Darum gehts
- Norwegens Armeechef warnt vor möglicher russischer Invasion wegen Atomwaffen.
- Russlands Kola-Halbinsel beherbergt strategische Atomkapazitäten nahe Norwegens Grenze.
- Kristoffersen schlägt militärische Hotline vor, um Missverständnisse zu vermeiden.
Beunruhigende Aussagen vom norwegischen Armeechef: Im Interview mit dem «Guardian» hat General Eirik Kristoffersen erklärt, dass Oslo die Möglichkeit einer zukünftigen russischen Invasion nicht ausschliessen könne. Moskau könnte demnach versuchen, norwegisches Gebiet zu besetzen, um seine im hohen Norden stationierten nuklearen Kapazitäten zu schützen.
«Wir schliessen eine Landnahme durch Russland als Teil eines Plans zum Schutz seiner eigenen nuklearen Fähigkeiten nicht aus – das ist letztlich das Einzige, womit Russland die Vereinigten Staaten tatsächlich bedrohen kann», sagt Kristoffersen.
Abschreckung gegenüber Nato
Zugleich räumt er ein, dass Russland keine Eroberungsziele in Norwegen verfolge. Allerdings befinde sich ein grosser Teil des russischen Atomarsenals auf der Kola-Halbinsel, die unweit der norwegischen Grenze liegt.
Dort sind unter anderem Atom-U-Boote, landgestützte Raketen sowie atomwaffenfähige Flugzeuge stationiert. Diese Streitkräfte wären von zentraler Bedeutung, falls Russland in einem anderen Gebiet in einen Konflikt mit der Nato geraten sollte.
«Auf das Szenario bereiten wir uns vor»
«Wir schliessen das nicht aus, denn Russland hat weiterhin die Möglichkeit, dies zu tun, um sicherzustellen, dass seine nuklearen Fähigkeiten und Zweitschlagfähigkeiten geschützt sind. Das ist sozusagen das Szenario im hohen Norden, auf das wir uns vorbereiten», sagte er.
Die Halbinsel Kola ist von höchster strategischer Bedeutung für Russland, primär als Hauptstützpunkt der Nordmeerflotte und Garant der nuklearen Zweitschlagfähigkeit. Das heisst: Selbst, wenn Russland einen Nuklearschlag erleidet, könnte es mit diesem Stützpunkt trotzdem zurückschlagen. Zudem liegt der Hafen von Murmansk dort – der wichtigste eisfreie Hafen in Russlands Norden.
Kristoffersen ist seit 2020 in Norwegen an der Spitze der Armee. Er ist neben den Streitkräften auch für die Geheimdienste verantwortlich.
Der General betont auch, dass die Bedrohung aus Russland in den letzten Jahren diffuser geworden sei. Aus diesem Grund dürfe sich Norwegen nicht nur auf eine Angriffsform konzentrieren: «Wenn man sich auf das Schlimmste vorbereitet, gibt es nichts, was einen daran hindert, auch Sabotage und hybride Bedrohungen zu bekämpfen», sagte er.
Nach wie vor gibt es Kooperationen
Trotzdem arbeite Norwegen in einigen Bereichen nach wie vor mit den Russen zusammen. Beispiele für eine Kooperation sind Such- und Rettungsmissionen in der Barentssee sowie regelmässige Treffen zwischen den Militärverantwortlichen an der Grenze.
Kristoffersen hat vorgeschlagen, eine militärische Hotline zwischen den beiden Hauptstädten einzurichten, um einen Kommunikationskanal zu schaffen, durch den Missverständnisse vermieden werden können.
Denn: In letzter Zeit seien Luftraumverletzungen im Gebiet der Norweger meistens auf Missverständnisse zurückzuführen gewesen. «Sie haben es zwar nicht gesagt, aber wir sehen, dass Verstösse gegen den Luftraum in der Regel auf mangelnde Erfahrung der Piloten zurückzuführen sind. Wenn wir mit den Russen sprechen, reagieren sie sehr professionell und vorhersehbar.»