Ökonom Mathias Binswanger (61) warnt vor Hype um Künstliche Intelligenz
«Unattraktive Jobs werden durch unattraktive Jobs ersetzt»

Künstliche Intelligenz überrollt uns wie ein Tsunami, revolutioniert Gesellschaft und Wirtschaft – so zumindest die Erwartung. Ökonom Mathias Binswanger sieht darin vor allem ein Geschäftsmodell findiger KI-Berater. KI führe vor allem zu einem: mehr Bürokratie.
Publiziert: 12.06.2024 um 00:01 Uhr
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Aktualisiert: 12.06.2024 um 06:42 Uhr
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Der Volkswirtschaftsprofessor Mathias Binswanger hat ein Buch über KI veröffentlicht.
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Sarah FrattaroliStv. Wirtschaftschefin

KI wird aktuell als Wundermittel gegen praktisch jedes wirtschaftliche Wehwehchen herumgereicht: Einen riesigen Datensatz analysieren? Macht ChatGPT in Sekundenschnelle für mich. Mit Kunden und Unternehmenspartnern in China kommunizieren? Geht dank KI-Übersetzungstools spielend leicht.

Umso besser, dass die Schweizer Wirtschaft bei der KI-Revolution vorne mit dabei ist. 67 Prozent der Schweizer Führungskräfte geben in einer Umfrage des Stellenvermittlers Manpower an, dass KI ihre Arbeit positiv beeinflusst. 57 Prozent der Schweizer Unternehmen sehen sich als Early Adopters, das heisst, setzen KI schon heute im Arbeitsalltag ein – 27 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Angst, dass einem die KI den Job streitig macht? Fehlanzeige – so die Studie. 

Hochtrabende Erwartungen an KI als neue Mitarbeiterin

Mathias Binswanger (61) kann diesem Hype um KI wenig abgewinnen. Der Ökonom lehrt an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und hat soeben ein Buch zur KI-Revolution publiziert. «Die Verselbstständigung des Kapitalismus» gehört laut «Bilanz» aktuell zu den Bestsellern unter den Wirtschaftsbüchern.

«Wir sind mit Blick auf KI blauäugig», warnt Binswanger. Etwa, wenn Unternehmen wegen des Fachkräftemangels kaum ausreichend Personal finden und hoffen, dass sie KI als «zusätzliche Arbeitskraft» einsetzen können. «Digitalisierung und KI werden den Fachkräftemangel kaum entschärfen», hält Binswanger dagegen. Man spare zwar in gewissen Bereich tatsächlich Personal. «Dafür braucht es an anderer Stelle mehr Leute, die sich mit den digitalen Technologien auskennen.» Unter dem Strich ein Nullsummenspiel.

«KI verstärkt die Controlling-Bürokratie.»Mathias Binswanger, Volkswirtschaftsprofessor und Buchautor

Das bedeutet auch, dass wir tatsächlich keine Angst vor grossflächiger Arbeitslosigkeit durch die KI haben müssen. Die Hoffnung: KI erledigt langweilige Routinearbeiten und verschafft uns mehr Zeit für spannendere, kreativere Aufgaben. Wirtschaftsprofessor Binswanger hält das für einen Trugschluss. «Traditionell unattraktive Jobs werden ersetzt durch neue, tendenziell ebenfalls unattraktive Jobs.» Statt mehr Zeit für Kreativität ergebe sich auf dem Arbeitsmarkt durch KI mehr Bürokratie. «Ganze Compliance-Abteilungen werden aufgebaut, es ergeben sich Datenschutz- und Haftungsfragen, KI verstärkt die Controlling-Bürokratie», so seine Prognose.

KI-Consultants machen das grosse Geschäft

Das klingt weniger schick als in den vollmundigen Versprechungen der Tech-Unternehmen. «Es gibt eindeutige ökonomische Interessen dahinter, es uns so zu präsentieren, als wäre KI eine Art Tsunami, der uns überrollt», erklärt Binswanger. «Beratungsunternehmen, die Firmen im Bereich KI unterstützen, schiessen wie Pilze aus dem Boden.» Sie machen ein gutes Geschäft mit dem KI-Hype.

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Besonders, weil es sich viele Schweizer Unternehmen leisten können, auf den KI-Zug aufzuspringen. Ob er unsere Wirtschaft tatsächlich in Hochgeschwindigkeit überrollen wird, sei dahingestellt. «Vor zehn Jahren glaubte man auch, heute wären wir alle mit selbstfahrenden Autos unterwegs», erinnert Binswanger. Kryptowährungen sollten herkömmliches Geld verdrängen, das Metaverse zum neuen virtuellen Marktplatz werden – eingetreten ist keines dieser Szenarien, Hype hin oder her.

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