Verdächtig ähnlich sieht der Avatar aus, mit dem Noah Caluori gerade ein Rugby-Videospiel zockt, in dem echte Profis als Spielfiguren vorkommen. Der 19-Jährige sitzt auf seinem Bett und grinst. «Das bin ich», sagt er. «Ein Kumpel hat mich angerufen und gemeint, man könne mich jetzt offiziell als Spieler auswählen, ich konnte es kaum glauben.» Er mustert sich auf dem Bildschirm. «Gut getroffen, oder?», fragt Noah. «Wobei, ein bisschen breiter ist er schon als ich.»
Im echten Leben ist Noah Caluori vor allem eines: gross – fast zu gross für die Spielerwohnung, die eine Stunde nördlich von London liegt. Entsprechend hängt der Spiegel über dem Lavabo für seine 1,95 Meter deutlich zu tief. An den Wänden seines Zimmers kleben Poster von Basketballstar Stephen Curry oder Rapper J. Cole. Auch Noahs Trikots sind prominent platziert – eines davon ist ihm besonders heilig. «Sogar der Dreck ist noch dran.» Es ist jenes aus seinem ersten Spiel in der Premiership, Englands höchster Rugbyliga, für den Klub Saracens. Es gelingen ihm gleich fünf Versuche – im Rugby die wichtigste Punktaktion, vergleichbar mit einem Touchdown im American Football. Dass ein Spieler das in einer Partie schafft, ist selten. Bei einem Debüt erst recht.
Einen Tag später meldete sich der Trainer der englischen Nationalmannschaft. «Ich lag noch im Bett und war komplett überrascht, wer mich da anruft.» Noah wird sofort ins Trainingslager aufgeboten. «Das war crazy!» Inzwischen hat Noah Caluori gar Geschichte geschrieben: Als erster Spieler überhaupt gelingt es ihm, in einer Saison gleich zweimal fünf Versuche gegen denselben Gegner zu erzielen.
Ein Herz für drei Länder
Am späten Nachmittag steigt Noah in den Zug und fährt Richtung London. Dort lebt sein Bruder Josiah (21). Vater Andreas (62) ist aus der Schweiz angereist, um seine Söhne zu besuchen.
Zwischen Marktständen, Stimmengewirr und dem Duft von Fischknusperli schlendern die drei über den Borough Market. Noah und Josiah wechseln mühelos zwischen Englisch und Berndeutsch – mit britischem Akzent. Ihr Nachname Caluori kommt aus Graubünden. Aufgewachsen sind die beiden jedoch im Süden Londons, bei ihrer Mutter Grace, einer Britin mit nigerianischen Wurzeln.
Die Schweiz ist für sie dennoch ein Zuhause: «Wir lieben die Schweiz. Wir sind oft am Brienzersee. Oder waren im Winter Ski fahren», so Noah. «Das vermisse ich.» Heute verzichtet er darauf, das Verletzungsrisiko ist zu gross.
Gehen Noah und Josiah nebeneinander, fliegen erst neckische Kommentare, und gleich darauf wird wieder gelacht. «Wir sind unterschiedlich, aber wir unterstützen uns bei allem», meint Noah. Josiah ergänzt: «Noah spricht fast nur von Rugby, aber er bringt mich immer zum Lachen.» Noah zuckt mit den Schultern. «Ich bin ein glücklicher Typ. Wie könnte ich es nicht sein, wenn ich meinen Traum lebe?»
Papa Andreas Caluori ist nicht nur auf den Erfolg seines Sohnes stolz, sondern besonders darauf, wie er als Mensch wahrgenommen wird: offen, freundlich, herzlich. «Noah war schon als Kind so», erzählt er. «Gross und stark, aber immer jemand, der auf andere schaut.» Ein Gentle Giant, also ein sanfter Riese, nennt er ihn.
Das gilt aber nur abseits des Spielfelds. Sobald Noah auf dem Platz steht, zeigt er seine harte Seite. Drei bis vier Tage pro Woche verbringt er auf dem Trainingsgelände der Saracens in St Albans, rund 15 Autominuten von seinem Zuhause entfernt. Mit dem Klub hat er kürzlich einen Vertrag bis 2029 unterschrieben. Junge Spieler verdienen moderat, können ihr Einkommen aber über Leistungsboni steigern. Etablierte Profis verdienen im Schnitt rund 180000 Franken pro Jahr.
«Air Caluori» hebt ab
Ein paar Stunden zuvor in St Albans: Der Rasen ist noch feucht, als Noah aus dem Auto steigt. Über 30 Spieler sind schon da. Auf dem Programm: zuerst Kraftraum, um elf Uhr eine Verpflegungspause mit Wraps, Proteinshakes, Früchten und süsser Creme. Dienstag ist der intensivste Tag der Woche. Gespielt wird, als wäre es ernst. Wer überzeugt, steht beim Match am Samstag auf dem Feld. «Ich liebe es, wenn es richtig zur Sache geht und ich mich auspowern kann.» Schon als Kind habe er immer «zu viel Energie» gehabt.
Zuerst spielte Noah Fussball, bis ihm ein Trainer wegen seiner Statur Rugby empfahl. Noah ist sofort begeistert von Englands drittbeliebtester Sportart. «Manchmal denke ich noch ans Fussballspielen.» Immerhin: Zum Aufwärmen spielt die Mannschaft Fussball und Cricket. Dann geht es ins Rugby über: Noah springt, pflückt den Rugbyball aus der Luft. Kaum landet er, ist er schon wieder unterwegs – die hohen Sprünge sind seine Superpower und der Grund für seinen Übernamen «Air Caluori».
Nach dem Trainingsblock türmen die Spieler Fried Chicken auf ihre Teller. Viel Zeit zum Abschalten bleibt nicht. Noah Caluori hat Ziele: Er will für England an die Weltmeisterschaft 2027 in Australien – und irgendwann eine Familie gründen. «Ich freue mich schon, beim Eltern-Wettrennen in der Schule meines Kindes alle alt aussehen zu lassen», witzelt Noah, der in einer Beziehung ist. Und noch etwas steht auf seiner Liste: «Endlich raus aus dieser viel zu kleinen Spielerwohnung!»