Schweizer Startups stürmen den Dating-App-Markt
Das grosse Geschäft mit der Hoffnung auf Liebe

Die Giganten Parship und Bumble kontrollieren den Markt fürs Onlinedating. Doch auch einige Schweizer Player mischen mit.
Publiziert: 18.06.2024 um 11:13 Uhr
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Aktualisiert: 18.06.2024 um 11:44 Uhr
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Viele Menschen sind auf der Suche nach ihrer besseren Hälfte.
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Lena Madonna
Handelszeitung

Nicolas Schotten macht aus Liebe Geld. Oder besser gesagt: aus der Suche nach Liebe. Und zwar genau so, wie es der heutigen Zeit entspricht. Via App auf dem Handy.

Im Jahr 2019 hat der Schweizer die Dating-App Lovetastic lanciert. Sie hat alles, was man auch von anderen Anbietern kennt: Nutzerinnen und Nutzer können Profile nach Vorlieben nach links (gefällt mir nicht) oder rechts (gefällt mir) swipen, haben Matches, können sich in Chaträumen mit ihren möglichen Dates austauschen. Und nicht zuletzt: Sie sollen sich dabei verlieben. 

Was die Schweizer App speziell macht: Sie funktioniert ganz ohne Fotos. «Das Ziel ist, dass die App nicht oberflächlich ist», sagt Schotten. Mit seiner Idee will er ganz vorne mitmischen im Geschäft des Onlinedatings. In der Realität ist er als Schweizer Anbieter jedoch ein kleiner Fisch in einem grossen Ozean. Denn Schotten tritt gegen globale Giganten an.

Artikel aus der «Handelszeitung»

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Geldmaschine Liebe

Die Schweiz verliebt sich längst online. Mehr als jedes zweite Paar, das weniger als zwei Jahre zusammen ist, hat sich über eine Datingplattform kennengelernt. Und dabei auch ordentlich etwas dafür ausgegeben: Im Jahr 2018 machte die Branche in der Schweiz 41 Millionen Franken Umsatz, wie eine Studie des Portals Singleboersen-vergleich.ch ergab. 

Gründer Nicolas Schotten ist überzeugt, dass Lovetastic die «mit Abstand grösste Datingplattform eines Schweizer Unternehmens» ist.

Doch das Geld fliesst vor allem an die Grossen in der Branche wie Tinder, Bumble oder Parship. Weltweit machte Tinder – in der Schweiz die wichtigste Dating-App – im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,9 Milliarden Dollar. 

Die ebenfalls amerikanische Bumble Inc., zu der unter anderem die Apps Bumble, Badoo und Fruitz gehören, verzeichneten 2023 einen Umsatz von gut 1 Milliarde Dollar, wobei Bumble allein 845 Millionen einbrachte. Und der dritte grosse Name im Bunde, die deutsche Parship Meet Group mit Plattformen wie Elite Partner, Eharmony, Parship und Lovoo, nahm rund 434 Millionen Euro ein. 

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Fast unbeschriebenes Blatt

Harte Zahlen zum Schweizer Markt gibt es nicht, keines der Unternehmen publiziert Details. Hinweise zur Bedeutung der einzelnen Apps liefern jedoch Daten der grossen Tech-Konzerne. Im App Store von Apple finden sich gemäss einer Statistik von Sensor Tower die Apps von Tinder und Bumble derzeit unter den zehn umsatzstärksten Apps der Schweiz. Weit dahinter folgen die weniger gewichtigen Dating-Apps Grindr (Rang 33), Badoo (41) und Hinge (45). 

Zahlen von Google Trends, die das Suchverhalten der Schweizerinnen und Schweizer abbilden, zeigen, dass Bumble und Hinge seit mehreren Jahren an Popularität gewinnen. Lange gehörte auch die Dating-App Tinder zu den Aufsteigerinnen, doch seit 2022 scheint das Interesse nachzulassen. Ähnlich das Bild bei den Onlineplattformen Elite Partner und Parship. Auch deren Google-Trend weist nach unten. 

Das widerspiegelt sich auch an den Finanzmärkten. Sowohl Tinder-Eigentümerin Match Group als auch Bumble sahen seit 2021 stark sinkende Aktienkurse. Im ersten Quartal 2024 verzeichnete Tinder zum sechsten Mal in Folge eine Abnahme der Nutzendenzahl und fiel erstmals seit Langem auf unter 10 Millionen. 

Schweizer App Lovetastic hat eine Million Kundinnen und Kunden

Auch die App des Baslers Nicolas Schotten hat schon mehrere Auf und Abs hinter sich – wenn auch auf deutlich tieferem Niveau. Trotzdem setzt Schotten auf sein Business und hat Erfolg. Nach eigenen Angaben hat Lovetastic eine Million registrierte Nutzerinnen und Nutzer, wobei 100’000 davon aktiv und 25’000 aus der Schweiz sind. 

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Einnahmen generiert Schotten mit dem Verkauf von Abos, die zwischen 16 und 64 Franken kosten. Etwa 5 Prozent der Registrierten zahlen für ein Abonnement. «Bei einer genug hohen Nutzendenzahl kommen also auch bei kleinen Prozentsätzen an Bezahlkunden hohe Umsätze zustande», sagt Schotten. Wie viel Gewinn daraus resultiert, will Schotten nicht sagen. 

Im Markt der Schweizer Anbieter ist Schotten nicht der Einzige mit Ambitionen, trotzdem ist er überzeugt, dass seine App die «mit Abstand grösste Datingplattform eines Schweizer Unternehmens» ist. Zumindest noch. Denn die Winterthurer Konkurrentin Noii ist daran, Schotten den Rang abspenstig zu machen. Sie ist auf Expansionskurs und hat grosse Pläne für den Schweizer Markt. 

Erfolgreiche Mitbewerber

Noii hat einen etwas anderen Ansatz, wie Gründerin Laura Matter erzählt: «Zehn Jahre nach Tinder gibt es ein Überangebot an Datingplattformen, die alle genau gleich funktionieren. Dieses Problem der Ermüdung, die dadurch entstanden ist, wollen wir lösen.»

Statt dass Singles miteinander chatten, lernen sie sich in einem von Noii organisierten Video-Speed-Dating kennen. Zusätzlich gibt es Offline-Events, bei denen bis zu 500 Singles pro Abend teilnehmen – die Spannbreite reicht von Keramikbemalen über ein Pubquiz bis hin zum gemeinsamen Outdoor-Workout. 

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Laura Matter will mit ihrer Datingplattform bis Ende Jahr in der kompletten Deutschschweiz etabliert sein.

Aktuell habe Noii um die 28’000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer, sagt Matter. Davon zahlen 500 für ein kostenpflichtiges Premiumabo. «Stand jetzt machen wir 55’000 Franken Umsatz pro Monat», sagt Matter.

Doch Noii will wachsen. Über ein Crowdinvesting konnte das Startup gerade 1,2 Millionen Franken aufnehmen. Als Nächstes soll eine App entwickelt werden, denn bis anhin ist Noii nur als Webplattform unterwegs.

Weg von Online-Chats

Noch weiter vom klassischen Tinder-Ansatz weg bewegt sich Stefanie Lopar mit ihrer App Meet & Match. Die St. Gallerin setzt auf klassische Dates in der realen Welt: gemeinsames Kochen, Wandern oder arrangierte Einzeldates. Die Singles sollen, so Lopar, «einen authentischen Eindruck vom Gegenüber erhalten, ohne sich in langwierigen Onlinechats zu verlieren.» Zuletzt hatte Meet & Match rund tausend Mitglieder.

Werden sich diese Schweizer Startups langfristig etablieren können? Für Nicolas Schotten stellt sich weniger die Frage nach den Chancen von Schweizer Apps im Vergleich zu den grossen Playern. «Die Frage ist meines Erachtens viel eher: Wie wahrscheinlich ist es generell, ein Unternehmen so weit hochzuskalieren?» Das sei unabhängig von der Branche schwierig. 

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Die Portion Glück

Schotten ist sich sicher, dass Schweizer Anbieter langfristig bestehen und wachsen können. «Wichtig ist, ein Produkt anzubieten, das den Nutzern und Nutzerinnen einen effektiven Mehrwert bietet, eine sinnvolle Monetarisierungsstrategie zu verwenden und geeignete Marketingmassnahmen durchzuführen», sagt er. Daneben brauche es auch immer eine Portion Glück.

«Zudem muss man in der Datingbranche gar nicht zu einem Weltkonzern anwachsen, um für viele Menschen die Welt zu verändern», sagt Schotten. Allein dank Lovetastic gebe es jährlich Dutzende Hochzeiten und Babys. «More to come.»

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