Nicht nur wegen Ende der CS
Banker stehen Schlange beim RAV

Immer mehr Banker sind arbeitslos. Das senkt die Chancen für Berufseinsteiger. Sie erhalten weniger Lohn oder finden erst gar keinen Job.
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Nicht nur die UBS baut ab, auch andere Banken wie Vontobel oder Julius Bär müssen sparen.
Foto: Keystone

Darum gehts

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Stefan Barmettler
Handelszeitung

Der Banker hatte das Unheil geahnt. Ein Jahrzehnt lang hatte der 58-Jährige im Marketing der Credit Suisse gearbeitet, doch nach der Übernahme durch die UBS war er überzählig. Sein Outplacementberater, bezahlt vom Arbeitgeber, machte ihm wenig Hoffnung: «Über 55 Jahre ist die Chance minim.» Schliesslich willigte er in ein Abgangspaket von 300’000 Franken ein und verabschiedete sich. Langeweile kennt er seither nicht, er treibt viel Sport, arbeitet gelegentlich Projekte ab.

Die UBS investiert Hunderte Millionen Franken, um Mitarbeitende mit Abgangsentschädigung oder Frühpensionierung anständig aus der Bank zu weisen. Es gibt aber auch andere, die nach der Kündigung beim Arbeitsamt landen, ablesbar an den Arbeitslosenzahlen.

Schweizweit stempeln derzeit 4160 Banker, das sind 4,4 Prozent aller Beschäftigen in der Bankenwelt, eine Quote, die über dem aktuellen Schweizer Mittel von 3,1 Prozent liegt. Und es werden immer mehr, die beim RAV landen. Im Kanton Zürich, wo per Ende Jahr 1368 Personen arbeitslos gemeldet waren, beträgt das Plus zum Vorjahr 23,8 Prozent. Es sind Flugjahre für Banker – und sie werden bis 2027 anhalten. Bis die Übernahme der CS durch die UBS verdaut ist.

Kosten, nicht Talente im Fokus

In den Banken macht sich Unsicherheit breit, dazu schwinden im Tiefzinsumfeld die Margen. Automation und KI lösen Funktionen ab, obendrein werden Jobausschreibungen gestrichen. Oberhand haben die Finanzchefs, deren Hauptziel ist, die Kosten zu senken, auch bei der UBS. 2023 kündigte Sergio Ermotti (65) an, die Bank werde 13 Milliarden Franken einsparen, die Hälfte durch Personalabbau; allein in der Schweiz würden dreitausend Leute entlassen. Davon ist man allerdings noch weit entfernt, bislang soll es erst die Hälfte sein.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

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Daneben gibt es ein anderes Streichkonzert, das kaum wahrgenommen wird, denn fast überall wird Personal abgebaut, weil es rund 70 Prozent der Kosten ausmacht. Gemäss Recherchen stecken sieben Banken in einer Restrukturierung, die Hunderte von Arbeitsplätzen kosten wird, darunter sind klingende Namen wie Bär, Vontobel, aber auch Kantonalbanken. An die grosse Glocke hängen sie diesen Abbau nicht. Vontobel spricht von «vereinzelten Kündigungen», ein bedeutender Teil des Abbaus würde über natürliche Fluktuationen aufgefangen.

Treiberin des Abbaus ist die UBS

Der Treiber in den nächsten Monaten wird die UBS sein. Der Abschluss der Migration der CS-Kundschaft auf UBS-Plattformen löst im Februar die nächste Abbauwelle aus. Alle Hierarchiestufen sind betroffen. Wer den Job verliert und nicht in den gefragten Disziplinen arbeitet, muss sich auf einen monatelangen Suchprozess einstellen, der vieles abverlangt: Dutzende Bewerbungen schreiben, Persönlichkeitstests absolvieren, Case-Studies ausformulieren (siehe Box unten).

Kommen sie bei einer Privatbank oder einer Regionalbank unter, müssen sie mit einer Lohneinbusse von 20 bis 30 Prozent rechnen. Für Ehemalige der UBS ist es ein hartes Landen, denn die Grossbank gilt mit Goodies wie Vaterschaftsurlaub, sechs Ferienwochen, KI-Weiterbildung, kaufbaren Zusatzferien, formidablen PK-Leistungen und Kinderbetreuungszuschüssen als Klassenbester. Das Umsteigen tut weh. «Es ist wie der Umstieg von einer Limousine in die Mittelklasse», sagt ein Betroffener.

Regula Mäder, Headhunterin: «Wer sich selber finanziert, hat wenig bis keine Probleme bei der Stellensuche.»
Foto: ZVG

Es gibt aber auch andere, denen der Teppich ausgerollt wird. «Wer sich selber finanziert, hat wenig bis keine Probleme bei der Stellensuche», weiss Regula Mäder, Chefin der Personalberatungsfirma Mäder & Partner. Es sind jene, die ein fettes Kundenbuch betreuen – im Private Banking, im Wealth-Management, im Assetmanagement – und obendrein einen positiven Track Record belegen können. Allerdings ist ihre Anstellung an KPIs geknüpft, die es zu toppen gilt, etwa beim Neugeldzuwachs oder bei der Marge. Wer innert zwei, drei Jahren nicht auf Touren kommt, ist im dritten Jahr wieder weg.

Auch hohe Kaderleute betroffen

Es trifft nicht nur Bankangestellte aus dem Backoffice, es sind auch Kaderleute darunter. Directors und Managing Directors mochten sich vielleicht eine Zeit lang mit Beziehungen über die Runden retten, doch damit ist jetzt Schluss. Die Zunahme der arbeitslosen Kaderleute auf dem RAV im Kanton Zürich ist beachtlich: ein Plus von 28,7 Prozent zum Vorjahr. Viele dürften aus dem Banking stammen, auch ihre Zahl werde 2026 anschwellen, prognostizieren Personalberater. Sie sind die Ersten, die einen scharfen Salärschnitt in Kauf nehmen, denn mit einem Gesamtpaket von 300’000 bis 600’000 Franken waren viele fürstlich honoriert – eine Spendierfreude, die sich heute keine Bank mehr ohne konkreten Mehrwert leisten will.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

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Es sind nicht nur Banker aus der Schweiz, die nach einem Job gieren, auch solche aus dem Ausland versuchen, hierzulande Fuss zu fassen. Er habe seit ein paar Monaten eine wachsende Zahl von Personaldossiers aus Osteuropa auf dem Tisch, erklärt der Chef eines Zürcher Vermögensverwalters. Manche sind bestens beleumundet: Ökonomiestudium, MBA-Abschluss, Consultingerfahrung, fliessendes Hochdeutsch und erst noch billiger als hiesige Analysten oder Controller. «Oft liegen sie 30 Prozent unter dem Schweizer Lohnniveau», sagt er. Ihr Ziel ist oft, als Väter oder Mütter von Kleinkindern den Einstieg in den attraktiven Schweizer Arbeitsmarkt zu finden.

Die starke Nachfrage freut die Arbeitgeber, die aus einem Berg von hochklassigen Dossiers auswählen dürfen. Bei Lombard Odier heisst es:« Ja, wir erhalten derzeit zahlreiche Bewerbungen auf ausgeschriebene Positionen, von unterschiedlichen Instituten.» Dazu gingen Initiativbewerbungen ein sowie vermehrte Kontaktanfragen über Social-Media-Plattformen wie Linkedin. Der Aufwand für die Recruiter ist immens. Sechs individuelle Interviews mit Shortlist-Kandidaten sind heute nichts Aussergewöhnliches, bei Partnerschaften können es bei wichtigen Anstellungen zehn Interviews beim künftigen Arbeitgeber sein. Es geht neben dem Fachlichen auch um die Bewahrung der eigenen Kultur. Eine Lehre aus dem Zusammenführen der risikoaffinen Credit Suisse und der prozessorientierten UBS.

150 Bewerbungen pro Stelle

Die Stellensuche wird für viele zum anstrengenden Hürdenlauf. 150 Bewerbungen auf eine offene Stelle sind heute die Norm, manchmal sind es über zweihundert. Der Aufwand ist immens, für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. «Die Suche ist enorm aufwendig geworden», sagt Regula Mäder, fast schon ein Fulltime-Job. Dazu gehören der Ausbau von Netzwerken, die Vorbereitung auf Persönlichkeitstests – und das Pflegen des Linkedin-Profils.

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB), die momentan sechzig Stellen offen hat, gilt unter Jobsuchenden als heisse Adresse. «Da stehen die Leute Schlange», sagt ein Headhunter. Man bewirbt sich für regulatorische Liquiditätsplanung, Finanzplanung im Wealth-Management, Projektfinanzierungen. Das Minimalpensum ist 80 Prozent, bei vielen Jobs werden 100 Prozent verlangt. Die ZKB schreibt: «Für ausgeschriebene Stellen erhalten wir eine hohe Anzahl an Bewerbungen und können die Funktionen mit hervorragend qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten

besetzen.»

Arbeitgeber geben den Takt vor, Arbeitnehmende müssen liefern

Einer davon sieht sich dann im «Speed Dating». Die Situation auf dem Markt hat definitiv um 180 Grad gedreht; heute geben die Arbeitgeber den Takt vor. Wer etwas will, muss liefern.

Die Arbeitslosigkeit im Banking hat sich seit 2021 verdoppelt, aber historisch hoch ist sie nicht. 2020 lag sie höher, weil die CS in ihrer Verzweiflung Tausende von Bankern in der Schweiz auf die Strasse stellte. Dramatischer war es 1998, als die Bankgesellschaft und der Bankverein zur UBS fusionierten. Damals fielen siebentausend Arbeitsplätze in der Schweiz weg, bei der CS waren es 3500. Der Grund: die Verbreitung des Bankomaten, der Heerscharen von Retailbankern und Filialen wegrationalisierte. Damals absorbierte der Arbeitsmarkt die Stellensuchenden schnell, weil die Raiffeisen und die Kantonalbanken rekrutierten. Heute ist es anders: Der Finanzplatz schrumpft. Nicht der Bankomat ist nun der Jobkiller, sondern die KI-Software, die besonders bei der UBS überall eingreift – in Kontroll- oder Reportingprozessen, bei Research und Compliance.

Wenig zu lachen haben bei diesen Umwälzungen die Jungen. Dem Catch-as-catch-can unter den Arrivierten stehen die Berufseinsteiger hilflos gegenüber.

Einsteiger haben es schwer

Wenig zu lachen haben bei diesen Umwälzungen die Jungen. Dem Catch-as-catch-can unter den Arrivierten stehen die Berufseinsteiger hilflos gegenüber. Für jene, die Betriebswirtschaft oder IT-Ingenieurwesen studierten, sind Banken zwar weiter hoch im Kurs, doch das Gerangel ist gross. Bei Lombard Odier heisst es: «Insbesondere am Hauptsitz in Genf verzeichnen wir sehr viele Anfragen im Bereich Einstiegspositionen sowie Praktika.» Doch das Angebot ist schweizweit am Schrumpfen. Deshalb täten sich Jüngere schwer, sagt Regula Mäder. Mit dem Missmatch geraten die Einsteigerlöhne unter Druck. «Die Rekrutierungslöhne reagieren auf Angebot und Nachfrage», sagt auch Kienbaum-Direktor Timon Forrer. Speziell bei akademischen Berufen sei dies sichtbar – wegen der KI.

Ausgerechnet die UBS, die optimiert, ist der Fels in der Brandung: Sie bietet wie früher über zweitausend Einsteigerjobs an. Jene der CS, 1300 an der Zahl, fielen allerdings weg. Fatal ist, dass weitere Banken zurückschrauben. Abzulesen ist dieser harzige Start ins Berufsleben an den Arbeitslosenzahlen im Kanton Zürich. Sie steigen seit Monaten steil an, besonders bei Akademikern – hier besteht ein Plus von 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Selbst unter Betriebswirten und Informatikabsolventen wächst die Arbeitslosigkeit – um 18 Prozent respektive 30 Prozent.

Gleichwohl haben offenbar nicht alle gemerkt, dass der Wind heute viel eisiger weht. «Die Forderungen der Bewerbenden sind ungeachtet des sich ändernden Arbeitsmarktes immer noch sehr hoch», sagt Kienbaum-Experte Forrer. Doch diese Anspruchsmentalität wird sich ändern, denn nicht nur in der Finanzwelt, sondern auch in der Industrie gilt eines: Leistung. Honoriert mit individueller Entlöhnung.

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