So sieht ein Besuch beim Patienten zu Hause aus
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Ärztin nimmt Blick mit:So sieht ein Besuch beim Patienten zu Hause aus

«Es läuft nicht ständig jemand ins Zimmer und wieder hinaus»
Pfleger und Ärztin bringen das Spital zu Patienten ins Schlafzimmer

Stationäre Patienten werden beim Projekt Visit des Spitals Zollikerberg zu Hause betreut – fast wie im Spital. So bleiben Spitalbetten für akute Fälle frei. Kann dieses Modell die Spitäler dauerhaft entlasten? Blick hat das Team einen Tag lang begleitet.
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Mit einer grossen roten Tasche und einem neongelben Rucksack besuchen Ärztin Elisa Heising und Pfleger Pablo Mesa ihre Patienten bei ihnen zu Hause.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Das Spital Zollikerberg ermöglicht Patienten wie Christine Wullschleger (65) Heimbehandlung
  • Das Visit-Programm ersetzt Spitalaufenthalte, Ärzte und Pflege arbeiten eng zusammen
  • Patienten werden zweimal täglich betreut, Notfälle sind in 15 Minuten erreichbar
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Mit einer grossen roten Tasche und einem neongelben Rucksack betreten die Ärztin Elisa Heising (37) und der Pflegefachmann Pablo Mesa (35) die Wohnung ihrer Patientin. Drinnen ist es warm und ruhig. «Schön, dass Sie hier sind», sagt die 65-Jährige. Sie trägt ein seidenes Halstuch mit roten Rosen und grünen Blättern. Ihr Haar ist sorgfältig frisiert. Nichts an ihr würde verraten, dass sie seit einer Woche in stationärer Behandlung ist. Nicht wie üblich im Spital, sondern in den eigenen vier Wänden.

Die Patientin heisst Christine Wullschleger. Sie hat Krebs. Viermal verschlechterte sich ihr Zustand so stark, dass sie in den Notfall musste. Zweimal war sie danach im sogenannten Visit-Programm des Spitals Zollikerberg, das das Spital zu den Patientinnen nach Hause bringt. Im aktuellen Fall wegen einer schweren Grippe. Ihr Immunsystem sei noch immer geschwächt, obwohl die Chemotherapie bereits abgeschlossen ist, sagt die Zürcherin zu Blick, der bei einem Visit-Besuch dabei sein durfte. Morgens kommen Pflege und Ärztin gemeinsam zu den Wullschlegers, abends die Pflege allein.

Das Spital im Schlafzimmer

«Wie geht es Ihnen heute? Bekommen Sie besser Luft?», fragt Heising und tritt ans Bett. Pflegefachmann Mesa richtet währenddessen die Antibiotika-Infusion. Ein geübter Ablauf. Und doch braucht es immer wieder Improvisation. Heute wird die Infusion am Büchergestell neben dem Bett befestigt. 

Der Ehemann der Patientin bleibt im Hintergrund. Doch er hört zu. «Im Spital müssen wir mit den Angehörigen oft noch einmal alles durchgehen», sagt Heising später. «Hier sind sie einfach dabei. Das spart uns Zeit.»

Für Patientin Wullschleger ist genau dies das Wichtigste: ihr Mann an ihrer Seite. Er unterstützt sie, kocht für sie und geht mit ihr spazieren, wenn es die Kräfte erlauben. «Und jeden Morgen bringt er mir einen Kaffee ans Bett. Seit Jahrzehnten.» Sie lächelt. «Diesen Kaffee würde ich im Spital nicht bekommen. Er macht ihn auf seine Art. Mit viel Milchschaum.»

Patientin Christine Wullschleger ist bereits zum zweiten Mal im Visit-Programm.
Foto: Philippe Rossier

Sie war sofort begeistert von Visit. «In meinen eigenen vier Wänden lebe ich, wie ich es gewohnt bin. Das tut mir gut.» Zu Hause hat sie ihren Rhythmus. Ihre Kleider. Ihre Kosmetik. Alles griffbereit. «Das bekäme ich nie alles ins Spital. Da bräuchte ich einen Anhänger», sagt sie und lacht. Daheim ist es auch ruhiger. «Ich habe Zeit für mich. Es läuft nicht ständig jemand ins Zimmer und wieder hinaus.»

Ein Stück Hoffnung

Während Pflegefachmann Mesa Blutdruck und Sauerstoff misst, sprechen sie über Süssigkeiten. Während der Chemotherapie schmeckte für Wullschleger alles Süsse nach Karton. Heute nicht mehr. «An solchen Dingen hält man sich fest», sagt Mesa. «Wenn Bananensplit wieder süss schmeckt, kehrt ein Stück Hoffnung zurück. Das tut der Seele gut.» Man merkt: Hier entstehen andere Gespräche als im Spital. Näher, persönlicher. «Vielleicht, weil wir bei ihnen zu Gast sind», sagt Heising. «Und nicht sie bei uns.»

Die Patienten werden fast enger betreut als im Spital, gewinnt man den Eindruck.
Foto: Philippe Rossier

Zu Hause zeigen sich die Menschen anders. «Im Spital ist es viel einfacher, etwas zu verheimlichen», sagt Mesa. Wer nicht mehr sicher geht, hält sich am Bett fest, lächelt tapfer. Daheim geht das nicht. Wer zur Toilette will, muss aufstehen. Wer in die Küche will, muss laufen. Wenn es nicht mehr geht, sieht man es.

Mit den Besuchen kommen weniger Keime mit dem nächsten Patienten ins Zimmer. Für Menschen mit schwachem Immunsystem, wie Frau Wullschleger, zählt genau das. 

Werte werden rund um die Uhr überprüft

Heising drückt einen Klecks durchsichtiges Gel auf den Schallkopf des Ultraschallgerätes. «Bitte heben Sie Ihr T-Shirt ein wenig», sagt sie. Dann fährt sie mit dem Gerät über den Rücken der Patientin. Auf dem iPad erscheint das Bild in Grautönen. «So sehen wir, ob sich Wasser in der Lunge sammelt.» Viele Untersuchungen lassen sich zu Hause machen.

Was wie Spital aussieht, geschieht hier in den eigenen vier Wänden der Patienten.
Foto: Philippe Rossier

Eine kleine Uhr am Handgelenk misst etwa Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Die Werte werden laufend übermittelt. Das Team sieht, wie sie sich entwickeln. Verschlechtern sie sich, ist es in spätestens 15 Minuten vor Ort.

Angst, dass im Notfall niemand rechtzeitig kommt, hatte Wullschleger nie. «Diese Krankheit ist lange in mir gewachsen. Da stirbt man nicht einfach von einem Tag auf den anderen.» Und gefreut habe sie sich immer, wenn das Team zu ihr nach Hause gekommen sei. 

Pflege trägt viel Verantwortung

Im Programm arbeiten Pflegefachpersonen und Ärzte eng zusammen. «Die Pflegefachpersonen tragen viel Verantwortung», sagt Christian Ernst (50), Projektleiter von Visit. «Sie sind rund um die Uhr erreichbar, führen die Gespräche bei der Aufnahme auf der Notfallstation. Und besuchen die Patientinnen zweimal täglich – ohne Arzt.» Das verlangt Vertrauen – und das sei vorhanden. «Wenn die Pflegenden mir sagen, dass eine Patientin zurück ins Spital muss, glaube ich ihnen sofort», sagt Heising.

Das unterscheidet das Programm deutlich von einer klassischen Spitex. Auch dort können Infusionen angehängt werden. Doch Visit ist mehr als einzelne Pflegeleistungen: Es ersetzt einen Spitalaufenthalt. Während die Spitex die Patienten im Alltag unterstützt und ambulante Pflegeleistungen erbringt, verlegt Visit die Spitalbehandlung nach Hause. Das ist der entscheidende Unterschied.

Neue Spitalbetten zu bauen, ist keine Antwort

Mit Visit will das Spital das Gesundheitssystem weiterentwickeln und die Grundlast neu verteilen. «Wir reagieren auf die Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft», sagt Ernst. Neue Spitalbetten zu bauen, sei heute nicht die erste Antwort.

Das Visit-Programm vom Spital Zollikerberg

Seit 2021 wurden rund 450 stationäre Patientinnen und Patienten des Spitals Zollikerberg über das Visit-Programm zu Hause behandelt. Es war das erste Spital der Schweiz mit einem solchen Projekt. Inzwischen sind verschiedene Kliniken dem Beispiel gefolgt, etwa in Baselland und Graubünden.

Die Rückmeldungen zum Visit-Programm des Spitals Zollikerberg sind sehr positiv, kritische Zwischenfälle gemäss eigenen Angaben selten. Am häufigsten behandeln die Teams Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte und Nierenbeckenentzündungen.

Ziel war nie, die Behandlung billiger zu machen, sondern besser. Und doch liegt es auf der Hand, dass das Modell helfen soll, in Zukunft Kosten zu sparen. Denn Hotellerie und Raumnutzung wie bei einer stationären Spitalbehandlung fallen weg. Für Patienten macht es bis jetzt finanziell keinen Unterschied, ob sie im Spital oder zu Hause behandelt werden. Beides wird von der Krankenkasse übernommen. Riccarda Campell

Das Visit-Team fährt mit dem Auto zu seinen Patienten nach Hause.
Philippe Rossier

Seit 2021 wurden rund 450 stationäre Patientinnen und Patienten des Spitals Zollikerberg über das Visit-Programm zu Hause behandelt. Es war das erste Spital der Schweiz mit einem solchen Projekt. Inzwischen sind verschiedene Kliniken dem Beispiel gefolgt, etwa in Baselland und Graubünden.

Die Rückmeldungen zum Visit-Programm des Spitals Zollikerberg sind sehr positiv, kritische Zwischenfälle gemäss eigenen Angaben selten. Am häufigsten behandeln die Teams Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte und Nierenbeckenentzündungen.

Ziel war nie, die Behandlung billiger zu machen, sondern besser. Und doch liegt es auf der Hand, dass das Modell helfen soll, in Zukunft Kosten zu sparen. Denn Hotellerie und Raumnutzung wie bei einer stationären Spitalbehandlung fallen weg. Für Patienten macht es bis jetzt finanziell keinen Unterschied, ob sie im Spital oder zu Hause behandelt werden. Beides wird von der Krankenkasse übernommen. Riccarda Campell

Christine Wullschleger macht Fortschritte. Sie hat kein Fieber mehr, das Antibiotikum wirkt. «Wir sind auf gutem Weg, die Grippe ist bald vorbei. Realistisch kann sie nächste Woche austreten», sagt Heising. Das Team verabschiedet sich. «Ich drücke Ihnen fest die Daumen», sagt die Ärztin. Am nächsten Tag steht eine Untersuchung an. Sie wird zeigen, ob der Krebs besiegt ist.

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