16-Jährige spricht von Rücktritt
Der Irrsinn um die russischen Kufen-Kinder

Sie sind erst 16 – und stehen einen Vierfach-Sprung am anderen: die russischen Titel-Favoritinnen der bevorstehenden WM in Stockholm.
Publiziert: 23.03.2021 um 12:23 Uhr
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Aktualisiert: 23.03.2021 um 17:02 Uhr
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Alexandra Trussowa in Aktion – sie ist eines der heissen Eisen an der Eiskunstlauf-WM.
Cécile Klotzbach

Eine Voraussage für die Mittwoch startende Weltmeisterschaft ist bei den Männern schwierig – in den letzten Jahren gab es einen Dreikampf zwischen den USA, Kanada und Japan. Das Podest bei den Frauen ist hingegen quasi bereits vergeben: an Russland. Warum? Weil die weiblichen Kufen-Stars dieser Eiskunstlauf-verrückten Nation als einzige die Vierfach-Sprünge beherrschen – und das schon im Kindes-Alter.

So die beiden Teenager-Wunder Anna Schtscherbakowa und Alexandra Trussowa, die neben der 24-jährigen «Altmeisterin» Jelisaweta Tuktamyschewa – seit ihren WM- und EM-Titeln im Jahr 2015 «Kaiserin Lisa» genannt – die grossen Titel-Favoritinnen sind. Die beiden 16-Jährigen schrauben ihren Sport mit mehreren Vierfach-Sprüngen in neue Dimensionen. Schtscherbakowa ist bereits dreifache russische Meisterin. Wie sie hat auch Trussowa, wegen ihrer vierfachen Toeloop-Premiere als «russische Rakete» bekannt, fast dieselben technischen Finessen drauf wie die besten Männer. So etwas gab es in der Geschichte des Eiskunstlaufens noch nie.

Russland macht keine Corona-Pause

Die Konkurrenz läuft da eine Klasse hinterher. Und wer die Vierfach-Sprünge nicht beherrscht, hat keine Chance mehr auf Medaillen – selbst ein gestürzter Vierfacher gibt oft mehr Punkte als herkömmliche Programmpunkte, weil das hohe Risiko belohnt wird. Im letzten Jahr, in dem es kein relevantes Messen der weltweit besten Athletinnen gab, wurde die russische Dominanz nur noch grösser.

Alexia Paganini: Der Schweizer Trumpf an der WM

Alexia Paganini will an der kommenden Eiskunstlauf-WM in Stockholm der Schweiz einen Olympia-Quotenplatz sichern und ihre Fortschritte unter Beweis stellen, die sie seit neun Monaten in Champéry in Stéphane Lambiels «Skating School of Switzerland» macht. «Sie hat Biss», sagt der Schweizer Männer-Star, der vor 16 Jahren in Moskau zum ersten Mal Weltmeister wurde, kürzlich in der «Schweizer Illustrierten». «Sie weiss genau, was sie will.»

Aber Medaillen-Chancen hat Paganini in Schweden realistisch gesehen keine. Die 19-jährige US-Schweizerin mit Wurzeln im Bündnerland zeigte als Vierte hinter drei russischen Favoritinnen an der letzten EM, dass sie mit ihrem Können in Europa unmittelbar hinter der Spitze liegt. Aber weltweit ist die Konkurrenz um einiges höher. Schon ein Top-10-Platz wäre ein Erfolg.

Der Ansatz in der Schweiz ist anders


Dafür ist die 1,70m-hochgewachsene Paganini so etwas wie eine Anti-These zu den russischen Kufen-Kindern. Sie bietet künstlerisch wie technisch das ganze Paket. Aber Ausdruck, Weiblichkeit und Eleganz sind ihre kräftigsten Attribute – und diese werden durch ihren Trainer Lambiel auch gezielt gefördert. Sie arbeiteten auch an Vierfach-Sprüngen. Aber sein Ziel sei nicht, seine Läuferinnen möglichst lange in ihren Kinderkörpern zu halten. «Sondern, dass sie schnell ihr Gleichgewicht finden in einem erwachsenen Körper, der ihnen eine lange, gesunde und glückliche Karriere ermöglicht.»

Das klingt anders als im russischen Drill. Und das weiss Paganini auch zu schätzen. Im Wallis helfen ihr eine Hip-Hop-Lehrerin und eine Ballett-Lehrerin, das künstlerisches Potenzial weiter auszuschöpfen. «Die Atmosphäre ist sehr positiv», sagt sie – und aus früheren Zeiten der harten Schule hat sie durchaus Vergleichsmöglichkeiten: «Wir arbeiten hart, aber ich habe keine Angst mehr, Fehler zu machen.»

Alexia Paganini will an der kommenden Eiskunstlauf-WM in Stockholm der Schweiz einen Olympia-Quotenplatz sichern und ihre Fortschritte unter Beweis stellen, die sie seit neun Monaten in Champéry in Stéphane Lambiels «Skating School of Switzerland» macht. «Sie hat Biss», sagt der Schweizer Männer-Star, der vor 16 Jahren in Moskau zum ersten Mal Weltmeister wurde, kürzlich in der «Schweizer Illustrierten». «Sie weiss genau, was sie will.»

Aber Medaillen-Chancen hat Paganini in Schweden realistisch gesehen keine. Die 19-jährige US-Schweizerin mit Wurzeln im Bündnerland zeigte als Vierte hinter drei russischen Favoritinnen an der letzten EM, dass sie mit ihrem Können in Europa unmittelbar hinter der Spitze liegt. Aber weltweit ist die Konkurrenz um einiges höher. Schon ein Top-10-Platz wäre ein Erfolg.

Der Ansatz in der Schweiz ist anders


Dafür ist die 1,70m-hochgewachsene Paganini so etwas wie eine Anti-These zu den russischen Kufen-Kindern. Sie bietet künstlerisch wie technisch das ganze Paket. Aber Ausdruck, Weiblichkeit und Eleganz sind ihre kräftigsten Attribute – und diese werden durch ihren Trainer Lambiel auch gezielt gefördert. Sie arbeiteten auch an Vierfach-Sprüngen. Aber sein Ziel sei nicht, seine Läuferinnen möglichst lange in ihren Kinderkörpern zu halten. «Sondern, dass sie schnell ihr Gleichgewicht finden in einem erwachsenen Körper, der ihnen eine lange, gesunde und glückliche Karriere ermöglicht.»

Das klingt anders als im russischen Drill. Und das weiss Paganini auch zu schätzen. Im Wallis helfen ihr eine Hip-Hop-Lehrerin und eine Ballett-Lehrerin, das künstlerisches Potenzial weiter auszuschöpfen. «Die Atmosphäre ist sehr positiv», sagt sie – und aus früheren Zeiten der harten Schule hat sie durchaus Vergleichsmöglichkeiten: «Wir arbeiten hart, aber ich habe keine Angst mehr, Fehler zu machen.»

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Während die Wettbewerbe in den meisten Ländern Corona-bedingt ausfiel, lief der Betrieb in Russland mit Grand-Prix-Serie und Landesmeisterschaften fast normal weiter. Ohne Pause wurde der Vorsprung ausgebaut. Es wird gemunkelt, «Neujahrswunder» Anna Schtscherbakowa habe ihren dritten Meisterschaftstitel Ende 2020 sogar mit einer Covid-19-Erkrankung gewonnen.

Knochenharte Kinderarbeit

In Russland scheint es keine Angst vor der Pandemie zu geben. Wie auch keine Angst vor dem frühen Verschleiss junger, unausgereifter Körper und Seelen. Knochenharte Kinderarbeit, harter Drill, strenge Disziplin, grosse Opfer-Bereitschaft stehen an der Tagesordnung. «Man sieht es den Mädchen auch sofort an», sagt der Moskauer Kampfrichter Konstantin Jablotski. «Sie haben nicht dieses kindliche Glücksgefühl, an einem Wettkampf teilzunehmen. In ihren Augen ist nur eins: die perfekte Umsetzung des gesamten Programms, um zu siegen.»

«Fast wie Maschinen»

Für einen zu hohen Preis, sagen viele Kritiker des Systems. So auch die Schweizer Eisprinzessin Sarah van Berkel (36), frühere Meier: «Sie sind fast schon wie Maschinen», sagt sie zu Blick, «ich weiss ja nicht, wie sie das schaffen, aber es ist schlicht unglaublich!» Jeder, der wie sie selbst schon dreifache Sprünge gemacht habe, wisse, wie viel Schweiss und Verschleiss durch das Antrainieren entstehe. Erst recht bei so jungen Athletinnen habe das Folgen, weiss Van Berkel. Das wecke Zweifel. «Ob sie das alles mit entwickelten Körpern noch schaffen? Viele haben eine Technik, die als Erwachsene nicht mehr funktioniert.»

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Abgesehen davon hätten die Mädchen gar keine Zeit mehr, sich zu entwickeln. «Die russischen Landsfrauen lösen sich schon vorher gegenseitig ab», so Van Berkel. «Ist eine ein paar Wochen oder gar Monate verletzt, rücken bereits nicht drei, sondern fünf bis zehn andere nach.» Deshalb treten die meisten schon früh zurück. «Das ist schade. Denn später, wenn sie reifer sind, könnten sie dem Sport noch viel mehr geben.»

16 Jahre alt – und Pläne für die Karriere danach!

Schtscherbakowa, deren Coach Eteri Tutberidse dafür bekannt ist, junge Eiskunstläuferinnen «ohne Mitleid» zu trainieren, stützt die These der zwanzig Jahre älteren Schweizerin, indem sie schon heute – 16 Jahre jung – von ihrem Plan nach der Karriere spricht. «Ich werde die Möglichkeit haben, in Shows zu laufen und als Trainerin zu arbeiten, das beruhigt.» Für anderweitige Interessen bliebe ihr schlicht keine Zeit. «Ich möchte neue Dinge lernen, aber das geht nicht. Schon Schule und Training zu kombinieren wird jedes Jahr schwieriger.»

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