Und plötzlich muss Mattia Croci-Torti (43) ganz dringend die Jacke ausziehen. Es ist beissend kalt in Thun. Aber der Trainer des FC Lugano spürt das innere Feuer. Soeben ist sein Spieler Uran Bislimi (26) vom Platz gestellt worden. Zu Unrecht, findet Croci-Torti, weil Bislimi doch vorher schon gefoult worden sei: «Zwei Fouls, Mamma mia! Zwei Fouls!»
Zu sehen ist in den Wiederholungen höchstens ein kleiner Schubser. Und auch der ist nicht Schuld daran, dass Bislimi mit hohem Risiko, den Fuss voran, in den Kopf von Thuns Goalie Niklas Steffen (24) grätscht. Es ist eine Szene, die an den Einsatz von Renato Steffen im September gegen Lausanne erinnert. Nur, dass sich der damals selber schwer verletzt. Das bleibt Bislimi erspart. Vom Platz muss er in der 74. Minute trotzdem.
Am Ende aber darf er sogar feiern. Weil seinen Teamkollegen in Unterzahl das einzige Tor der Partie gelingt. Der Italiener Claudio Cassano (22) trifft in seinem fünften Einsatz für Lugano zum ersten Mal. Das Tor aus der 86. Minute bleibt das einzige der Partie.
Damit ist eine bemerkenswerte Serie gerissen: Die Thuner haben zuletzt sechs Spiele hintereinander gewonnen. Jetzt wird der Aufsteiger vom FC Lugano als formstärkstes Team der Super League eingeholt. Die Tessiner haben wie Thun fünf der letzten sechs Partien gewonnen. Die Aufholjagd der Luganesi nach reichlich missratenem Saisonstart wird immer eindrücklicher.
Dabei hätten die Thuner auch an diesem eiskalten Abend die Chancen, die Partie für sich zu entscheiden. Wobei in Halbzeit eins fast nichts passiert. Der grösste Aufreger kommt praktisch mit dem Pausenpfiff. Kastriot Imeri (25) schiesst aus aussichtsreicher Position. Der Ball geht Mattia Zanotti (22) an den Arm. In der Hintertorkamera-Perspektive kann man den Eindruck bekommen, der Italiener nehme eine vergrösserte Silhouette zumindest in Kauf. Der Video-Assistent korrigiert Schiedsrichter Nico Gianforte (32) nicht – kein Penalty.
Nach dem Seitenwechsel kommt Thun auf. Aber bei den Luganesi schwingt sich einer zum Matchwinner auf, der einer der grössten Verlierer der Saison zu werden schien: Amir Saipi (25). Der hat seinen Platz im Tor eigentlich an David von Ballmoos (30) verloren. Aber jetzt, da der Konkurrent verletzt fehlt, zeigt er seine besten Saisonleistungen. Besonders stark hält er, als Michael Heule (24) in der 52. Minute plötzlich ganz alleine vor ihm auftaucht.
Damit bleibt die Geschichte zwischen den Luganesi und der Stockhorn Arena eine spezielle. Einerseits ist da die Erinnerung an ein peinliches 0:5 im August gegen die Slowenen des NK Celje in der Qualifikation zur Conference League. Andererseits fühlen sich die Luganesi wegen ihrer europäischen Exil-Spiele im Berner Oberland so heimisch, dass einige Spieler vom Bus schnurstracks in die Garderobe des FC Thun abbiegen. Und dass am Ende als Sieger vom Platz gehen.
86. Minute, Claudio Cassano, 0:1. Koutsias setzt sich links gegen Dähler durch, läuft zur Grundlinie und legt mit Übersicht zurück auf Cassano. Der schiebt unhaltbar unten rechts ein.
Leonardo Bertone, FC Thun: «Wir hatten Chancen auf ein, zwei Tore. Wenn du die nicht machst, lässt du irgendwann eine zu. Wir gehen unseren Weg weiter. Nächstes Wochenende wollen wir wieder Gas geben.»
Handspiel, ja oder nein? Nach einem Abschluss von Imeri klärt Zanotti den Ball mit der Hand am Körper. Hätte sich Gianforte diese Szene genauer ansehen müssen? Genau dieser Moment hätte Thun vielleicht den entscheidenden Punktgewinn bringen können und sorgt daher für Gesprächsstoff nach dem Spiel.
Anto Grgic. Spielt unaufgeregt, ruhig und überlegt, ist der Dreh- und Angelpunkt im Lugano-Spiel. Jede Aktion läuft über ihn, er löst Drucksituationen souverän und verteilt die Bälle präzise. Ohne ihn würde Lugano deutlich weniger Struktur haben. Zusammen mit Saipi klar der spielentscheidende Faktor.
Uran Bislimi. Zeigt kaum Bezug zum Spiel und bleibt im Schatten seines Captains. Die unnötige Rote Karte nach 75 Minuten macht seinen Abend endgültig zum Desaster und schwächt sein Team.
Nico Gianforte greift früh zu Karten und lässt erstaunlich viel Diskussion mit den Spielern zu, zieht aber konsequent seine Linie durch. Ansonsten erlebt Kanagasingam am Bildschirm einen ruhigen Samstagabend.
7353 Zuschauer. Durch dicke Mützen und Schals hallen die Fangesänge dennoch durchs Stadion. Vereinzelt wird Pyro gezündet, doch es bleibt alles fair und gesittet im Berner Oberland. Erst gegen Ende, als das Spiel etwas an Tempo gewinnt, werden auch die Zuschauer aktiver.
Thun ist am kommenden Sonntag um 16.30 Uhr in Lausanne zu Gast. Lugano bestreitet am Mittwoch um 19 Uhr das Nachholspiel zu Hause gegen St. Gallen, bevor es am Samstag um 18 Uhr gegen Sion geht.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 19 | 16 | 40 | |
2 | FC St. Gallen | 19 | 16 | 37 | |
3 | FC Lugano | 19 | 5 | 33 | |
4 | FC Basel | 19 | 8 | 32 | |
5 | BSC Young Boys | 19 | 0 | 29 | |
6 | FC Sion | 18 | 4 | 27 | |
7 | FC Zürich | 19 | -7 | 24 | |
8 | FC Luzern | 19 | 0 | 21 | |
9 | FC Lausanne-Sport | 18 | 0 | 21 | |
10 | Servette FC | 18 | -6 | 20 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 19 | -9 | 17 | |
12 | FC Winterthur | 18 | -27 | 10 |






