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Geliehen, zerbrochen, geklaut
Die grössten Kugel-Dramen in der Weltcup-Geschichte

Beim Weltcupfinale dieses Wochenende stehen noch einige Kugelentscheidungen aus. Während deren Gewinn eigentlich ein Grund zur Freude ist, sorgte das begehrte Kristall auch schon für weniger schöne Gefühle – und liefert ganz besondere Geschichten.
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Pirmin Zurbriggen musste sich 1987 für ein Shooting eine Trophäe von seinem Erzrivalen Marc Girardelli (links, rechts Alberto Tomba) leihen.
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Marcel W. PerrenReporter Sport

Bereits vor den finalen Rennen in Lillehammer dieses Wochenende darf sich Marco Odermatt über einen weiteren enorm erfolgreichen Winter freuen. Nebst drei Olympischen Medaillen holt er mit dem Sieg im Gesamtweltcup, Abfahrt und Super-G zum vierten Mal in Serie mindestens drei Kugeln. Im Riesen könnte zudem eine weitere folgen. Bereits 2023 gewann der Jahrhundertathlet vom Vierwaldstättersee erstmals die Super-G-Wertung und zweckentfremdete eine Kristallkugel derart, dass er damit seinen norwegischen Kontrahenten Henrik Kristoffersen regelrecht demoralisierte.

«Nach meinem Gesamtsieg in der Super-G-Wertung hat mein Sponsor Red Bull in Andorra eine Party organisiert, zu der auch Henrik eingeladen war», verrät Odermatt und erzählt die ganze Geschichte: «Irgendwann kam ich auf die Idee, dass man den hohlen Innenraum der Kristallkugel mit Champagner füllen sollte. Höflich, wie ich bin, bot ich Henrik natürlich auch einen Schluck aus der Kugel an. Er lehnte aber ab, während ich an diesem Abend mehrere kräftige Schlucke genommen habe. Deshalb glaubte Kristoffersen wahrscheinlich, dass ich zwei Tage später im Riesenslalom nicht mehr um den Sieg mitfahren könne. Entsprechend niedergeschlagen war er, als ich dann zwei Sekunden schneller war als er.»

Apropos niedergeschlagen: vor ziemlich genau einem Jahr war Odermatt selbst dann der Leidtragende. Nachdem er beim Weltcupfinale in Sun Valley die Riesen-Kugel einheimste, zerbrach deren Sockel bei den Feierlichkeiten. Die gute Laune liess er sich dadurch aber nicht nehmen, sondern machte das Beste daraus und verschenkte die Scherben an Teammitglieder.

Odermatt schrottet Kristallkugel
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Im Freudentaumel zerbrochen:Odermatt schrottet Kristallkugel

Accolas grösster Coup wurde in der Crystal-Bar geklaut!

Während Odermatt seine Trophäen in seinem Kinderzimmer ausstellt, hat Paul Accola die grosse Kugel, die der Bündner für seinen Gesamtweltcupsieg in der Saison 1991/92 erhalten hat, dem Wirt vom Davoser Hotel Crystal anvertraut. Bis am 12. April 2011 hat der Kristall in der Hotelbar viel Glanz versprüht. Doch trieb im 3-Sterne-Haus ein Dieb sein Unwesen. «Als ich die Bar um Mitternacht schloss, war die Kugel noch da, doch am nächsten Morgen war sie weg. Ich habe sofort die Polizei alarmiert – die konnte allerdings nicht die geringsten Spuren entdecken», gab der damalige Wirt Franz Wallner im Blick zu Protokoll.

Selbstverständlich wollte Wallner noch am selben Tag bei der FIS die Anfertigung einer neuen Kugel beantragen. Doch Accola zeigte anfänglich kein Interesse an einer Kopie: «Ich habe die Erinnerungen an die Kugel ja in meinem Kopf, die kann mir keiner klauen.» Der Internationale Ski-Verband hat dem mittlerweile 59-Jährigen trotzdem eine Ersatz-Kugel überreicht. Diese steht heute in einer Vitrine vom Wintersportmuseum Davos.

Das schlampige Genie Miller

Eine Extraschicht mussten die Glasbläser auch für Bode Miller (48) einlegen. Warum? Nach dem Gesamtweltcupsieg im Winter 2004/05 hat der Ski-Hippie aus den USA die zwölf Kilo schwere Kugel vor dem Heimflug unsorgfältig in seinem Reisekoffer verstaut. Deshalb hielt Miller nach der Gepäckausgabe in der Heimat nur noch einen Haufen Scherben in den Händen. Das schlampige Ski-Genie aus New Hampshire musste bereits zwei Jahre zuvor bei der FIS um die Anfertigung einer Kopie betteln. Grund: Nach der WM 2003 liess Miller eine seiner beiden Goldmedaillen auf der Toilette liegen.

Zurbriggen hat sich von seinem Erzrivalen eine Kugel geliehen

Einen ganz besonderen Einfluss hatten die Kristall-Pokale auf das zwischenmenschliche Verhältnis von Pirmin Zurbriggen (63) und Marc Girardelli (62). Der Walliser und der für Luxemburg startende Österreicher haben sich zahlreiche heftige Duelle um den Gesamtweltcupsieg geliefert, während langer Zeit war ihre Beziehung auch neben der Piste vergiftet. Im Sommer 1987 kehrte der vierfache Gesamtweltcupgewinner Zurbriggen in Begleitung seiner Liebsten dennoch in Vorarlberg im Hotel des fünffachen Gesamtweltcup-Triumphators Girardelli ein.

«Gira» beginnt herzhaft zu lachen, wenn er an diesen Tag zurückdenkt: «Ich fühlte mich anfänglich total geehrt, als die Familie Zurbriggen bei mir zum Mittagessen erschienen ist. Quasi zum Dessert habe ich dann den wahren Grund für diesen Überraschungssieger-Besuch erfahren: Pirmin hatte ein Fotoshooting bei seinem damaligen Ausrüster, der Vorarlberger Ski-Firma Kästle. Und weil er die grosse Kristallkugel im Wallis vergessen hatte, musste er sich für dieses Shooting eine Kugel bei mir ausleihen.» Seit diesem Tag können sich die einstigen Intim-Feinde richtig gut leiden.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im März 2024.

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