Darum gehts
Das Haus sieht anders aus als die anderen. Zur Strasse hin zieht sich eine mit Flechten überwucherte Betonwand, vom Gras hinauf in den Himmel – unterbrochen nur von drei kleinen quadratischen Fenstern. Auf einer Seite reicht die Fläche etwas höher und endet in einem markanten Spitz. Wie ein sperriger Findling liegt das Gebäude im beschaulichen Einfamilienhausquartier.
Im Innern stehen sich an diesem Wintertag zwei Männer im Flur gegenüber. Reini Riedener, der aussieht wie der mehrfache Schweizer Meister im Kanufahren, der er auch ist. Gross, drahtig, sportlich, mit wasserblauen Augen. Und Erich Gisler, der aussieht wie der Architekt, der er ist. Eher schmächtig, in Schwarz und apart gekleidet, mit einer markanten Brille. «Wir sind beide gestandene Feuerwehrleute. Wir wissen, wie man mit Problemen umgeht», sagt der eine.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Der Traum vom massgeschneiderten Haus
Das Haus hat den beiden Kollegen tatsächlich eine Menge Probleme gebracht – und ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.
Vor zehn Jahren, da ahnten Riedener und Gisler noch nichts davon. Damals erbte Reini Riedeners Frau etwas Geld. Das Paar plante, ihr Einfamilienhaus der Tochter und deren Familie zu überlassen. Für sich selbst wollten sie auf demselben Grundstück etwas Kleineres bauen. «Ein Stöckli sozusagen», erzählt Riedener. Mit der Projektierung beauftragten sie Erich Gisler, einen alten Feuerwehrkameraden. Gisler heisst tatsächlich anders. «In den Medien sind die Architekten schnell die Buhmänner», sagt er.
Gislers Aufgabe war anspruchsvoll. Die Parzelle ist relativ schmal, das Gelände steil. «Ein Architekt ist wie ein Schneider, ein Haus wie eine zweite Haut», sagt der 52-Jährige. «Man muss Mass nehmen.» Und er hatte perfekt Mass genommen.
Die zwei Männer gehen die paar Stufen aus Mikrozement hinunter in den offenen Wohnbereich – eingelassene Lichtschienen, versteckte Lüftungsgitter, Fugen, die passgenau ineinanderlaufen. Ein Raum, der sich konisch zu einer Seite verengt. Ein perfekt schräges Haus.
Linker Hand: die Küche, mit einer Raumhöhe bis unters Dach. «Meine Frau stellte für den Bau eine Bedingung: Sie wollte genügend Platz für einen Tisch, an dem sich die ganze Familie und Gäste versammeln lassen», sagt Riedener und nimmt an einer langen Tafel Platz. Gisler setzt sich dazu und sagt: «Eine exakte Planung erfordert eine exakte Ausführung.»
Der Bauleiter wirkte kompetent
Mit der Ausführung beauftragten sie Ende 2017 den Bauleiter Peter Jankus. «Er war eigentlich ein flotter Typ», sagt Riedener. «Ja, er wirkte überzeugend», stimmt Gisler zu – «vordergründig zumindest.» Auch Bauleiter Jankus heisst eigentlich anders.
Roche, McDonald’s und BMW: Für diese und andere namhafte Unternehmen soll Jankus schon erfolgreich gearbeitet haben. So steht es zumindest in einem Papier, mit dem der Bauleiter damals um den Auftrag geworben hatte. «Im Nachhinein haben wir herausgefunden, dass er seine eigene Firma erst kurz zuvor gegründet hatte. Derart viele Aufträge wie angegeben hätte er damals noch gar nicht ausführen können», so Gisler.
Im Frühjahr 2018 war Baustart. Kurz darauf nahm das Chaos seinen Lauf.
Streit auf der Baustelle
Jankus hatte die Termine nicht im Griff. Auf der Baustelle arbeiteten die Handwerker kreuz und quer. Und kamen sich ständig irgendwo in die Quere. «Am Ende haben sich die Handwerker gegenseitig fast ihre Werkzeuge an den Kopf geschmissen», erinnert sich der 68-jährige Riedener. «Meine Frau und ich haben für alle einen Znüni organisiert, um die Situation zu deeskalieren.»
Gisler fuhr in jener Zeit täglich auf die Baustelle, zeitweise bis zu viermal am Tag. Er notierte, was alles schiefging: Steckdosen falsch versetzt, Oberlicht falsch ausgemessen, Treppe zu schmal betoniert, Regenrinne falsch montiert et cetera et cetera. Wenn sie das Gespräch mit Jankus suchten, wich dieser aus.
Riedener und Gisler hatten in jener Zeit viele schlaflose Nächte. Ob er sich nach all dem Ärger überhaupt noch über das Haus freuen könne, will der «Beobachter» von Riedener wissen. «Mit dem Bau hatten meine Frau und ich vielleicht Pech. Aber sonst hatten wir sehr viel Glück im Leben. Es gibt keinen Grund, warum wir uns unser schönes Daheim nun vermiesen lassen sollten.»
- Persönliche Empfehlungen: Wer bei Freundinnen oder Kollegen nachfragt, die bereits erfolgreich gebaut haben, bekommt oft die besten Tipps.
- Betreibungsregister einsehen: Ein voller Betreibungsregisterauszug ist ein Alarmzeichen. Also besser beim Betreibungsamt am Sitz oder Wohnsitz des potenziellen Vertragspartners nachfragen, bevor man einen Auftrag vergibt.
- Berufsverbände checken: Wer bei einem Berufsverband Mitglied ist, muss bestimmte Qualifikationen erfüllen. Die Mitgliederlisten des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) oder der Stiftung der Schweizerischen Register der Fachleute in den Bereichen des Ingenieurwesens, der Architektur und der Umwelt (REG) sind öffentlich einsehbar.
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Riedener steht auf. Er sei im Toggenburg aufgewachsen, erzählt er. Wenn damals der Strom ausgefallen sei, sei es bitterkalt geworden. Er zeigt auf das Cheminée vor ihm. «Das war meine Priorität. Ich wollte ein Feuer machen können.» Die zwei Männer nehmen nun die Stufen nach oben. Im Schlafzimmer bleibt Riedener vor einem bodentiefen Fenster stehen. Kurz blickt er übers Zürcher Unterland. Und dann gut fünf Meter nach unten, in den Garten. «Wegen dieses Fensters haben wir schliesslich die Reissleine gezogen.»
Der Bauleiter behält die Unterlagen
Denn Jankus weigerte sich, während der Bauzeit gesetzeskonforme Absturzsicherungen anzubringen. Mehrmals hätten sie ihn darauf hingewiesen, wie gefährlich die Situation auf der Baustelle sei, sagen die zwei Freunde. «Wir haben beide schon genug Einsätze erlebt, in denen Menschen in ein Loch gefallen und schwer verunfallt sind», so die beiden Feuerwehrleute.
Jankus habe es schlichtweg nicht interessiert. «Für mich war damit eine Grenze überschritten», sagt Riedener. «Diese Verantwortung wollte ich nicht übernehmen und so auch nicht mehr weitermachen.» An einer Sitzung kam er mit Jankus schliesslich überein, dass dieser die Bauleitung abgibt.
Einen Tag später die böse Überraschung. Der Bauleiter schickte den Riedeners eine happige Rechnung für Mehrkosten. Sie weigerten sich, zu zahlen. Daraufhin weigerte sich Jankus, die Bauunterlagen herauszugeben. Doch auf diese waren die Riedeners unbedingt angewiesen.
Und damit begann ein weiteres Kapitel in dieser Geschichte. Die Riedeners reichten Strafanzeige gegen Jankus ein. Immerhin: Dank der Polizei bekamen sie schliesslich einen Teil der Bauunterlagen zurück, die sie so dringend brauchten. Auf der Baustelle konnte es weitergehen.
Sechs Jahre lang ermittelte die Staatsanwältin. Am 18. Dezember 2024 sollte vor dem Bezirksgericht schliesslich verhandelt werden. Doch Peter Jankus erschien nicht.
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Mehr dazu findest du hier.
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Die beiden Männer gehen nach nebenan. Das mattweiss geflieste Badezimmer könnte einem Designmagazin entsprungen sein – wenn da dieser dunkle Fleck an der Duschwand nicht wäre. «Jankus hat Platten verbaut, die nicht gegen Wasser imprägniert sind», sagt Gisler. Die Folge: Wasser versickert im Mauerwerk und drückt die Wand nach aussen. «Wir müssen das ersetzen. Das wird zirka 20’000 Franken kosten», so Riedener.
Diesen Schaden haben sie im Strafverfahren geltend gemacht. Dazu nochmals 20’000 Franken, denn Jankus habe auch eine Wasserleitung im Garten zu wenig tief eingebaut. «Wir leben mit dem latenten Risiko, dass die Leitung nach oben drückt und die Gemeindestrasse beschädigt», so Riedener.
Am 11. April 2025 fand der zweite Gerichtstermin statt. Auch an diesem tauchte Jankus nicht auf. In seiner Abwesenheit wird er wegen versuchter Nötigung und vorsätzlicher Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde verurteilt. Er kassierte eine bedingte Geldstrafe von 92 Tagessätzen zu 130 Franken und eine Busse von 1000 Franken.
Der Rechtsstreit geht weiter
Gegen das Urteil hat er Berufung eingelegt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Gegenüber dem «Beobachter» hält Peter Jankus fest, dass er die beruflichen und vertraglichen Pflichten eines Bauleiters eingehalten habe. Mehr möchte er zu all den Vorwürfen nicht sagen.
Über den Zwischensieg vor Bezirksgericht können sich die Riedeners nicht recht freuen. Über die von ihnen geltend gemachten 40’000 Franken hat der Strafrichter nicht entschieden. Er hat die Forderung «auf den Zivilweg verwiesen», wie es auf Juristendeutsch heisst. Für das Ehepaar bedeutet das – ganz simpel: nochmals ein Verfahren, nochmals Gerichtsgebühren, die sie vorschiessen müssen, und nochmals Kosten für eine Anwältin, die sich in den Fall einlesen muss.
«Manchmal frage ich mich schon, ob wir nicht zu lange zugewartet haben», sagt Reini Riedener – inzwischen zurück im Flur. Doch die beiden Männer kommen immer wieder auf die gleiche Antwort: Nein. Sie seien in guten Treuen davon ausgegangen, dass der Bauleiter seinen Job richtig mache. «Es ist schwierig, zu durchleuchten, wer einem tatsächlich vis-à-vis sitzt», sagt Gisler und streift sich den dunklen Mantel über. Es ist dunkel geworden und kalt.
«Wart!», sagt Riedener unvermittelt, geht in die Küche, kommt zurück und steckt dem Architekten etwas Eingewickeltes zu. «Selbst gebacken von meiner Frau.» Gisler lächelt. Er ist nicht nur der Architekt dieses schrägen Hauses geblieben, sondern auch der Kamerad, der er schon immer war. «Ciao, Reini!»