Osten kein Frieden folgt.
Während ich diese Zeilen schreibe, kreisen erneut Drohnen über der Stadt. Unten öffnen Cafés, Menschen flanieren an der Corniche, und irgendwo beginnt schon das nächste Iftar. Beirut lebt weiter, mit Würde, Zähigkeit und einer Müdigkeit, die in jedem Gesicht abzulesen ist. Doch die eigentliche Frage schwebt über allem: Wie lange kann eine Gesellschaft durchhalten, wenn sie zugleich Schutzschild, Geisel und Bühne fremder Heilsversprechen sein muss? Wie lange wollen die Akteure dieser Region noch dieselben Muster wiederholen und dabei auf andere Ergebnisse hoffen?
* Hamed Abdel-Samad (54), geboren 1972 in Ägypten als Sohn eines Imams, kam mit 23 nach Deutschland, wo er Englisch, Französisch und Politik studierte. Nach islamkritischen Publikationen sprachen radikale Geistliche eine Fatwa gegen ihn aus. Er lebt unter Polizeischutz.