Johan Djourou im Interview
«Die Nati ist noch nicht richtig getestet worden»

Johan Djourou verfolgt als TV-Experte von RTS die EM in Deutschland. Im Blick-Interview spricht er über den Viertelfinal-Gegner England, die Nati, seine Erfahrungen als TV-Experte und seinen neuen Job im Frauenfussball.
Publiziert: 04.07.2024 um 20:24 Uhr
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Aktualisiert: 04.07.2024 um 21:28 Uhr
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Johan Djourou verfolgt die EM in Deutschland als TV-Experte von RTS.

Blick: England hat bisher nicht überzeugt. Einverstanden?
Johan Djourou: Jeder sagt: nicht gut. Aber wenn wir über die Qualität der einzelnen Spieler sprechen, haben sie die beste Mannschaft an diesem Turnier, besser als Frankreich. Mbappé ist ein anderer Spielertyp als Kane, aber dieser hat eine immense Erfahrung. Foden ist stark, Rice ein unglaublicher Athlet, Mainoo ebenfalls – und so weiter. Und sie haben als Team viel Erfahrung gesammelt, waren vor drei Jahren im EM-Final, haben an der WM in Katar im Viertelfinal gegen Frankreich ein hervorragendes Spiel gemacht, sind aber trotzdem ausgeschieden.

Gegen die Slowakei standen Sie auch kurz vor dem Aus …
So ein Spiel, in dem du praktisch ausgeschieden bist, kann etwas auslösen und gibt dir Vertrauen. Als Mannschaft hat es bis jetzt noch nicht so geklappt, aber individuell ist England sehr stark.

Trainer Southgate steht arg in der Kritik.
Es scheint, als habe er bislang noch nicht die richtige Mischung gefunden. Cole Palmer hat noch nicht viel gespielt, obwohl er der beste Spieler bei Chelsea war. Von der individuellen Klasse her ist England gegen uns der Favorit, von der Mannschaft her nicht.

Sind Sie überrascht, wie stark die Nati auftritt?
Nein, denn die Qualität ist vorhanden. Wir haben den Fehler gemacht, das Team zu sehr mit demjenigen im Herbst zu vergleichen. Aber ein solches Turnier ist immer ein Neuanfang, viele Spieler sind mit Selbstvertrauen angereist. Die Schweiz hatte immer eine gute Mannschaft, sie ist schwierig zu schlagen und für den Gegner schwierig auszurechnen, weil man nie genau weiss, was kommt. Gegen Schottland hatten alle erwartet, dass wir gewinnen, aber es wurde für uns ein kompliziertes Spiel.

Was erwarten Sie gegen England?
Ich hoffe, die Nati erwischt am Samstag einen super Tag. Das Spiel wird ein guter Test, denn bislang sind wir noch nicht richtig getestet worden. Wir haben Italien geschlagen, den Titelverteidiger und eine grosse Nation, ein tolles Spiel gemacht und die Partie von A bis Z kontrolliert. Aber die Qualität der Italiener war nicht jene von früheren Teams, wir hätten auch 4:0 gewinnen können. Nun kommt eine andere Mannschaft.

Wenn die Nati verliert, wird auch Ihr Job als TV-Experte von RTS vorbei sein.
Es hat Spass gemacht. Ich habe auch dank meiner Erfahrungen bei RMC viel gelernt und das Business von dieser Seite kennengelernt. Der Job ist nicht so einfach, wie viele vielleicht denken. Nicht alle können ihn machen. Aber ich hatte schon früher oft einen anderen Blickwinkel, habe vieles hinterfragt, weshalb ich den Zuschauern diese Erfahrung und viele kleine Details mitgeben konnte.

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Was macht den Job so schwierig?
Während der Kommentator mit den Aktionen und den Emotionen mitgehen kann, musst du als Experte ruhig analysieren und in kurzer Zeit etwas präzise erklären können. Und du musst dich artikulieren können, aber es gibt viele Fussballer, die nicht eloquent sind. Und als Ex-Fussballer denkst du immer, du weisst alles. Aber der Fussball entwickelt sich weiter, und damit musst du umgehen können.

Sie müssen auch Ihre ehemaligen Mitspieler wie Xhaka oder Rodriguez bewerten …
Bevor ich etwas Negatives sage, halte ich besser die Klappe. Klar passieren Fehler, aber das heisst nicht, dass ein Spieler schlecht ist, sondern ich will erklären und den Zuschauern einen Kontext geben, warum es zu einem Fehler gekommen ist. Weil zuvor ein Spieler vielleicht zu früh attackiert hat, dadurch eine Lücke entstanden ist und so weiter. Ich will die Zusammenhänge erklären und nicht einfach sagen, dass es ein Fehler war.

Sie sind mit ehemaligen Teamkollegen im Kontakt. Welche Dinge dürfen Sie preisgeben und welche nicht?
Was wir diskutieren, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, das ist privat, denn sie sind meine Freunde. Aber wenn wie im letzten Herbst die Medien Murat Yakin kritisieren, dann weiss ich, wie es in einer solchen Situation als Spieler in der Kabine ist, denn ich habe solche schwierigen Phasen und Momente auch erlebt. Dies kann ich dann erklären.

Johan Djourou persönlich

Johan Djourou wird am 18. Januar 1987 in Abidjan in der Elfenbeinküste geboren. Er wird mit 17 Monaten von seiner leiblichen Mutter weggegeben und von der Frau seines Vaters adoptiert. Er wächst in Genf auf. 2003 wechselt er noch in der Jugend von Etoile Carouge zu Arsenal und gibt mit 17 Jahren unter Arsène Wenger sein Debüt bei den «Gunners». Knapp zehn Jahre wohnt er in England, ehe er 2013 via Hannover zum HSV kommt. Später spielt er auch in der Türkei, in Italien, kurz bei Xamax und Sion und in Dänemark. Für die Schweiz absolviert Djourou 76 Länderspiele und nimmt an fünf Endrunden teil. Djourou ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Am Montag tritt er seine Aufgabe als Sportlicher Koordinator des Frauen-A-Nationalteams im SFV an.

Johan Djourou wird am 18. Januar 1987 in Abidjan in der Elfenbeinküste geboren. Er wird mit 17 Monaten von seiner leiblichen Mutter weggegeben und von der Frau seines Vaters adoptiert. Er wächst in Genf auf. 2003 wechselt er noch in der Jugend von Etoile Carouge zu Arsenal und gibt mit 17 Jahren unter Arsène Wenger sein Debüt bei den «Gunners». Knapp zehn Jahre wohnt er in England, ehe er 2013 via Hannover zum HSV kommt. Später spielt er auch in der Türkei, in Italien, kurz bei Xamax und Sion und in Dänemark. Für die Schweiz absolviert Djourou 76 Länderspiele und nimmt an fünf Endrunden teil. Djourou ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Am Montag tritt er seine Aufgabe als Sportlicher Koordinator des Frauen-A-Nationalteams im SFV an.

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Wie gingen Sie früher mit medialer Kritik um?
Ich hatte kein Problem damit, weil ich wusste, dass nicht jeder meinen Job auf dem Feld machen kann. Ich gab immer 100 Prozent, versuchte mein Bestes. Fehler passieren. Der Unterschied: Im Fussball schauen 50’000 zu, wenn einer im Büro einen Fehler macht, merkt es niemand. Jeder würde gerne auf dem Platz stehen, deinen Job machen, darum gibt es so viele Meinungen, und jeder glaubt, es besser zu wissen. Aber nur wenn du da unten bist, weisst du, wie es ist, was es heisst, mit diesem Druck umzugehen.

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Gab es schwierige Phasen in der Nati?
Eigentlich hatte ich nur gute Momente. Vor der WM in Brasilien machten die Deutschschweizer Medien Stimmung, dass Schär spielen muss, das gab mir einen zusätzlichen Push. Es ist immer gut, wenn die Medien ein wenig provozieren und es du ihnen dann zeigen kannst, so quasi ‹Haltet die Klappe›. Ich habe nicht viel gesprochen, wollte mehr meine Leistung auf dem Platz sprechen lassen. Die WM 2014 war überragend. Alle sprechen von diesem Frankreich-Spiel vor drei Jahren, aber für mich war der Achtelfinal gegen Argentinien 2014 das beste Nati-Spiel aller Zeiten, denn wir hätten Argentinien schlagen müssen.

Das Duell gegen England ist für viele das grösste Spiel der Karriere. Was geht vor einem solchen in einem Spieler vor?
Als Fussballprofi bist du dir solche Spiele gewohnt. Du stehst jeden dritten Tag unter Druck, in der Liga, in der Champions League, du musst dich immer fokussieren, deswegen ist es für viele Spieler eigentlich Daily Business. Es ist eher für die Medien eine spezielle Partie, weil sie das Ganze auch in einen historischen Kontext setzen. Aber als Spieler weisst du, du musst dich zuerst fokussieren, das Spiel absolvieren, erst danach hast du Geschichte geschrieben – und nicht vorher.

Wie wichtig ist die Erfahrung?
Die Erfahrung hilft, weil du weniger Stress hast, vor einem solchen Spiel ruhiger bist und dich weniger ablenken lässt als ein junger oder unerfahrener Spieler. Ein Vorteil ist auch, dass Xhaka, Akanji und Sommer Titel gewonnen haben. Oder wenn ich die Bologna-Spieler sehe, mit wie viel Intensität sie spielen, die sie in ihrem Klub tagtäglich im Training geübt haben. Das ist ein Verdienst von Thiago Motta, der ein hervorragender Trainer ist.

Das Team ist seit mehreren Wochen zusammen. Besteht da nicht die Gefahr eines Lagerkollers?
Die Turniere waren für mich etwas vom Schönsten in meiner Karriere, die Stimmung war immer gut. Du spielst Karten, Basketball oder Tischtennis, sprichst mit deinen Teamkollegen, aber kannst dich auch einmal zurückziehen. Zwischendurch kommen die Familien, was für etwas Abwechslung sorgt. Und wenn du gewinnst, sind der Zusammenhalt und die Stimmung natürlich noch besser.

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Sie haben zehn Jahre in England gelebt. Was macht die Faszination Fussball dort so speziell?
Fussball ist in England wie eine Religion, jeder spricht über Fussball, denn dieser ist Teil der englischen Kultur. Wenn zum Beispiel der Spielplan der Premier League rauskam – Mamma Mia. Oder die Weihnachtstage mit dem Boxing Day. Die Menschen sind fussballverrückt.

War das als Spieler unangenehm?
Nein, klar wirst du immer wieder angesprochen – auch heute noch. Vor kurzem war ich mit meiner Tochter bei Arsenal im Stadion, ich musste unzählige Selfies machen. Ob Alt oder Jung, sie leben für den Klub, aber sie sind sehr respektvoll gegenüber den Spielern, das erlebt man in dieser Form nirgendwo. Ich fühlte mich immer sehr wohl, und Kritik gab es nur von den Medien.

Gab es da Probleme?
Nein, ich hatte es auch mit den Medien gut. Klar, jeder macht mal ein schlechtes Spiel, aber es gab auch ganz viele gute Spiele. Und Paparazzi tauchten bei mir nicht auf. Ich war immer zu Hause (lacht).

Wer hat Sie an der EM bisher am meisten überzeugt?
Die Spanier, auch wenn auch sie noch nicht richtig getestet wurden. Sie sind stark mit dem Ball und haben vorne enorm viel Power.

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Auch Portugal mit Ronaldo ist noch dabei. Sie haben auch gegen ihn gespielt?
Er ist noch immer aussergewöhnlich, aber nicht mehr der Gleiche wie früher. Er weiss das, was wohl ein Grund war für seine grossen Emotionen, die er gegen Slowenien gezeigt hat. Aber ich mag das. Er muss niemandem mehr etwas beweisen, er hat alles erreicht. Aber er hat noch immer einen solchen Hunger, das ist einfach geil.

Sie haben auch gegen Messi gespielt. Wer war besser?
Für mich war Messi der bessere Spieler, aber es war einfacher gegen ihn zu spielen. Man durfte ihm einfach keinen Raum geben. Aber Ronaldo war damals bei Manchester United so schnell, da konntest du nichts machen, ausser ihn zu Beginn der Aktion foulen. Er war ein unglaublicher Athlet.

Am Montag werden Sie Ihren Job als Direktor des Nationalteams bei den Frauen beginnen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Der Frauenfussball erlebt einen Aufschwung, es gibt ganz viele junge Mädchen und Frauen, die Fussball spielen wollen. Es gibt viel Potenzial, aber um dieses auszuschöpfen, müssen Strukturen geschaffen werden. Wir müssen Ideen und Modelle entwickeln, damit wir mittelfristig und langfristig Erfolg haben – im Nachwuchs, aber auch im Nationalteam. Dass jemand wie Pia Sundhage gekommen ist, zeigt, dass wir auch dort Potenzial haben.

Was ist Ihre Aufgabe?
Ich bin einerseits für das A-Nationalteam verantwortlich und werde in Absprache mit Pia unter anderem auch Spielerinnen besuchen, andererseits bin ich auch Projektleiter des Legacy-Programms. Wir müssen herausfinden, was das beste Modell für den Frauenfussball in der Schweiz ist. Dafür müssen wir viel lernen und ausprobieren.

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Sie haben zuletzt ein Mädchenteam trainiert, weil auch Ihre Töchter Fussball spielen. Was ist der Unterschied zu den Männern?
Die Unterschiede sind nicht so gross, das Wichtigste ist die Leidenschaft. Die Mädchen wollen lernen und fragen nach, warum etwas so oder so gemacht werden soll. Und wenn sie es wissen, sind sie voll dabei. Zu 100 Prozent.

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