Was darf man zum Krieg im Nahen Osten sagen?
Der Fussball sucht nach Worten für die Tragödie

Sollen sich Fussballer politisch äussern? Angesichts der explosiven Lage in Israel und Palästina gleicht das einem Hochseilakt mit grosser Absturzgefahr.
Publiziert: 13.10.2023 um 20:03 Uhr
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Aktualisiert: 13.10.2023 um 21:10 Uhr
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Arsenal-Spieler Oleksandr Sintschenko zeigte auf Instagram seine Solidarität mit Israel.
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Patrick MäderAutor Blick Sport

Krieg, Terror, Vergeltung, Tote, Massaker, Angst, Gewalt, Leid … der Nahe Osten bebt und die Welt ist aus den Fugen. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist komplex – nicht erst seit der Gründung des Staates Israel 1948 und dem damaligen «Palästinakrieg». Oder sagt man korrekterweise «israelischen Unabhängigkeitskrieg»? Was darf man sagen, was darf man nicht sagen?

Was man unbedingt sagen muss: Dass Terror niemals eine Lösung sein kann und ohne Wenn und Aber zu verurteilen ist. Die verabscheuungswürdigen Taten der Hamas der letzten Tage hat diesen ungelösten Konflikt wieder ins Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit gerückt. Wohl nicht zum Guten für die Ukrainer, die medial gerade aus dem Blickfeld gedrängt werden, was schlecht ist, wenn man weltweite Solidarität und Hilfe so dringend benötigt.

Fussballer auf dünnem Eis

Und wir, die wir nur zuschauen können? Stehen da und reiben uns die Augen und können nur erahnen, wie viel Leid den Menschen angetan wird und noch bevorsteht – der unschuldigen Zivilbevölkerung auf allen Seiten. Aber was dazu sagen, was nicht? Welche Fragen sind legitim? Etwa diese? Warum reagiert der Westen mit Kritik so zurückhaltend, obwohl die Menschen in Gaza nun komplett abgeriegelt werden – auch mit Nahrung, Wasser und Strom? Darf man auf unmenschliches Leid mit unmenschlichem Leid reagieren?

Viele äussern sich, wollen ihr Mitgefühl ausdrücken, tun dies oft über ihre Sozialen Kanäle. Auch Fussballer sind da keine Ausnahme. Doch bewegen sich alle auf sehr dünnem Eis.

Oleksandr Sintschenko, 26-jähriger ukrainischer Abwehrspieler in Diensten von Arsenal, hat vor ein paar Tagen in einer Instagram-Story seine Solidarität mit Israel kundgetan. Sintschenko, das ist der Mann, der vor 16 Monaten vor dem WM-Qualifikationsspiel der Ukraine gegen Schottland weinend vor die Medien trat und über die Schrecken des Krieges in seinem Heimatland sprach und über den unbändigen Wunsch nach Frieden.

Shitstorm gegen Arsenal-Profi

Ein hochemotionaler Auftritt, der aufzeigte, welch grosse Last die ukrainischen Fussballer tragen, wenn sie ins Stadion einlaufen. Nun hat sich Sintschenko auch zum Krieg im Nahen Osten geäussert. «Ich stehe an der Seite Israels», war das Zitat, das der Spieler in seiner Instagram-Story teilte. Es folgte ein übler Shitstorm mit der Folge, dass der Spieler seinen Account auf «Privat» stellte und die Story löschte.

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Auch andere Fussballer äusserten sich schon politisch zu diesem Konflikt: Vor zwei Jahren forderten Riyad Mahrez, Mohamed Salah und Mesut Özil ein Ende der Gewalt in der Region. Und am Montag hat sich auch Aissa Laidouni (26) geäussert. Der tunesische Spieler von Bundesligist Union Berlin. Er teilte auf Instagram ein Bild, das die Flagge der Palästinenser und betende Hände zeigt. «Was will er uns damit sagen?», fragte die Bild-Zeitung. Auch dieser Post löste heftige Reaktionen aus.

Schalke-Spieler Yusuf Kabadayi (19) veröffentlicht ein Foto mit palästinischen Flaggen, in die Höhe gereckten Fäusten und dem Satz: «I stand with Palestine». Auch darüber berichtete die Bild-Zeitung. Die Insta-Posts der beiden Fussballer sind inzwischen verschwunden und Kabadayi entschuldigte sich öffentlich: «Das war unüberlegt. Ich wünsche mir nur, dass beide Seiten friedlich leben können. Mein Beileid allen Opfern. Ich bin gegen den Krieg und jegliche Art von Unterdrückung. Ich bin ein Moslem und wir stehen nicht für Gewalt oder Terror. Ich unterstütze die unschuldigen Moslems und alle Leidtragenden in diesem Krieg.»

Englischer Verband löst Dilemma

Politische Positionierung? Ein schwieriges Unterfangen für Sportler, wenn man in der Öffentlichkeit steht und die Rolle des unbescholtenen Vorbilds einnehmen sollte. Vielleicht müsste man den jungen Spielern sagen, dass das keine gute Idee ist, egal in welche Richtung, wenn man sich nicht zum Ziel von Angriffen machen lassen will. Doch es zeigen nicht nur Fussballer Flagge, auch Klubs und Verbände tun dies ab und zu.

Der englische Verband liess 2022 das Wembley-Stadion in den Nationalfarben der Ukraine leuchten. Trotz Forderungen aus der Politik verzichteten die Entscheidungsträger nun auf eine ähnliche Geste. Für das Testspiel am Freitagabend gegen Australien trugen die Spieler schwarze Trauerbänder am Arm und es gab eine Schweigeminute, aber das Stadion wurde nicht in israelischen Farben beleuchtet.

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Verbot israelischer und palästinensischer Flaggen

So wird es auch beim EM-Quali-Spiel der Engländer am Dienstag gegen Italien sein. Zudem sind im Wembley keine israelischen und palästinensischen Flaggen erlaubt. Der Hintergrund scheint klar: Man will das Stadion nicht zum politischen Ort machen und sich in der heiklen Thematik nicht die Finger verbrennen.

Aber es geht um die vielen toten Zivilisten auf beiden Seiten. Bei dieser menschlichen Tragödie darf sich der Sport nicht zurückhalten. «Wir gedenken den unschuldigen Opfern der verheerenden Ereignisse in Israel und Palästina», heisst es in der englischen Verbandsmitteilung ausgewogen. «Wir stehen für Menschlichkeit und ein Ende von Tod, Gewalt, Angst und Leid.» Diesen Worten können wir uns nur anschliessen.


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