FCB-Trainer Timo Schultz im grossen Interview
«Der FCB darf nicht zum Selbstbedienungsladen werden»

Er hat sein ganzes Leben in Norddeutschland verbracht, nun soll Timo Schultz den FC Basel zum Erfolg zurückführen. Im Antrittsinterview verrät er, wie viel Mut der Schritt aus der Komfortzone gebraucht hat.
Publiziert: 15.07.2023 um 12:11 Uhr
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Aktualisiert: 15.07.2023 um 12:25 Uhr
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Timo Schultz im Fanshop des FC Basel.
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Sebastian WendelReporter Fussball

Nach dem Interview gehts fürs Fotoshooting in den Fanshop. Wie es scheint, ist Timo Schultz (45) das erste Mal hier, lässt sich von den Angestellten die Trikots und Kleider zeigen und fragt lachend: «Und wo hängen die Ladenhüter?» Der FC Basel der letzten Jahre ist geprägt von vielen Wechseln und Abgängen – auch auf der Trainerposition. Schultz müsste also nicht allzu lange an der Linie bleiben, um mehr zu erreichen als seine Vorgänger, die jeweils schnell wieder entlassen wurden.

Timo Schultz, wenn Sie irgendwann den FC Basel wieder verlassen: Wie wollen Sie hier als Trainer in Erinnerung bleiben?
Timo Schultz: Das geht ja gut los, schon vor dem ersten Spiel eine Frage zu meinem Abgang (lacht). Wenn die Zuschauer am Ende sagen, sie sind in meiner Zeit hier gerne ins Stadion gegangen, weil eine Einheit auf dem Platz stand, die Bock hatte, Fussball zu spielen und leidenschaftlich zu verteidigen, dann wär ich schon sehr zufrieden.

Haben Sie sich eigentlich bei Sportchef Heiko Vogel beworben?
Der Klub hat tatsächlich Kontakt zu mir aufgenommen. Beworben habe ich mich nirgends.

Als der FCB im Frühling auf Sie zukam, waren Sie da schon auf Klubsuche – drei Monate nach der Entlassung bei St. Pauli?
Ich war schon eher noch in der Verarbeitung der Zeit in Hamburg und schob die Anfragen, die reinkamen, auf die lange Bank. Doch als dann der FC Basel angerufen hat, war der erste Gedanke: Das will ich auf jeden Fall machen.

Sie sitzen auf einem Schleudersitz, sind der sechste Trainer seit Anfang 2021. Beschäftigt Sie das?
Heutzutage hat ein Trainer eine durchschnittliche Verweildauer von zirka 1,4 Jahren. Mache ich mir darüber Gedanken, habe ich den falschen Job. Ich geniesse jeden Tag hier, will etwas bewegen, guten Fussball spielen lassen und Erfolg haben. Alles andere interessiert mich nicht.

Timo Schultz persönlich

Der 45-jährige Timo Schultz (26. August 1977) verbrachte sein ganzes Leben in Norddeutschland, südlichste Station war Anfangs der Profikarriere Werder Bremen. Via Lübeck und Kiel landete er 2005 beim FC St. Pauli, wo er als Trainer, Teammanager, Jugend- und Profitrainer bis zur Entlassung Ende 2022 18 Jahre blieb. Seit Anfang Juni ist er Cheftrainer des FC Basel. Ehefrau Mareelke und die Kinder Hannah, Paul und Frieda bleiben in Hamburg.

Der 45-jährige Timo Schultz (26. August 1977) verbrachte sein ganzes Leben in Norddeutschland, südlichste Station war Anfangs der Profikarriere Werder Bremen. Via Lübeck und Kiel landete er 2005 beim FC St. Pauli, wo er als Trainer, Teammanager, Jugend- und Profitrainer bis zur Entlassung Ende 2022 18 Jahre blieb. Seit Anfang Juni ist er Cheftrainer des FC Basel. Ehefrau Mareelke und die Kinder Hannah, Paul und Frieda bleiben in Hamburg.

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Sie haben sich im Frühling viele FCB-Spiele im Stadion angeschaut. Warum?
Um Eindrücke zu bekommen von den Spielern, mit denen ich nun tagtäglich im Training arbeite. Aber ich war nicht nur an FCB-Spielen, sondern auch zum Beispiel bei GC–St. Gallen. Um ein Gespür für das Niveau der Super League zu bekommen. Ah ja, im Aarauer Brügglifeld war ich auch, herrlich, auch wenn ich von der hintersten Reihe auf der Tribüne nur die Hälfte gesehen habe.

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Der FC Basel muss sparen, gleichzeitig sollen wieder Titel her. Nur Zauberer bringen eine Quadratur des Kreises hin.
Der Begriff triffts ganz gut. Auf der einen Seite ist wegen der geringen TV-Einnahmen jeder Super-League-Klub auf Transfererlöse angewiesen. Andererseits wünsche ich mir als Trainer logischerweise, dass die besten Spieler bleiben und dass es mit den Abgängen aufhört. Der FC Basel darf nicht zum Selbstbedienungsladen werden und das wird auch nicht passieren.

In einer Woche das erste Ligaspiel in St. Gallen, danach gleich die Europacup-Qualifikation. Können Sie wegen der Fluktuation überhaupt schon eine Stammelf erahnen?
Dafür habe ich ja noch eine Woche Zeit (schmunzelt). Im Ernst: Natürlich wäre es aus Trainersicht optimal gewesen, wenn wir uns seit Wochen mit allen verfügbaren Spielern hätten einspielen können, da brauchen wir nicht drum herumzureden. Aber das ist auch unser Los in der Schweizer Ausbildungsliga. Wir haben junge, talentierte Spieler im Kader und viele von ihnen durften an die U21-EM fahren. Nochmals andere waren mit den A-Nationalteams unterwegs. Das ist aber immer auch ein Kompliment an den Klub. Und vielleicht stellen wir ja schon bald noch den einen oder anderen erfahrenen Neuzugang vor …

Apropos erfahrene Spieler: Taulant Xhaka, Fabian Frei, Michael Lang und Co. wünschten sich Heiko Vogel als langfristige Trainerlösung. Doch jetzt stehen Sie da.
Eine andere Aussage über ihren künftigen Sportchef wäre taktisch sehr unklug gewesen (lacht). Im Ernst: Ich kann ihren Wunsch zu hundert Prozent verstehen. Heiko ist ein Supertyp. Und wer mit seiner direkten und ehrlichen Art nicht zurechtkommt, muss den Fehler bei sich selber suchen. Die genannten Spieler haben mich hier mit offenen Armen empfangen.

Ihr Vor-Vorgänger Alex Frei hat sich getraut, die heiligen Kühe Xhaka und Frei auf die Bank zu setzen. Trauen Sie sich das auch?
Mit Spielern, die über 500 Spiele für den Verein gemacht haben, musst du als Trainer ganz klar kommunizieren. Sie haben wahnsinnige Verdienste hier und gehen nun auch im Training voran, haben richtig Bock. Spieler, die von mir mehr Rechte bekommen, müssen alles für den maximalen Erfolg tun. Unter dem Strich gilt auch für sie das Leistungsprinzip, das wollen Fabi und Tauli aber explizit auch.

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Anders als Heiko Vogel wollen Sie sich nicht mit den Schiedsrichtern anlegen. Weil Sie ein nachsichtiger Mensch sind?
Weil ich meine Energie für Dinge aufwenden will, die ich beeinflussen kann.

Was nicht heisst, dass Sie immer einverstanden sind?
Bestimmt nicht. Aber ich könnte es mit Sicherheit nicht besser als die Schiedsrichter.

Sie wirken gegen aussen cool, gelassen, entspannt. Was bringt Sie auf die Palme?
Spieler, die ihr Talent verschwenden. Wenn ich jungen Spielern vermittle, wie man sich als Profi verhält und sehe sie dann im Kraftraum 18 von 20 Minuten ins Handy starren – da werde ich sauer. Überhaupt das Handy in den Kraftraum zu nehmen ist ein No-Go.

Und in die Kabine?
Ich bin ja nicht blauäugig, habe eine 17-jährige Tochter und weiss, wie wichtig das Ding ist. Entscheidend ist, dass im Kraftraum, beim Physiotermin und auf dem Platz der Fokus voll auf der Arbeit liegt. Längere Konzentration auf ein Thema, die Bereitschaft für Drecksarbeit, das sind gerade bei jüngeren Spielern grosse Themen.

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Also nicht mehr selbstverständlich?
Definitiv nicht, das hat sich verändert. Aber da ist das Handy dann wieder gut, wenn ich ihnen eine Videosequenz da drauf schicken kann statt sie ins Büro zu holen. Heutzutage haben die Spieler mehr Angst vor einem Shitstorm auf Instagram als von mir unter vier Augen eine klare Ansage zu bekommen.

Wie gross ist Ihr Handykonsum?
Sehr überschaubar. Social Media lasse ich sein, lieber lese ich ein gutes Buch, statt mir 20 Blogs reinzuziehen.

Sie haben bislang nie südlicher als Bremen gelebt und gearbeitet. Wieviel Mut hat der Schritt nach Basel gebraucht?
In Basel bin ich ja im Norden der Schweiz gelandet. Vor zehn Jahren hätte ich den Schritt wegen der Familie nicht gemacht. Heute sind meine Kinder gross. Und ich bin nicht aus der Welt. Von hier bin ich mit dem Flugzeug schneller in Hamburg als von Köln aus mit dem Auto. Aber ja, es ist ein Schritt raus aus der Komfortzone, von dem ich mir schon viele neue Erfahrungen, als Mensch und als Trainer, für meinen Rucksack erhoffe.

Welche Schweizer Eigenart haben Sie schon übernommen?
«Grüezi» sagen hat man mir nach zwei, drei Versuchen bereits verboten (lacht). Gerne würde ich eine gute Schweizer Schokolade essen, das mache ich, wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin. Ah ja: Das Rheinschwimmen habe ich bereits probiert. Mittlerweile habe ich schon vier Wickelfische.

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Was hat Sie im ersten Monat in der Schweiz überrascht?
Vor ein paar Wochen war ich mit einem Kumpel in Istanbul. Nie würde ich dort auf die Idee kommen, selber Auto zu fahren. Hier in Basel habe ich mir kürzlich ein Fahrrad gemietet und im Stadtverkehr haben mich die Autofahrer dann nett reingewunken. Das Freundliche, Höfliche und Zuvorkommende, das kenne ich so schon auch aus Deutschland.

Wie vertreiben Sie sich in Basel die Freizeit?
Vor dem Trainingsstart habe ich viel gemacht, die Stadt entdeckt. Seit es losging, hatte ich erst einen freien Nachmittag, an dem ich mir ein Bitter Lemon geholt und mich zwei Stunden an den Rhein gesetzt habe.

Wird man Sie in der Stadt antreffen, als Trainer zum Anfassen?
Wenn ich schon in einer so tollen Stadt bin, will ich die auch entdecken. Und wenn die Familie zu Besuch ist, will ich ihnen die schönen Plätze zeigen und sie in gute Restaurants ausführen. Da sollte ich mich schon ein wenig auskennen.

Jungfraujoch, Matterhorn – wird man Sie dort als Tourist antreffen?
Naja, alles was über die Meereshöhe geht, muss nicht sein.

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Höhenangst?
Im Trainingslager sind wir auf eine Almhütte gewandert, nach zwei Stunden hats mir dann auch gereicht. Ich fahre lieber Fahrrad, sitze gerne am Fluss, dafür ist Basel ideal.

Eine Klischeefrage: Muss man sich regelmässig auf der Reeperbahn zeigen, um wie Sie eine Ikone des FC St. Pauli zu werden?
Bei St. Pauli gibts keinen Kult um Spieler oder Trainer, der Verein steht über allem und vertritt gewisse Werte. Das Publikum hat das Gespür dafür, wer diese Werte lebt und wer nur da ist zum Fussballspielen. Ich mag den Begriff Ikone nicht. Aber ja, ich war das eine oder andere Mal auf dem Kiez, vor allem als Spieler. Da kann man sich gut vergnügen, aber es ist nicht das, was den Verein auszeichnet.

Wie stehen Sie zum Kult rund um den FC St. Pauli?
Den Begriff Kult mögen wir überhaupt nicht. Weil: Werte wie die Ablehnung von Rassismus, Offenheit und Toleranz gelten überall, auch hier beim FC Basel. Die Fans von St. Pauli leben sie vielleicht mit mehr Vehemenz. Allgemein als Gesellschaft würde es uns guttun, einen Gang zurückzuschalten, etwa Toleranz als selbstverständlich zu betrachten. Und nicht immer alles und jeden mit einem Shitstorm einzudecken.

Waren Sie eigentlich ein guter Fussballer?
Nein.

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Sie haben in der Bundesliga gespielt. Dafür muss man schon was können, oder?
Das grösste Kompliment hat mir mal ein Mitspieler gemacht: Schulle, ich fühle mich wohler, wenn du auf dem Platz stehst. Praktisch in jedem Sommer hat der Verein auf meiner Position talentiertere Spieler geholt – am ersten Spieltag stand dann doch ich auf dem Platz. Ich habe das Spiel ganz gut verstanden, wusste, was es in welcher Situation braucht. Und ich konnte kaschieren, was ich nicht so gut konnte.

Was ist der grösste Unterschied zwischen Ihrer Spielergeneration und der heutigen?
Als der Trainer früher sagte, lauft mal zwölf Runden, hiess es: Wie schnell? Heute wollen die Spieler wissen: Warum? Das hat viele Vorteile, weil ich ja mit mündigen Spielern arbeiten will. Ich liebe es, von den Spielern gefordert zu werden.

Was verlangen Sie von Ihren Spielern?
Dass sie gerne ins Training kommen und sich mit unseren Vorgaben auseinandersetzen. Und dass sie den FC Basel jederzeit anständig repräsentieren.

Zweitletzte Frage: An was krankt eigentlich der deutsche Fussball?
In erster Linie an der immensen Erwartungshaltung. Wir Deutsche haben Drang, immer nach dem zu suchen, was wir nicht so gut können. Wir haben so viele unfassbar gute Fussballer. Auch wenn wir in den letzten Turnieren nicht ins Finale gekommen sind, sind wir eine tolle Fussballnation. Andere Länder arbeiten im Nachwuchsbereich wahrscheinlich momentan besser als wir. Trotzdem sehe ich uns nicht so schlecht, wie wir uns machen.

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Wenn Sie Basel wieder verlassen, wie wollen Sie als Mensch in Erinnerung bleiben?
Wenn ich irgendwann, hoffentlich erst in zehn, fünfzehn Jahren, nach Basel zurückkomme und die Leute freuen sich und gehen mit mir auf einen Kaffee, dann ist zumindest neben dem Platz vieles richtig gelaufen.

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