Darum gehts
- 2018 stürzte Genuas Morandi-Brücke ein, 43 Menschen starben
- 57 Personen wegen fahrlässiger Tötung und Urkundenfälschung angeklagt
- Gericht verurteilt Ex-Manager Castellucci zu 12 Jahren Haft
Der ehemalige Chef des italienischen Autobahnbetreibers Autostrade per l’Italia (Aspi), Giovanni Castellucci, ist wegen des Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Die Staatsanwaltschaft hatte für Castellucci eine deutlich höhere Strafe von 18 Jahren und sechs Monaten gefordert.
Die beiden anderen ehemaligen Mitglieder Michele Mitelli und Paolo Berti wurden zu elf Jahren beziehungsweise fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Antonino Galatà, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Firma Spea, die für die Überwachung der Infrastruktur zuständig war, wurde ebenfls zu fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Beim Brückeneinsturz am 14. August 2018 kamen 43 Menschen ums Leben. Das Unglück gilt als eine der schwersten Infrastrukturkatastrophen in Italien der vergangenen Jahrzehnte.
Was passiert ist
Im Jahr 1967 wurde die vierspurige Autobahnbrücke, die Morandi-Brücke, eröffnet. Sie war die zentrale Verkehrsader Genuas und eine wichtige Verbindung für den internationalen Transitverkehr. Am 14. August 2018 brach ein rund 200 Meter langer Abschnitt der Brücke während eines heftigen Unwetters plötzlich zusammen. Zahlreiche Autos und Lastwagen stürzten aus etwa 40 Metern Höhe in die Tiefe.
Insgesamt 43 Menschen kamen dabei ums Leben. Viele weitere wurden verletzt. Ermittlungen ergaben später, dass tragende Spannkabel an einem der Pfeiler versagten.
Was danach passierte
Die Rettungs- und Bergungsarbeiten gestalteten sich schwierig. Hunderte Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, da Gebäude unter und neben der Brücke akut gefährdet waren. Das Unglück löste landesweit Entsetzen aus und rückte den Zustand der italienischen Infrastruktur in den Fokus.
Knapp ein Jahr später wurden die zwei verbliebenen Pfeiler gesprengt und die Brückenreste vollständig abgetragen. Gleichzeitig begann ein politisch forcierter Wiederaufbau.
Wer muss sich dafür verantworten?
Insgesamt standen 57 Menschen im Fokus der Ermittlungen und sassen auf der Anklagebank.
Zum einen die Autobahnbetreiber und ihre Manager wie Giovanni Castellucci. Er wird als «Chefmanager» bezeichnet, der die Brücke betrieb, als sie 2018 einstürzte. Er soll vom schlechten Zustand der Brücke gewusst und kostspielige Sanierungen aus Profitgier herausgezögert zu haben. Für ihn wurde die höchste Einzelstrafe von 18 Jahren und 6 Monaten beantragt.
Auch andere hohe Manager und Führungskräfte der Aspi waren angeklagt. Darunter der damalige Generaldirektor Riccardo Mollo, technische Experten und Berater von Aspi und Spea (für die Überwachung der Infrastruktur zuständig). Mollo soll 2010 auf die Frage von Gianni Mion, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Holding Edizione, ob es jemanden gebe, der die Befahrbarkeit der Brücke bestätige gesagt haben: «Das zertifizieren wir selbst.» Mion sass als Zeuge im Prozess.
Dass die Brücke einen Planungsfehler aufwies, der früher oder später zum Einsturz führen würde, soll schon damals bekannt gewesen sein. Diese Aussage und das vermeintliche Wissen über die Situation wird als «Schlag ins Gesicht der Betroffenen» beschrieben. Bei dieser Unterredung ebenfalls anwesend war Gilberto Benetton. Er gehört zur Familie Benetton, die Besitzer der Holding.
Die Familie selbst war jedoch nicht persönlich angeklagt. Vor Prozessbeginn erfolgte ein Vergleich. Später verkauften die Benettons ihr Geschäft, teilverstaatlichten es und erhielten Milliarden. Auf der Seite des Staates waren vor allem Beamte des italienischen Verkehrs- und Infrastrukturministeriums angeklagt.
Lange Liste an Anklagepunkten
Mehrfache fahrlässige Tötung: Die Verantwortlichen hätten durch unterlassene Wartung und Ignorieren bekannter Mängel den Tod von 43 Menschen billigend mitverursacht.
Vorsätzliche Körperverletzung: Ähnlich gelagert wie die fahrlässige Tötung, aber für die Verletzten.
Gefährdung des Strassenverkehrs bzw. neuer Straftatbestand «Strassenmord»: Wer durch grobe Fahrlässigkeit im Strassenverkehr Menschen in den Tod bringt, kann dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.
Verursachung eines Desasters: Der Einsturz der Brücke wurde als grösseres Desaster begrifflich abgehandelt, das über den einzelnen Verkehrsunfall hinausgeht.
Urkundenfälschung: Die Anklage behauptete, dass Prüfberichte und Sicherheitsnachweise bewusst geschönt oder manipuliert wurden.
Forderung der Geschädigten
Für die Hinterbliebenen und Betroffenen stand vor allem die strafrechtliche Verantwortung im Zentrum. Sie verlangten klare Schuldsprüche gegen die Verantwortlichen sowie angemessene Entschädigungen. Darüber hinaus ging es ihnen um Transparenz. Viele wollten wissen, wer von den bekannten Risiken wusste und warum nicht gehandelt wurde.
Die Folgen des Urteils
Die teils hohen Haftstrafen könnten ein deutliches Signal für die Verantwortung von Unternehmen und Behörden setzen. Politisch steht eine Verschärfung der Regulierung privater Autobahnbetreiber zur Debatte. Technisch hat der Fall bereits dazu geführt, dass bestehende Brücken intensiver überwacht und Sanierungsprogramme ausgeweitet werden.
Jahrelanger Prozess
Die Länge des Verfahrens ist vor allem seiner Komplexität und den vielen Angeklagten geschuldet. Es geht um detaillierte technische Fragen zu Statik, Materialermüdung und Wartung, die umfangreiche Gutachten erfordern. Die Beweislage umfasst Tausende Dokumente, interne Berichte und Kommunikationsprotokolle. Hinzu kommt die Struktur des italienischen Justizsystems, in dem langwierige Verfahren und mehrere Instanzen keine Seltenheit sind.
Vergleichbare Fälle
Der Einsturz der Morandi-Brücke reiht sich ein in eine Serie internationaler Infrastrukturkatastrophen. In Italien selbst kamen 2013 bei einem Busunglück nahe Avellino 40 Menschen ums Leben, nachdem eine Leitplanke versagte. In den USA stürzte 2007 eine Autobahnbrücke in Minneapolis ein, in Südkorea 1994 die Seongsu-Brücke. Gemeinsam ist diesen Fällen ein Mix aus baulichen Schwächen, unzureichender Wartung und mangelhafter Kontrolle.