Reaktionen zur Wahl des künftigen SNB-Präsidenten
«Ihm fehlt leider jegliche Erfahrung in der Finanzindustrie»

Martin Schlegel übernimmt als künftiger SNB-Präsident einen der wichtigsten Posten im Land. Industrie, Verbände und Behörden gratulieren. Ein Ökonom äussert Bedenken.
Publiziert: 26.06.2024 um 20:34 Uhr
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Aktualisiert: 27.06.2024 um 10:09 Uhr
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Der neue SNB-Präsident Martin Schlegel löst unter Finanzkennern unterschiedliche Reaktionen aus.

Ökonom Klaus Wellershoff (60) ist bei der Wahl des künftigen SNB-Direktors zwiegespalten: «Martin Schlegel ist ein hochkompetenter Vertreter einer jüngeren Generation von Zentralbankern. Er ist ein valabler Nachfolger von Thomas Jordan», sagt er.

Der Finanzmarktkenner hat aber Bedenken beim Lebenslauf des Neuen: «Martin Schlegels einziger Arbeitgeber hiess SNB.» Zudem sei er in Zürich zur Schule gegangen, habe hier studiert und mit Ausnahme von zwei Jahren Singapur nur in Zürich gearbeitet. «Er steht damit für eine Art der Kontinuität, die es heute nicht mehr geben sollte. Ihm fehlt leider jegliche Erfahrung in der Finanzindustrie.»

Muss Schlegel das «geldpolitische Experiment» ausbaden?

Der aktuelle SNB-Vize-Präsident Martin Schlegel (47) galt unter Kennern schon lange als Kronfavorit für die Nachfolge von Thomas Jordan (61). Man habe auch externe Kandidaten geprüft, betont Finanzministerin Karin Keller-Sutter (60) an der Pressekonferenz. «Es ist bedenklich, dass es im ganzen Prozess offenbar keine ernstzunehmende zweite Kandidatur gegeben hat. Hier machen SNB, Bankrat und Bundesrat keine gute Falle», sagt Wellershoff.

Schlegel werde gleich zu Anfang seiner Amtszeit beweisen müssen, dass er nicht nur ein Abziehbild seines Ziehvaters Thomas Jordan sei. Die Schweizerische Nationalbank hat ihr Ziel der Preisstabilität derzeit erreicht. Wellershoff bereitet aber die gewaltige Bilanzsumme der Nationalbank Sorgen. Die SNB habe sich die Preisstabilität über Jahre mit einer überaus lockeren Geldpolitik «erkauft». «Das geldpolitische Experiment von Thomas Jordan ist erst abgeschlossen, wenn das wieder im Lot ist. Wir müssen uns und Martin Schlegel wünschen, dass er nun nicht mit den Kosten einer solch riskanten Geldpolitik konfrontiert wird», so der Ökonom.

Wellershof sieht die SNB mit der künftigen Spitze nicht optimal aufgestellt. Mit Petra Tschudin (48) rückt für Schlegel eine Interne ins Direktorium nach. «Mit dieser Berufung hat das Direktorium nur noch Mitglieder, die die Wirtschaft nur aus Büchern und der Perspektive der Zentralbanken kennen. Wenn der Elfenbeinturm regiert, ist die Gefahr gross, dass die realen Auswirkungen der Politik der SNB von der Leitung unrealistisch eingeschätzt werden.»

Gratulationen und eine Erinnerung

Beim Wirtschaftsverband Economiesuisse heisst man Jordans Nachfolger mit lobenden Worten willkommen. «Martin Schlegel bringt eine breite Erfahrung und einen sehr guten Leistungsausweis mit. Ich erwarte vom neuen SNB-Präsidenten, dass er die bisherige, erfolgreiche Geldpolitik fortsetzt», sagt Rudolf Minsch (56), Chefökonom Economiesuisse.

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Finma-Präsidentin Marlene Amstad (55) lässt ihre Glückwünsche zur Wahl ausrichten und ist überzeugt, dass die beiden Behörden weiterhin gut zusammenarbeiten werden.

Auch Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher (56) gratuliert Schlegel zur Wahl und betont die Bedeutung von dessen zukünftiger Position. «Für Swissmem ist die Unabhängigkeit der SNB zentral.» Die SNB müsse weiterhin ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen und die Preisstabilität sichern. Im Rahmen dieses Mandats sei die SNB zudem gefordert, schockartige Aufwertungen und eine massive Überbewertung des Schweizer Frankens zu verhindern, soweit die Preisstabilität das erlaube, so Brupbacher. «Dies gelang in den vergangenen Jahren meist gut.» Eine Ausnahme dürfte aus Sicht von Swissmem die Aufhebung des von der SNB eingeführten Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro Anfang 2015 gewesen sein. Der Branchenverband kritisierte den überraschenden Schritt damals scharf.

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