Darum gehts
- Franjo von Allmen gewinnt Olympia-Gold in der Abfahrt auf der Stelvio
- Odermatt verpasst Medaille um zwei Zehntel, enttäuscht trotz starker Leistung
- Sieg von Kumpel von Allmen kann Odermatts Enttäuschung nicht lindern
Kurz vor dem Start zur wichtigsten Abfahrt in den letzten vier Jahren meldet sich der legendäre Peter «Pitsch» Müller (68) per Whatsapp beim Blick-Reporter. «Mein Patriotentipp beinhaltet, dass die Nummer 6 vor der 8 und der 7 gewinnen wird», schreibt der Abfahrts-Weltmeister von 1987. Das heisst im Klartext: Müller glaubt an einen Sieg von Alexis Monney vor Franjo von Allmen.
Nach der Fahrt der Startnummer 7 ist klar, dass der zweifach Olympia-Silbermedaillengewinner aus dem Kanton Zürich nicht ganz richtig liegt – Marco Odermatt übernimmt mit fünf Hundertsteln Vorsprung auf Monney die Führung. «Als ich die Ziellinie überfahren habe, hatte ich das Gefühl, dass meine Fahrt richtig gut war. Deshalb war ich erstaunt, dass mein Vorsprung auf Alexis nicht grösser war», gibt der vierfache Gesamtweltcupsieger zu Protokoll.
Dann katapultiert sich mit der 8 Franjo von Allmen aus dem Starthaus. Rainer Salzgeber, Rennchef von Franjos Ausrüster Head, ist fest davon überzeugt, «dass von Allmen die Konkurrenz mit seinem überlegenen Sieg bei der letzten Weltcup-Abfahrt in Crans-Montana demoralisiert hat. Und sein Selbstvertrauen ist jetzt so gross, dass er nur sehr schwer zu schlagen sein wird.» Tatsächlich gelingt dem Abfahrtsweltmeister aus Boltigen im Berner Oberland eine nahezu perfekte Fahrt. Der 24-Jährige schwingt im Ziel mit sieben Zehnteln Vorsprung auf Superstar Odermatt ab.
«Da war ich nervöser als bei meinem Start»
Einmal gerät der gelernte Zimmermann aber danach noch gehörig ins Zittern. Und zwar während des Laufs von Kitzbühel-Sieger und Lokalmatador Giovanni Franzoni. «Als Giovanni unterwegs war, war ich nervöser als bei meinem eigenen Start. Ich habe das gar nicht gerne, wenn ich einem so gefährlichen Konkurrenten zuschauen muss», gesteht von Allmen.
Doch dann kann der 100-Kilo-Brocken aufatmen – Super-Italo Franzoni landet mit zwei Zehnteln Rückstand auf dem Silber-Platz. Bormio-Spezialist Dominik Paris (36, sieben Weltcupsiege auf der Stelvio) schubst zwar Odermatt vom Podest, aber auf die Bestzeit verliert der Südtiroler eine halbe Sekunde.
Die wertvollste Abfahrtsgoldmedaille in der Olympia-Geschichte
Somit steht fest, dass Franjo von Allmen als fünfter Schweizer nach Bernhard Russi (77, 1972), Pirmin Zurbriggen (63, 1988), Didier Défago (48, 2010) und Beat Feuz (38, 2022) Olympia-Gold in der alpinen Köngisdisziplin holt. Rein sportlich betrachtet gewinnt von Allmen sogar die wertvollste Abfahrts-Goldmedaille in der Olympia-Geschichte.
Warum? Nie zuvor wurde die Abfahrt bei den Olympischen Spielen auf einer derart selektiven Piste ausgetragen, wie diesmal in Bormio. «Die Stelvio ist noch schwieriger als die Streif in Kitzbühel», hält Bronze-Gewinner Dominik Paris fest, der auf der «Streif» dreimal triumphiert hat.
Aber was sagt von Allmen zu seinem absoluten Glanzstück? «Es fühlt sich alles noch ziemlich komisch an, ich komme mir vor wie in einem Film und werde wohl noch ein paar Tage brauchen, um zu realisieren, was dieser Erfolg ganz genau bedeutet», gesteht Franjo. Sicher ist, dass für ihn kein Bubentraum in Erfüllung gegangen ist. «Ich habe als Kind nie von Olympia geträumt. Die Olympischen Spiele hatten für mich erst ab dem Zeitpunkt eine Bedeutung, als ich mich entschieden habe, den Skisport hauptberuflich auszuüben.»
Die richtige Reaktion auf die Kritik von Feuz
Von Allmen hat in der laufenden Weltcup-Saison abgesehen von Crans-Montana in jeder Abfahrt einen gröberen Fehler eingebaut. Nach seinem Sieg auf der Grödener Saslong wurde er von Beat Feuz wegen seiner halsbrecherischen Sprungtechnik kritisiert. «Wenn Franjo diesbezüglich nicht über die Bücher geht, wird das nicht mehr lange gut gehen.»
Von Allmen hat danach eingestanden, «dass Beat mit seiner Kritik absolut recht hat». Offensichtlich hat FvA die richtigen Schlüsse daraus gezogen, bei der Olympia-Abfahrt ist er jedenfalls kein einziges Mal in Turbulenzen geraten. «Ich habe die Linie fast überall so getroffen, wie ich mir das vorgenommen habe, konnte den Speed in jede Passage schön mitnehmen. Ich habe an meiner Fahrt wirklich kaum etwas auszusetzen», betont von Allmen mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Odermatts Frust
Auch Marco Odermatt kann sich trotz der um zwei Zehntel verpassten Medaille kaum etwas vorwerfen. «Ich habe kaum eine Erklärung dafür, ich wüsste nicht, in welchem Sektor ich etwas anders hätte machen sollen. Okay, in der Carcentina-Traverse war ich etwas tief. Aber mehr als einen Zehntel dürfte das nicht gekostet haben.» Ob es die Enttäuschung lindere, dass mit von Allmen ein Teamkollege gewonnen habe, wird Odermatt danach gefragt. Seine ehrliche Antwort: «Nein, das ändert nichts an meiner Enttäuschung.»
Swiss-Ski-Präsident Peter Barandun hat zur Familie Odermatt einen besonders engen Draht, schliesslich hat der gebürtige Bündner als CEO von Electrolux Schweiz Marco bereits ab dem 17. Lebensjahr als Sponsor unterstützt. Nach diesem Olympia-Krimi versucht Barandun Odermatt zu trösten, was nicht auf Anhieb gelingt. «Marco ist derzeit am Boden zerstört. Ich bin mir aber sicher, dass das morgen bei ihm schon wieder ganz anders aussehen wird.»
Am Montag steht in Bormio die Team-Kombination auf dem Programm. Derzeit deutet alles darauf hin, dass Odermatt diese olympische Premiere mit Slalom-Weltmeister Loïc Meillard bestreiten wird. Franjo von Allmen wird voraussichtlich ein Team mit Tanguy Nef bilden.
