«Wir haben sie ja auch bauen lassen»
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Einheimische sind hässig:«Wir haben sie ja auch bauen lassen»

Unterländer verhindert soziale Wohnungen für Bündner Einheimische – Architekt entrüstet
«Wenn Interessenten vier Jahre warten müssen, sind sie weg»

Ein Mehrfamilienhaus hätte in Ftan GR dringend benötigten Wohnraum für Einheimische schaffen sollen. Doch gut betuchte Ferienwohnungsbesitzer aus dem Unterland haben das Projekt blockiert – wohl auf Jahre.
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So sieht die geplante Überbauung in Ftan GR aus.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Ferienwohnungsbesitzer blockieren in Ftan GR ein Wohnbauprojekt für Einheimische.
  • Gemeinde will erst Ortsplanrevision durchführen.
  • Über 50 Gemeinden in Graubünden müssen Baulandreserven verkleinern.
  • Beispiel aus dem Wallis zeigt, wie Bergdorf dank neuen Mietwohnungen aufblüht.
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

In Ftan GR blockieren Ferienwohnungsbesitzer rund um Ex-Raiffeisen-Chef Johannes Rüegg-Stürm (65) ein soziales Wohnbauprojekt für Einheimische. Architekt Chasper Cadonau (49) hat dafür kein Verständnis. «Sie haben einfach jedes Haar in der Suppe gesucht», sagt er gegenüber der «Südostschweiz». Gemäss dem Architekten des Projekts habe man sämtliche Bauauflagen eingehalten.

Das Projekt wurde gemeinsam mit einer Erbengemeinschaft, dem Verband Baugenossenschaften «Wohnen Schweiz» und der Gemeinde Scuol entwickelt. Ziel ist es, bezahlbaren Wohnraum für Einheimische zu schaffen. Doch seit November herrscht Stillstand. Die Gemeinde Scuol hat das Baugesuch sistiert, obwohl diese immer auf ihrer Seite gestanden hätte, so Cadonau.

«Dann hätten wir vor Gericht kämpfen können»

Diese Nähe scheint für die Gemeinde zum Problem geworden zu sein: So habe ein Anwalt der Gegner damit gedroht, die Gemeinde wegen Befangenheit anzuklagen, sagt der Architekt gegenüber der Lokalzeitung. «Da merkst du: Es geht nicht mehr um das Projekt, sondern darum, uns juristisch fertigzumachen.»

Das Projekt ist nicht endgültig vom Tisch, aber wohl auf Jahre hinaus blockiert. Denn die Gemeinde will zuerst ihre Ortsplanrevision abschliessen – und das dauert. Mehr als die Hälfte der rund hundert Gemeinden im Kanton Graubünden müssen für die Umsetzung des Raumplanungsgesetzes ihre Bauzonen verkleinern. Scuol ist eine davon. 

Die Baulandreserven dürfen den voraussichtlichen Bedarf der nächsten 15 Jahre nicht übersteigen. Beim Bauland, das für das Projekt vorgesehen ist, bestehe eine «erhebliche Wahrscheinlichkeit», dass dies zurückgezont werden muss. Cadonau hätte sich von der Gemeinde mehr Mut und die Erteilung der Baubewilligung gewünscht. «Dann hätten wir vor Gericht kämpfen können. Dann hätte man grundsätzlich klären können, wie weit Einsprachen gegen gemeinnützigen Wohnungsbau gehen dürfen», sagt er zur Zeitung. 

Auch in der Gemeinde Goms VS wurden Wohnungen verhindert

In Bergdörfern ist der Wohnungsbau ohnehin schwierig. Institutionelle Investoren haben kein Interesse zu bauen, da die Projekte zu klein sind und das Leerstandsrisiko in kleinen Gemeinden höher ist. Zieht jemand aus einer Wohnung, stehen die Nachmieter nicht gleich Schlange.

Eine weitere Hürde sind immer wieder Ferienwohnungsbesitzer, die um ihre Aussicht fürchten. So hat eine Zweitwohnungsbesitzerin der Gemeinde Goms VS im letzten Jahr den Bau eines Ärztezentrums und Alterswohnungen verhindert. Der Gemeinde wurde unter anderem das schützenswerte Ortsbild zum Verhängnis. Das zeigt, wie schwierig eine zukunftsgerichtete Entwicklung in den Bergen sein kann. 

Frischer Wind dank Wohnungsbau in Ernen VS

Wie wichtig Wohnraum für Einheimische ist, zeigt ein Beispiel in Ernen VS. Im kleinen Bergdorf sind 2020 dank einer Genossenschaft acht Mietwohnungen entstanden, die auf grosses Interesse stiessen. Aktuell arbeitet die Gemeinde an der Realisierung der zweiten Etappe und zusätzlichen Wohnungen. 

Auch in Ftan hätten Bündner Familien Interesse an den geplanten Wohnungen. «Wir hatten eine Liste mit Leuten, die dort wohnen wollten. Wenn sie jetzt vier Jahre warten müssen, sind sie weg», sagt Cadonau zur «Südostschweiz». 

Die Verhinderungspolitik in den Bergdörfern schränkt auch die künftige Entwicklung ein. Wachstum bleibt aus, was wiederum nicht förderlich ist für den rechnerischen Baulandbedarf für die nächsten 15 Jahre. 

Cadonau hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. 

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